ETH-Energiestudie

30. Januar 2013 19:20; Akt: 31.01.2013 13:11 Print

«Als hätten wir noch Telefone mit Wählscheibe»

von Sven Zaugg - Die vom Wirtschaftsdachverband Economiesuisse gesponserte ETH-Studie zur Energiewende in der Schweiz wirft hohe Wellen. Sie tauge nichts und zeichne ein falsches Bild, sagen Kritiker.

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Zankapfel Atomkraftwerke: Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse kritisiert die Energiestrategie 2050 des Bundesrates als «unsolide und volkswirtschaftlich gefährlich». (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

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Der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse zeichnet ein düsteres Szenario und behauptet: Die volkswirtschaftlichen Konsequenzen der bundesrätlichen Energiestrategie 2050 seien gravierender als bisher angenommen: «Bleiben heute noch unbekannte Technologiesprünge aus, drohen der Schweiz je nach Szenario Einbussen von bis zu 25 Prozent des realen Bruttoinlandprodukts (BIP).»

Zu diesem Schluss kommt eine am Mittwoch veröffentlichte Studie, die Economiesuisse bei Professor Peter Egger von der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich in Auftrag gegeben hat.

Just nach der Veröffentlichung der Studie äusserten sich mehrere Parlamentarier kritisch über das Ergebnis der Studie. SP-Nationalrat Roger Nordmann reagiert als erster und twitterte an die Adresse des Wirtschaftsdachverbands: «Um eine propagandistische Schlagzeile zu lesen brauche ich nicht drei Tage.» Die Zürcher Nationalrätin Jacqueline Badran (SP) fragte: «Wie wäre es mit Innovation, Versorgungseffizienz, Chancen nutzen?»

Und die Naturschutzorganisation WWF publizierte umgehend eine Stellungnahme auf ihrer Homepage und kommentierte: «Die Studie nimmt Preise und Technik von vor 13 Jahren und geht davon aus, dass sich beides während 50 Jahren nicht verändert. Als hätten wir heute noch Telefone mit Wählscheibe.»

Studie blendet den technologischen Fortschritt aus

Es ist grobes Geschütz, das die Economiesuisse zusammen mit der Konjunkturforschungsstelle KOF der ETH Zürich auffährt und sie eckt an damit. Ein kurzer Blick in die Wirtschaftsdaten, rückt die Studie denn auch in ein schräges Licht.

So erstaunt es, auf welches Datenmaterial sich die Studie stützt: Als Ausgangspunkt wählte Professor Egger das Jahr 2000, als der Preis pro Barrel Öl der Sorte Brent bei 25 Dollar notierte und die Kilowattsunde Solarstrom noch 1,20 Franken kostete. Kurz: Es waren andere Zeiten.

Fakt ist: Heute hat sich der Ölpreis fast verfünffacht, ebenso ist der Preis für Gas gestiegen. Jahr für Jahr fliessen deshalb rund 10 Milliarden Franken für Öl und Gas ins Ausland. Im Vergleich dazu kostet die Kilowattstunde Solarstrom heute noch knapp 20 Rappen.

Darüber hinaus blendet die Studie den technologischen Fortschritt in Energiegewinnung- und Versorgung der letzten 13 Jahre komplett aus: «Wir sprechen hier vom Solar-Boom oder der Windenergie, just jenen Branchen, die sich mit grossen Schritten weiterentwickelt haben», sagt Patrick Hofstetter, Leiter Abteilung Klima und Energie bei WWF, im Gespräch mit 20 Minuten Online.

«Schlicht gelogen»

Es seien keine besseren Daten erhältlich gewesen, antwortete der Professor an der Medienkonferenz einsilbig auf die Frage, weshalb er das Jahr 2000 als Grundlage für die Studie gewählt habe. Eine Aussage, die Aeneas Wanner, Geschäftsleiter Energie Zukunft Schweiz, in Wallung bringt: «Ich bin von der ETH schwer enttäuscht. Es ist ein Skandal!»

Die ETH spiele mit den «viel zu hohen Zahlen» einmal mehr der Atomlobby in die Hände, kritisiert Wanner: «Dass die Schweiz mit Einbussen von 25 Prozent des realen BIP rechnen muss, wenn sie die Energiestrategie 2050 des Bundes verfolgt, ist schlicht gelogen.»

Der Energieexperte glaubt nicht, dass kein aktuelleres Datenmaterial zur Verfügung gestanden haben soll: Gerade bei der Energie seien Daten über Börsenpreise einfach zugänglich. Wanner wird den Eindruck nicht los, dass die ETH bewusst Daten aus dem Jahr 2000 gewählt hat.

Millionen von der Atomlobby

Wanners harsche Kritik teilt auch Rudolf Rechsteiner, Alt-Nationalrat (SP) und Dozent für Umwelt- und Energiepolitik an verschiedenen Hochschulen. Der Basler ist ein dezidierter Verfechter erneuerbarer Energien und hat die Energie-Debatte in den letzten Jahrzehnten geprägt.

Er sagt ohne Umschweife: «Der Zweck der Studie besteht offenbar darin, die erneuerbaren Energien zu diskreditieren.»

Für Rechsteiner ist klar: «Economiesuisse erhält von der Atomlobby Millionen, um saubere Energien zu verhindern. Dafür ist ihnen offenbar jedes Mittel recht.» Schleierhaft ist für den Alt-Nationalrat zudem die Behauptung, dass überhaupt ein volkswirtschaftlicher Schaden entstehen könnte, wenn sich die Energiestrategie des Bundesrates durchsetzen sollte.

In der Praxis gelte genau das Gegenteil: «Wenn wir Erdöl, Gas und Atomstrom durch einheimische erneuerbare Energien ersetzen, sinken die Unfall- und Kostenrisiken der Konsumenten und es entstehen neue Arbeitsplätze in der Schweiz», erklärt Rechsteiner.

«Diese Forschung ist Standard»

Professor Egger von der ETH wehrt sich gegen den Vorwurf, er habe mit falschen Zahlen operiert. Er behauptet: Bis dato gebe es keine aktuelleren Daten für alle OECD-Staaten zur detaillierten Beschreibung des Güterkreislaufes einer Volkswirtschaft. Egger hält an der Studie fest und erachtet sie als sinnvoll, wenn sie richtig gelesen und nicht als Prognose verstanden werde.

Die Einbusse «von bis zu 25 Prozent des Bruttoinlandprodukts», wie sie die Economiesuisse für die Schweiz befürchtet, ist denn auch nicht für bare Münze zu nehmen. Die Studie geht nämlich von verschiedenen Szenarien aus, in denen der negative Einfluss des BIP von -1,3 Prozent bis -23,5 Prozent reicht.

Das Bundesamt für Energie (BFE) wollte sich zur Studie auf Anfrage von 20 Minuten Online nicht äussern.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Bruno Koller am 31.01.2013 02:38 Report Diesen Beitrag melden

    Die "grüne" Religion

    Mir persönlich fällt an den Reaktionen zu dieser Studie vor allem ihre Heftigkeit auf. Es scheint fast so, als würde die blosse Infragestellung der sog. "alternativen" Energiequellen bzw. die Beschreibung von Risiken für die Volkswirtschaft schon als populistisch wahrgenommen. Dieses Verhalten gewisser Parlamentarier ist für mich Grund genug, die zukünftige Energiepolitik und deren Entscheidungsgrundlagen - von Klimawandel bis Kernenergie - etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

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  • Phönix am 30.01.2013 21:14 Report Diesen Beitrag melden

    Lieber WWF und Interessierte

    Lieber WWF: Ja leider haben wir keine Telephone mit Wählscheiben mehr, die würden weniger Strom fressen als die ganzen Smartphones. Seht doch ein das unser Technologischer Fortschritt in allen Bereichen zu mehr Energieverbrauch kommt. Um die Energie möglichst allen sicherzustellen benötigen wir die Wasserkraft sowie die Kernenergie. Ich unterstütze den total überwachten Kernernergiebranche, als subventionierten billigsolarzellen aus China, welche die benötigten Erze unter weitaus schlimmeren Umständen gewinnen...

  • Christian Müller am 31.01.2013 01:03 Report Diesen Beitrag melden

    Märchen halten sich lange

    Das weiss die Atomlobby nur zu gut. Wie das Märchen Atomstrom sei ohne permanente Umweltbeeinträchtigung (@Christoph Grossmann). Den das benötigte angereicherte Uran kommt ja fixfertig aus dem Boden. Es muss nicht abgebaut und chemisch gewonnen werden. Zurück bleiben nur blühende Landschaften. Und natürlich ist alles völlig CO2 neutral. Auch Transport und Aufbearbeitung braucht es nicht. Bau und Unterhalt der AKW's ist auch Umweltfreundlich. Und die Entsorgung erst, ein Kinderspiel. Die Regionen reissen sich um die Endlager. Wer will nicht solche Sehenswürdikeiten im Wohnort? Ist ja so Harmlos

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Die neusten Leser-Kommentare

  • +++ am 31.01.2013 15:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    abschätzen

    Ich bin gegen den Atomstrom, jedoch werden die "erneuerbaren Energien" auch ihre Tücken haben.

  • Heinz Suess am 31.01.2013 14:12 Report Diesen Beitrag melden

    Was soll das.

    Wo ist das Problem? Ich habe immer noch ein Telefon mit Wahlscheibe und es funktioniert immer noch einwandfrei. Natel habe auch kein, und bin noch glücklich dabei, so stört mich ja niemand.

    • Kaspar Jäggy am 31.01.2013 15:59 Report Diesen Beitrag melden

      Hmmmm ....

      Ich dachte, dass diese "technologie (Wählscheibe)" von Swisscom eca. seit Jahren nicht mehr unterstützt wird?

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  • Silja Baum am 31.01.2013 13:31 Report Diesen Beitrag melden

    Wählscheibe

    Ich habe übrigens noch so eins.......

  • Dani am 31.01.2013 13:05 Report Diesen Beitrag melden

    Politiker

    Woher wollen diese Möchtegern-Experten, welche von Tuten und Blasen keine Ahnung haben, wissen ob diese Studie stimmt oder nicht. Wenn sich jemand darüber auslassen soll dann doch bitte richtige Experten. Ist ja klar dass die grünen und linken mit dieser Studie "etwas" an Bein gepinkelt wurde. Wer heute immer noch glaubt dass die Welt aus der Kernenergie aussteigt und die Produktion von erneuerbaren Energien nicht viel teurer wird als jetzt ist und bleibt ein Träumer. Oder wie ist der Verlauf in Deutschland?!

  • Gonzo am 31.01.2013 13:00 Report Diesen Beitrag melden

    Was ist wohl besser?

    Was ist wohl besser für eine Studie? Mir ist es zehn mal lieber wenn konservative Annahmen getroffen werden (wenig Fortschritt der Technik), als wie in der ersten Studie völlig utopische Annahmen zu treffen die höchst unwahrscheinlich sind (bsp. sinkender Stromverbrauch bei steigender Bevölkerung). Wenn man sich dann noch ansieht wer gegen diese Studie wettert (Grüne, SP, oder Greentec Firmen) ist das ganze Theater ja nur noch halb so schlimm...

    • Hans mit Dampf am 31.01.2013 13:42 Report Diesen Beitrag melden

      Bevormundung

      Ich bin weder Grün noch SP, sondern ein Schweizer Bürger der sich informiert und seine eigenen Gedanken macht..! Und ich habe die Schnauze voll von EconomieSuisse, die versucht uns zu bevormunden und eine falsche Meinung aufzudrücken und Desinformation streut!

    • Luzerner am 31.01.2013 16:27 Report Diesen Beitrag melden

      Total Unrealistisch

      Die Studie geht davon aus, dass bis ins Jahr 2050 kaum technologische Fortschritte gemacht würden, also in Sage und Schreibe 37 Jahren (!). Blickt mal 37 Jahre zurück ins Jahr 1976! Keine Handys, kein Internet, keine Glasfasern, keine Hybrid- oder Erdgasmotoren, keine Wind-, Wellenkraftwerke, kaum Fotovoltaikanlagen (nur mit extrem kleiner Leistung)... Die Liste liese sich fast endlos weiter führen. Und wenn man sieht, dass die Studie von EconomieSuisse in Auftrag gegeben wurde, welche von der Atom-Lobby mitfinanziert wird, verkommt das ganze zu einem schlechten Scherz!

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