Forderung von HR-Experte

20. Juni 2018 21:28; Akt: 20.06.2018 21:28 Print

«Das Jahresgespräch muss abgeschafft werden»

von Valeska Blank - Die Situation rund um die jährlichen Mitarbeitergespräche ist aus dem Ruder gelaufen, findet HR-Experte Jörg Buckmann – und rät, sie knallhart zu streichen.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Mathematik: 4,5. Deutsch: 5. Biologie: 3,5. Das erinnert viele mit Schaudern an die Schulzeit, wenn jeweils das Zeugnis ins Haus flatterte. Doch die Zeit der Noten ist für viele Angestellte in der Schweiz auch im Arbeitsleben nicht vorbei. Statt den Fächern wird im jährlichen Mitarbeitergespräch jeweils die Leistung beurteilt, zum Beispiel auf einer Skala von 1 bis 5. Problemlösungskompetenz: 4. Verlässlichkeit: 3. Konfliktfähigkeit: 5.

Umfrage
Was halten Sie von Mitarbeitergesprächen?

Solche Einschätzungen sind für die Mitarbeiter oft unangenehm. Und für die Chefs, die ihre Untergebenen Jahr für Jahr anhand schlecht messbarer Kriterien beurteilen müssen, bedeuten sie einen enormen Arbeitsaufwand.

«Erniedrigendes Benotungsritual»

Darum finden HR-Experten: Das Jahresgespräch gehört abgeschafft. Einer davon ist Jörg Buckmann. Er hat dem Thema in seinem neuen Buch «Personalmarketing mit gesundem Menschenverstand» ein ganzes Kapitel gewidmet. Buckmanns Rat an die Firmen: «Sagen Sie Tschüss zum traditionellen Mitarbeiterbeurteilungsgespräch – und hören Sie vor allem mit dem erniedrigenden Benotungsritual auf.»

Seine Begründung: Die Handhabung des Mitarbeitergesprächs ist mit all den Formularen, Handbüchern, Trainings und IT-Systemen einfach zu kompliziert geworden. Buckmann spricht in diesem Zusammenhang von einem «administrativen Monster», das in den letzten Jahren «regelrecht kaputtinstrumentalisiert» worden sei. Profitieren könnten weder die Mitarbeiter noch die Vorgesetzten.

ZKB schafft Mitarbeitergespräch ab

Dieser Meinung sind mittlerweile auch einige Schweizer Firmen, etwa die Zürcher Kantonalbank (ZKB). Dort wurden Jahresendgespräche und Benotungen im Jahr 2016 abgeschafft. Zuvor reichte der Leistungswert – sprich die Noten – bei der Bank von eins bis fünf, wobei fünf die beste Bewertung war.

Weil die Mitarbeiter «jeweils ziemlich empfindlich» auf die Note reagierten, wie es CEO Martin Scholl in einem Interview formuliert hatte, hat die ZKB das System radikal umgestellt. Die jährlich stattfindenden Mitarbeitergespräche inklusive Benotung wurden durch ein flexibleres und informelleres System ersetzt. Vorgesetzte und Mitarbeitende reden nun noch häufiger miteinander und die Ergebnisse aus den Gesprächen müssen nicht umständlich in einem IT-System festgehalten werden.

«Erwachsene brauchen kein Schulnotensystem»

Das klassische Mitarbeitergespräch gestrichen hat auch das Sanatorium Kilchberg. Dort gibt es keinen fixen Zeitpunkt mehr, wann sich Chef und Mitarbeiter zusammensetzen müssen. Auch Benotung gibt es keine mehr, genauso wenig wie eine Verknüpfung des Lohns mit dem Ergebnis der Mitarbeiterbewertung.

Klinikdirektor Peter Hösly ist überzeugt: «Erwachsene Menschen brauchen kein Schulnotensystem, um miteinander zu besprechen, was im letzten Jahr gut und was weniger gut war.»

sentifi.com

20min_ch_app Sentifi Börseneinblicke aus den sozialen Medien

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Johnny am 20.06.2018 21:36 Report Diesen Beitrag melden

    Forderung von produktiven Angestellten

    Find ich gut, und wenn wir grad dabei sind schaffen wir bitte auch grad HR-Abteilungen/Experten/Berater ab. Mir fällt kein anderes Gebiet ein, welches derart sinnfrei ist. Ganze Abteilungen bauen die nichts produktives zum Unternehmen beitragen, nur weil man plötzlich zu viele KV-Absolventen hat.

    einklappen einklappen
  • J.G am 20.06.2018 21:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Soo einfach

    Einfach öfter an die Front gehen und sich unter den Mitarbeitern umhören. Es braucht dieses Jahresgespräch nicht wenn man sich den Mitarbeitern nah präsentiert.Man lernt viel mehr über die Probleme und kann sie extrem oft sehr einfach ohne viel Aufwand lösen. Das bringt Motivation und Effizienz.

    einklappen einklappen
  • MikeMU am 20.06.2018 21:36 Report Diesen Beitrag melden

    Ja keine positive Begründung liefern

    Genau, ja kein Qualifikationsgespräch, das nachher zu Lohnerhöhung führt. Wenn das HR den Mitarbeitern nicht mehr in die Augen schauen kann, dann läuft was falsch.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Hei Ri am 21.06.2018 23:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Da werden Millionen verschleudert

    Die Motivation steigt bei den Mitarbeitern, wenn sie laufend qualifiziert werden. "Das hast Du gut gemacht", z.B. Und bei Bedarf halt ein ernsthafteres Gespräch. Wir alle, Chefs inbegriffen, machen mal etwas besser und mal etwas schlechter.

  • Tanzfudi am 21.06.2018 22:11 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hier und jetzt

    Wenn etwas nicht stimmen sollte, kann das der Vorgesetzte ja hier und jetzt sagen. Wir haben auch Gespräche, aber da wir ein kleines lockeres Team sind, ist das bei uns mehr eine Plauderrunde als wirklich sture Benotung. Ich finde den Ansatz zur Anschaffung gar nicht schlecht. Nur ist dann die Leistung aka Lohnerhöhung nirgends festgehalten.

  • Chef Killer am 21.06.2018 19:06 Report Diesen Beitrag melden

    Warum ist das so

    Und warum wird ein Chef nicht eingeladen zum Jahresgespräch für eine Beurteilung? Weil es bei einem Chef gar nichts zu bewerten gibt. Der tut ja nichts. Ausser ende Monat die Hand ausstrecken und Lohnempfänger spielen.

  • Didier am 21.06.2018 18:56 Report Diesen Beitrag melden

    Andere Prioritäten

    Ich bin für das Jahresgespräch. Abgeschafft muss werden die Personalabteilungen. Solche Psychoeinrichtungen braucht kein Mensch.

    • Firmenlustknabe am 21.06.2018 23:12 Report Diesen Beitrag melden

      finde ich auch

      krass finde ich, dass in vielen Grossfirmen nicht der Chef über Lohnerhöhungen oder Kündigung entscheiden kann, sondern irgend ein Technokrat in der Personalabteilung. Dies wird sich eines Tages sehr rächen. Diese Firmen haben den Bezug zum Tagesgeschäft total verloren und werden später bei einer Krise nur noch auf Abbau setzen können. Und wenn der Markt dann wieder anzieht sind sie meistens aus dem Rennen.

    einklappen einklappen
  • Reto am 21.06.2018 17:16 Report Diesen Beitrag melden

    Krankes System für kranke Firmen

    Am schönsten ist ja die Vorgabe der Gauss Verteilung. Der Vorgesetzte muss Leute herauspicken, die die Ziele übererfüllt und nicht erfüllt haben...auch wenn es keine sog. low performer gibt. Einfach nur krankes unmenschliches System. Roche hat das 2018 abgeschafft aber Novartis krankt damit weiter herum. Die einen lernen schneller, die anderen hinken hinterher. HR braucht wirklich niemand, der gesund im Oberstübchen ist.