Porträts von Arbeitslosen

18. Juni 2019 19:55; Akt: 18.06.2019 22:14 Print

«Jedes Trambillett überlege ich mir zweimal»

von Matthias Gröbli - Beat Vollenweider (52) aus Herrliberg ZH hatte einen angesehenen Job im Casino und wurde völlig überraschend entlassen. Nun ist er ausgesteuert.

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Arbeiten wollen, aber nicht können: So ergeht es in der Schweiz gegen 180'000 Stellensuchenden. Wie lebt man ohne Arbeit? Worauf muss man verzichten? Wie steckt man die Absagen bei den Bewerbungen weg? 20 Minuten porträtiert fünf arbeitslose Menschen in der Schweiz (siehe Box).

Beruf
Tiefbauzeichner, Casino-Allrounder

«Ursprünglich machte ich eine Lehre als Tiefbauzeichner und arbeitete elf Jahre in einem Ingenieurbüro. Mitte der 90er-Jahre setzte eine Rezession im Baugewerbe ein und ich war erstmals mit Arbeitslosigkeit konfrontiert. Mit Gelegenheitsjobs im Tourismus hielt ich mich über Wasser und bezog daneben Arbeitslosengeld. Ich orientierte mich neu und sattelte aufs Casino-Business um. In der Guest Relation war ich für Gäste und Kontakte zuständig, ein Allrounder-Job. Es sollte eine Übergangslösung sein. Irgendwann würde ich wieder Anschluss im Baugewerbe finden, dachte ich.
Zusätzlich nahm ich aber auch eine Ausbildung zum Berufspiloten in Angriff. Doch das Swissair-Grounding flutete den Markt mit Piloten, was mich zum Abbruch der Ausbildung bewog.
Als zur Jahrtausendwende das neue Spielbankengesetz in Kraft trat und in der Schweiz Casinos eröffnet wurden, setzte ich voll auf dieses Business. Ich absolvierte eine Croupier-Ausbildung in Deutschland und spezialisierte mich schliesslich auf den Compliance-Bereich (Einhaltung der Geldwäscherei-Vorschriften und des Sozialkonzepts, die Redaktion). Ich arbeitete bis 2016 in verschiedenen Schweizer Casinos.»

Arbeitslos
Seit Oktober ausgesteuert

«Restrukturierungsmassnahmen führten völlig überraschend zu meiner Entlassung. Ich meldete mich beim RAV und war am Anfang noch guter Dinge. Aber es kam eine Absage nach der anderen, oft ohne Begründung. Es ist schwierig: In der neuen Branche bin ich Quereinsteiger ohne grosses Netzwerk, und im Baugewerbe haben Mitbewerber aktuelleres Wissen als ich. So gesehen bin ich quasi zwischen Stuhl und Bank.
Aus über 400 Bewerbungen resultierten drei Vorstellungsgespräche. Vom RAV kam in zwei Jahren ein einziger Vorschlag. Eine Umschulung im Bereich Finanzmanagement wurde zwar finanziert, aber ohne Erfahrung findet man trotzdem keinen Job. Seit Oktober 2018 bin ich ausgesteuert und beziehe mittlerweile Sozialhilfe.»

Finanzen
Leeres Konto Ende Monat

«Ende Monat bleibt eine rote Null. Zum Glück habe ich keine Schulden und keine Betreibungen. Ich versuche, mit Nebenjobs die finanzielle Situation aufzubessern. Vor allem stresst mich, dass ich meinen Verpflichtungen (Steuern, Alimente) nicht nachkommen kann. Jeder Tag ohne Ausgaben ist ein guter Tag.»

Psyche
Stabil dank gutem Umfeld

«Ich habe ein gutes soziales Umfeld, das mich vor allem in moralischer Hinsicht unterstützt. Es kommen auch Hinweise auf Stellenangebote. Der Gips nach einer Fussverletzung hilft mir, weil er mich unverdächtig macht, wenn ich unterwegs und nicht am Arbeiten bin. Aber den Gips habe ich nicht mehr lange, sodass sich bei mir schon bald wieder ein beklemmendes Gefühl ausbreitet, wenn ich unterwegs bin.»

Freizeit
Geteiltes Netflix-Abo

«Jedes Trambillett überlege ich mir zweimal. Längst habe ich keine Zeitungen mehr abonniert, teile das Netflix-Abo mit anderen. Das Auto ist nicht mehr eingelöst.»

Zukunft
Hoffnung auf Türöffner

«Ich hoffe auf eine Zwischenlösung, um mein Netzwerk vergrössern zu können. Ich brauche einen Türöffner. Dafür gibt es einen Jobcoach, den mir die Gemeinde zur Verfügung stellt. Aber leider ist bis jetzt nicht viel passiert. Das Alter scheint schon ein Haupthindernis zu sein. Dass man das Rentenalter nun noch erhöhen will, ist für mich schwer nachvollziehbar. Aber nach jedem Tief kommt ein Hoch. Ich gebe nicht auf.»


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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Pat am 18.06.2019 21:52 Report Diesen Beitrag melden

    Viel Glück

    Ich habe mit 40 Jahren, meine Frau war Schwanger, ähnliches erlebt. 60 Bewerbungen in einem Monat gemacht woraus 1 Vorstellungsgespräch resultierte. Frustriert war ich vorallem, dass ich Absagen für Jobs erhielt, bei denen Bildung und Jobprofil genau passten: teilweise innerhalb einer Minute bei Onlinebewerbungen. Man ist also schon mit 40 zu alt, sprich zu teuer! Man muss Firmen halt vielleicht doch mehr in die Pflicht nehmen. Ich habe einen Job erhalten, wenn auch mit Lohneinbusse (Branche ohne GAV) Ich verkrafte es; Sauber läuft der Arbeitsmarkt aber schon lange nicht mehr!

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  • Molbilität am 18.06.2019 20:10 Report Diesen Beitrag melden

    Chance packen

    Die Verkehrsbetriebe verschiedener Städte suchen verzweifelt Tram- und Busfahrer. Die Ausbildung wird zum Teil sogar voll entlöhnt. Mit 52 Jahren passt der beschriebene Arbeitslose genau ins Profil. Als los ...!

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  • @ausgesteuert am 18.06.2019 21:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Deine Heimat?

    Es zeigt doch nur auf, dass in der Schweiz so einiges schief läuft. So lange die Regierung wegschaut und die Problematik zwar kennt und doch nichts unternimmt. Alter bedeutet heute Diskriminierung in der Businesswelt...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Susi Sorglos am 20.06.2019 11:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Niemand will die Älteren

    Es wird immer davon gesprochen, dass Rentenalter anzuheben, dabei will doch heute schon niemand mehr die Älteren! Ich kenne niemanden, der erst mit 65 in den Ruhestand geht, mit 62 ist spätestens Schluss!

  • Daniel Stanislaus Martel am 19.06.2019 21:00 Report Diesen Beitrag melden

    Viel Glück

    Wären nicht die Erlebnisgastronomie, Kasinos im Ausland oder eine Reederei für Kreuzfahrten einen Versuch wert? Setzen Sie sich auch mit in Verbindung. Ich drücke Ihnen die Daumen.

  • Das Grosilein am 19.06.2019 20:29 Report Diesen Beitrag melden

    Mut Demut Gleichmut weinen bringt nichts

    Es kann ein Riesenglück sein wenn alles "zur Sau" geht man kann auch sagen GUT jetzt fängt die Transition an: in eine neue spannende Welt in der ich das Leben neu oder anders wiederentdecke, ICH lerne biege mich aber breche nicht mit Demut gehe ich mein neues Leben an, einfach gesagt nicht? ist aber so die Zukunft gehört mir und sie fängt erst an, das Alter kann ich eh vergessen wir sind alle alt ab 35. somit klar kann ich nur gewinnen im kleinen und grösser werden und lernen an mir selbst und ich hab die Chance an mir zu entdecken worin ich gut bin und daraus Kapital zu schlagen..

  • Roger am 19.06.2019 18:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es Geht nur übers Geld

    Jeder Arbeitgeber sollte, wenn er aus Altersgründen Arbeiter ab 50ig entlässt und einen Jungen einstellt, die AHV plus Pensionskasse für den Entlassenen zahlen bis der wieder einen Job hat. Andersrum könnte einem Arbeitgeber wo einen 50iger einstellt die ALV für 1 Jahr die AHV und Pensionskasse übernehmen.

    • Anna Ida am 20.06.2019 14:34 Report Diesen Beitrag melden

      sehr gute Idee

      ich bin gsdank schon in Rente, aber bei mir hat eine Firma / Geschäft einmal gesagt, sie stelle NIEMAND über 35 ein, da ist mir wirklich der Nuggi heraus gefallen, ich habe dann gesagt, daß ich dann wohl zu alt sei um bei ihnen Kunde zu sein

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  • Bibiana am 19.06.2019 18:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tram gleich selber fahren

    Postauto und Busfahrer werden krampfhaft gesucht. Will man wirklich einen Job haben, dann findet man auch einen Job !