Finma rügt Raiffeisen

15. Juni 2018 07:21; Akt: 15.06.2018 07:21 Print

«Vincenz war Bankprofi, der VR ein Amateurclub»

von V. Blank - Die Finma macht dem Raiffeisen-Verwaltungsrat im Fall Vincenz schwere Vorwürfe. Doch wie konnte es überhaupt zu den Mängeln in der Führung kommen?

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Die Finma stellte bei der Bank Raiffeisen schwerwiegende Mängel fest – unter anderem sei die Aufsicht über den ehemaligen CEO Pierin Vincenz vernachlässigt worden. Pierin Vincenz – hier ein Foto von 2016 – sass 106 Tage in Untersuchungshaft und ist nun wieder auf freiem Fuss ... ... eventuell könnte er nach der U-Haft auch wieder ins Ausland reisen. Laut Experten ist nicht unbedingt davon auszugehen, dass bei Vincenz Fluchtgefahr besteht. Zugriff auf seine Konten dürfte Vincenz weiterhin nur beschränkt haben. Zum Mitverdächtigen Beat Stocker, dem ehemaligen Chef der Aduno-Gruppe, dürfte Vincenz eine Kontaktsperre auferlegt worden sein. Stocker kam zeitgleich aus der U-Haft frei. Der Verdacht: Die Verkaufsgeschäfte zwischen Raiffeisen und der Aduno-Gruppe könnten Vincenz Millionen beschert haben. Der Churer war von 1996 bis 2015 bei der Raiffeisen tätig. 106 Tage war Pierin Vincenz in Untersuchungshaft. Was hatte die lange U-Haft zu bedeuten? «Wenn eine Leiche am Boden liegt, ist meist schnell klar, dass es um ein Tötungsdelikt geht», sagt Peter V. Kunz, Professor für Wirtschaftsrecht an der Universität Bern. Wenn die Indizien hingegen E-Mails oder Verträge seien, gebe es oft . Zudem könne es vorkommen, dass im Lauf der Untersuchung neue Fakten oder Verdachtsmomente auftauchen. «Aus der Länge der U-Haft kann aber nichts abgeleitet werden, was selber anbelangt», erklärt der Experte. «Nein, das ist in meinen Augen sicherlich nicht der Fall», sagt Kunz. «U-Haft ist für einen Normalbürger eine existenzielle Erfahrung – darum gibt es Leute, die sich am Anfang der Haft etwas antun wollen», sagt Benjamin F. Brägger, Experte für Freiheitsentzug. Untersuchungshäftlinge seien in der Regel . «Wenn man Glück habt, bekommt man eine Normzelle von 12 Quadratmetern, aber die meisten Zellen sind 6 bis 9 Quadratmeter gross.» Häftlinge haben Anspruch auf eine Stunde Spaziergang im Hof. Je nach Anstalt gebe es noch Sport-Angebote, so Brägger. In der Zelle habe es meistens einen Fernseher. Des Weiteren konnte Vincenz sich aus der Bibliothek oder von draussen bestellen. Wenn Vincenz mit einem Computer arbeiten wollte, benötigte er dafür eine Bewilligung. dürfte er aber wegen der bestehenden Verdunkelungsgefahr nie bekommen haben. «Zürich ist verglichen mit dem Rest der Schweiz in Sachen U-Haft eher hart», so Brägger. So herrsche zum Beispiel ein teilweise nicht zu rechtfertigen. «Die Isolation und das Nichtstun, in Kombination mit der Unsicherheit über die eigene Zukunft, stellen dar», sagt Kunz. Bei der U-Haft nimmt die Wahrheitsfindung einen höheren Stellenwert ein als die Freiheit des Einzelnen, erklärt Experte Brägger. , würde ihm finanzielle Genugtuung und Schadenersatz für entgangenen Lohn zustehen.

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Die Vorwürfe der Finanzmarktaufsicht (Finma) an die Adresse des Raiffeisen-Verwaltungsrats sind harsch: Die Aufsicht über Pierin Vincenz sei vernachlässigt worden. «Damit ermöglichte es der Verwaltungsrat dem ehemaligen CEO zumindest potenziell, eigene finanzielle Vorteile auf Kosten der Bank zu erzielen», heisst es in einem Enforcement-Bericht der Finma.

20 Minuten hat Experten befragt, wie es überhaupt so weit kommen konnte, und beantwortet die wichtigsten Fragen:

Was macht ein Verwaltungsrat (VR) überhaupt?
Der VR ist für die Oberleitung einer Firma verantwortlich und erteilt die dafür nötigen Weisungen. Er hat die Oberaufsicht über CEO und Geschäftsleitung und stellt sicher, dass Gesetze, Statuten, Reglemente und Weisungen eingehalten werden.

Wie geht das in der Praxis?
Im Normalfall treffen sich die Mitglieder der Geschäftsleitung oder der CEO und der VR zu regelmässigen Sitzungen. Der VR kann den CEO auch auffordern, ihm zu einem spezifischen Thema im Tagesgeschäft Rechenschaft abzulegen. Die konkrete Ausgestaltung der Zusammenarbeit zwischen VR und Geschäftsleitung variiert, sagt Erich Herzog, Corporate-Governance-Experte bei Economiesuisse. «Die Idee ist aber, dass man sich austauscht und mit den relevanten Themen auseinandersetzt», so Herzog. Wichtig sei, dass der Verwaltungsrat dabei seine Führungsaufgabe wahrnehme.

Welche Handlungsmöglichkeiten hat der VR, wenn der CEO nicht spurt?
Obwohl er eigentlich auf der strategischen Ebene tätig ist, hat der VR die Möglichkeit, sich situativ stärker ins operative Geschäft einzubringen. Wenn der CEO beispielsweise gegen Weisungen verstösst, muss der VR eingreifen. «Die Massnahmen reichen von der Verwarnung über eine Bonuskürzung bis hin zur Kündigung», so Herzog. Operativ einmischen kann sich der VR auch bei neuen Geschäftsbereichen oder strategischen Übernahmen.

Was war das Problem bei Raiffeisen?
Damit ein VR seine Aufsichtspflicht wahrnehmen kann, müssen das Gremium und der CEO auf Augenhöhe agieren können. Das war bei Raiffeisen nicht der Fall, wie Wirtschaftsrechtsexperte Peter V. Kunz sagt. «Bei Raiffeisen war es seit Jahren offensichtlich, dass zwischen dem CEO und dem VR ein Machtungleichgewicht besteht», so Kunz.

Warum war die Macht ungleich verteilt?
Den Grund sieht Kunz in der personellen Zusammensetzung des VR: Er bestand zur fraglichen Zeit aus einem bunten Gemisch aus Professoren, Politikern, Unternehmern und Vertretern aus Raiffeisen-Niederlassungen. Die wenigsten verfügten über vertieftes Bankfachwissen, so Kunz. Das mache eine saubere Überwachung schwierig. «Vincenz war der Bankprofi, der VR ein Bankenamateurclub», sagt der Experte.

Was hätte man bei Raiffeisen besser machen müssen?
Es hätte mehr kritische Mitglieder im Verwaltungsrat gebraucht, sagt Kunz. «Man hätte sicherstellen müssen, dass es Verwaltungsräte gibt, die eine Konfrontation mit dem CEO nicht scheuen.» Ausserdem kritisiert der Wirtschaftsrechtsexperte, dass Johannes Rüegg-Stürm, der damalige VR-Präsident von Raiffeisen, sein Amt nicht in einem 100-Prozent-Pensum ausgeübt hat, wie es bei grossen Banken normalerweise der Fall ist. «Der VR-Präsident der drittgrössten Bank der Schweiz muss ein Profi sein und durch volle Anwesenheit ein Gegengewicht zum CEO bilden», so Kunz.

Der VR ist oberstes Kontrollorgan – aber wer schaut ihm auf die Finger?
Bei einer Aktiengesellschaft sind das die Grossaktionäre, die die Geschäfte des Unternehmens genau prüfen und bei Bedarf Druck machen können. Ist das Unternehmen zusätzlich kotiert, ist die Börse ein disziplinierender Faktor, wie Kunz sagt: «Läuft etwas schief, reagiert der Aktienkurs sofort und es droht der Gesellschaft eine Übernahme.»

Raiffeisen ist als Genossenschaft organisiert – was läuft da anders?
Genossenschafter können nicht so kritisch agieren wie Aktionäre und haben viel weniger Macht. «Jeder Genossenschafter hat nur eine Stimme, während ein Aktionär je nach Aktienpaket viel mehr zu sagen hat», erklärt Kunz. Auch die Regionalverbände hätten zu wenig Einfluss auf die Geschäfte am Hauptsitz in St. Gallen gehabt. «Einfach gesagt: Die Corporate Governance bei Raiffeisen war schlicht ungenügend.» Die Finma hat die Bank nun verpflichtet, die Vor- und Nachteile einer Umwandlung von Raiffeisen Schweiz in eine Aktiengesellschaft vertieft zu prüfen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • FankerThomas@hotmail.com am 15.06.2018 07:43 Report Diesen Beitrag melden

    Was für eine Überraschung

    Was denkt ihr denn wie es in anderen Firmen abgeht? Exakt dasselbe. Und gegenseitig deckt man sich. Alte Männer helfen alten Männern. Und niemand ist gewillt etwas dagegen zu unternehmen. Schöne Schweiz.

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  • Rolf am 15.06.2018 07:43 Report Diesen Beitrag melden

    War alles schon mal da.

    Erinnert mich stark an den Verwaltungsrat von Swissair

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  • Phil Krill am 15.06.2018 07:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ... nur Däumchendreher ...

    ... und es soll nochmals erwähnt sein: Auch der VR der ehemaligen Swissair war nur am Däumchen drehen und hat den Brugisser mit seiner Hunter-Strategie einfach so mal "jagen" lassen ...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Koni K. am 15.06.2018 20:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vincenz vs Verwaltungsrat

    Vincenz ist vor allem ein Schlaumeier, der VR eher Mitnehmer

  • Jojoma am 15.06.2018 20:54 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Amateure im VR

    Das ist nicht nur bei der Raiffeisenbank so!

  • Peider am 15.06.2018 20:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Wetterfahne aus GR

    Ein Bankprofi, den man nie vergisst: als Vertreter einer Bank ohne einen Rappen Auslandsgeld weibelte er devot für die Weissgeldstrategie von Widmerschlumpf. Bündner halten halt zusammen. Nicht nur im Unterengadin.

  • Marie am 15.06.2018 14:51 Report Diesen Beitrag melden

    Genau da liegt das Problem

    Schwache Chefs umgeben sich mit schwachen Leuten, um überlegen zu sein. Starke Chefs bevorzugen gute Leute, echte Sparring Partners und können auch mit konstruktiver Kritik umgehen. Leider sind die sehr dünn gesät und echt schon fast eine Rarität. Die meisten schlechten CEOs können einfach gut reden. Das wars.können bloss sehr gut reden

    • VRmitglied am 15.06.2018 17:27 Report Diesen Beitrag melden

      @ Marie

      Bla, bla, bla. Starke Chefs wollen ihre ruhe um das zu tun was sie wollen. Niemand will eine starke Aufsicht ggü. der man sich ständig rechtfertigen muss. Die guten Leute die die Chefs holen sind unten, nämlich jene die bei der Umsetzung Gas geben können und ihre Sache verstehen.

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  • MayMage am 15.06.2018 14:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht das erste Mal...

    und wer schaute bei der UBS zum Rechten? Es ist egal welche Firma, die CEOs tragen grosse Verantwortung und sehen oft nur noch den eigenen Profit. Schade...