Interview

10. Dezember 2011 12:17; Akt: 10.12.2011 17:26 Print

«Der Euro ist eine Ansteckungs-Maschine»

von Sandro Spaeth - Hans-Olaf Henkel war einst flammender Euro-Befürworter und gilt heute als Totengräber der Gemeinschaftswährung. Ein Gespräch über seinen Kurswechsel und die griechische Tragödie.

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Hans-Olaf Henkel mag den Euro nicht mehr. Im Herbst 2011 füllte der ehemalige Industriekapitän mit seinen Vorträgen zur Euro-Alternative ganze Konzerthallen. (Bild: Keystone)

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Herr Henkel, zum gefühlten zwanzigsten Mal versuchten die Regierungschefs diese Woche den Euro zu retten. Mir kommt das etwas vor wie ein Theater – und Ihnen?
Hans-Olaf Henkel: Für mich ist es eine Tragödie, eine griechische Tragödie. Diese enden immer tragisch. Die Frage ist auf welche Weise.

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In Brüssel probierte man sich unter anderem auf Schuldenobergrenzen zu einigen. Bis diese umgesetzt sind, dürften Monate verstreichen. Lassen sich mit solchen Versprechen die Märkte beruhigen?
Nein, keinesfalls. Ich erinnere daran, dass wir mit den Maastrichter-Verträgen völkerrechtlich verbindliche Abkommen hatten, doch diese wurden über 60 Mal gebrochen. Schon deshalb ist die Wahrscheinlichkeit, dass man sich an ein Stück Papier hält, sehr gering. Zudem: Die Schuldenbremse ist eine Mogelpackung. Sie wird beispielsweise in Österreich und Frankreich verfassungsmässig gar nicht eingeführt werden können.

Die Politiker scheinen überfordert. Sie lassen sich von den Börsen vor sich her treiben. Wird sich das ewig fortsetzten?
Es sollte nicht so weitergehen. Es liegt aber nicht an den Börsen, es ist das Versagen der Politik. Die Märkte sind geleitet durch Bürger und Investoren – auch jener, die die Altersvorsorgen der Leute verwalten. Man vertraut der Politik nicht mehr. Es braucht ein System, das nicht mehr von Versprechungen abhängig ist.

Fürchten Sie sich vor der Transfer- und der Schuldenunion?
Die Transferunion ist bereits Realität. Die EZB hat schon Schrottanleihen für über 215 Milliarden Euro aufgekauft – wofür der deutsche Steuerzahler im Notfall bürgt. Irgendwann muss Deutschland haften, ohne dass je ein Abgeordneter dafür gestimmt hat. Und die EZB kauft weiter Anleihen hinzu.

Ihr Buch heisst «Rettet unser Geld». Ist es denn noch zu retten?
Der Zug ist abgefahren. Die Schuldenunion abzuwenden würde beinhalten, dass Politiker Fehler zugeben müssten. Der Kardinalsfehler war das Aufheben der «No-Bail-Out»-Klausel, also dass man plötzlich für die Schulden der anderen haftet. Dies hat Merkel auf Druck von Sarkozy zugelassen, weil er mit der Kündigung der deutsch-französischen Freundschaft drohte. Doch das war ein Bluff. Seither geht es Richtung Transferunion.

Sie waren einst ein flammender Befürworter des Euro. Heute sind Sie der prominenteste Eurokritiker. Sind Sie ein Wendehals?
Die Politik hat ihre Versprechungen nicht gehalten. Hätte ich gewusst, dass die Politiker in 60 Fällen die Neuverschuldungskriterien brechen werden, wäre ich nie für den Euro gewesen. Zudem kann eine Einheitswährung in unterschiedlichen Kulturen nicht funktionieren, das zeigt das Beispiel Griechenland zur genüge. Schliesslich ist der Euro eine Ansteckungsmaschine geworden.

Wie meinen Sie das?
Früher war es unvorstellbar, dass wenn Griechenland in Schwierigkeiten gerät, die Deutsche Börse wackelt. Die 17 Länder sind durch den Euro in eine solche Abhängigkeit geraten, dass die Schwierigkeiten sofort überschwappen. Hat Italien eine Grippe, erkältet sich Deutschland.

Neben ihrer Funktion als Professor sind sie Berater für die zwei US-Investmentbanken. Diese profitieren eher vom schwachen Euro. Kritiker sagen, Sie würden den Euro deswegen zu Tode reden?
Das ist totaler Quatsch, eine Unterstellung. Ich habe nur ein Beratermandat für Deutschland. Ich spreche nicht für Merrill Lynch, Bank of Amerika oder Continental und Ringier, wo ich im Verwaltungsrat bin. Ich spreche nur für mich.

Im Herbst sind Sie mit einer «Anti-Euro-Vortragsreihe» durch Deutschland gezogen und haben Veranstaltungshallen gefüllt. Die Leute zahlten 22 Euro, um Ihnen zuzuhören. Fühlt man sich da als Star?
Ich fühle mich nicht als Star, denn meistens sage ich Dinge, die der typische Deutsche nicht hören will. Der Grund für meine Auftrittsreihe war, dass ich die Leute in kurzen Talkshows nicht überzeugen konnte. Die Materie ist zu komplex. Das Eintrittsgeld für die Veranstaltungen war übrigens für die Saalmieten. Ich hatte nichts davon und zahlte sogar die Reisen selbst.

Sie kommen mir vor wie ein Missionar…
Na und? Ich mache alles ehrenamtlich. Es braucht Leute, die an Tabus rütteln, Die politisch korrekte Klasse verbietet es in Deutschland über Euroalternativen nachzudenken. Ich sehe eine riesige Gefahr auf uns zukommen, wenn die Politik so weitermacht.

Man sagt ihnen die Gründung einer neuen konservativen Partei nach, sozusagen der deutschen Tea Party. Wann kommt Sie?
Gründen werde ich sie nicht - und schon gar nicht die Tea Party. Aber es gibt grosses Potenzial für eine neue Bewegung in Deutschland. Wenn sie europafreundlich, liberal und eurokritisch ist, würde ich sie unterstützen.

Ist europafreundlich und eurokritisch nicht ein Widerspruch?
Keinesfalls. Angela Merkel setzt den Euro mit Europa gleich. Sie sagt, scheitert der Euro, scheitert Europa. Nach dieser Logik sollte die Schweiz längst gescheitert sein. Das ist doch eine Beleidigung für die Schweiz. Den Euro mit Europa gleichzusetzen ist eine Erfindung der Romantiker in Brüssel. Europa besteht aus über 50 Ländern, den Euro haben nur 17.

Eine kurze Antwort auf eine kurze Frage. Was ist besser als der Euro?
Der Schweizer Franken, die Schwedische Krone und die Tschechische Krone

Sind Sie neidisch auf die Schweiz und ihren Franken?
Nicht neidisch. Wenn ich aber Schweizer wäre, würde ich weiterhin für eine Aufnahme in die EU plädieren, aber niemals für die Währungsunion.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Kurt Konsument am 10.12.2011 13:34 Report Diesen Beitrag melden

    EU und Euro - nein danke

    Ja, ja - die Schweiz hätten die gerne in der EU. Das würde bedeuten - sofort zahlen und zahlen und zahlen. Dann müssten wir auch mit der MwSt auf 15 oder noch mehr %. Alles Quatsch - wir bleiben selbstständig.

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  • Rönz am 10.12.2011 19:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    vor Gericht

    Ich würde einmal meinen, dass um das Vertrauen in der Finanzwelt wieder herzustellen müssen die unzähligen, politischen Verantwortlichen vor Gericht gestellt werden und zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt werden!

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  • Märtschi am 10.12.2011 13:16 Report Diesen Beitrag melden

    Herr Henkel hat 100% Recht

    Das schöne an diesen Reden ist, dass sie niemand hören will. Aber eines Tages werden wir von der Realität eingeholt und dann werden wir die Wahrheit eben doch hören und dartunter leiden. Die Menschheit ist immer im Nachhinhein schlauer gewesen, darum wird auch dieses System scheitern.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Caesar Monetas am 13.12.2011 18:29 Report Diesen Beitrag melden

    Euro-Stützung

    Wie lange wird die Nationalbank noch behaupten können, ohne Interventionen und nur auf Grund der blauen Augen den Kurs Euro/Chf hochhalten zu können? Um dieses Ziel real zu erreichen muss in der Schweiz die Arbeitsleistung pro Stunde sowie die wöchentliche Arbeitszeit und das Rentenalter den EU-Staaten angepasst werden. Die Nationalbank alleine kann dies nicht erreichen. Nicht der Franken ist überbewertet, sondern der Euro ist schwach.

  • Markus am 11.12.2011 20:03 Report Diesen Beitrag melden

    Niemals...

    Das kann ja wohl nicht wahrsein, die Schweiz in der EU... NIEMALS. Und das ist meine Meinung als EU-Bürger. Wir haben schon genügend Egoisten, die nur für sich schauen. Diese Schadenfreude, die ich in so vielen Kommentaren lese bringt mich zum K.... Wie kann man sih nur freuen, wenn es andere schlecht haben... Ahhh ja, weil man Aufmerksamkeit braucht um die eigene Bedeutungslosigkeit zu vergessen.

  • marcus am 11.12.2011 10:27 Report Diesen Beitrag melden

    bravo!

    ich frage mich immer, wo all diese berater geblieben sind, welche unmengen von geldern erhalten haben, um für den euro zu propagieren und sich das ganze ausgedacht haben. was ist damit? wo sind diese berater und gelder nun? für den schlamassel, den sie eingebrockt haben, müssten sie doch dafür gerade stehen oder??

    • Daniel am 11.12.2011 21:29 Report Diesen Beitrag melden

      Wie lautet die Anklage?

      @Marcus: und wie bitte lautet konkret die Anklage? Für was willst Du die Berater bestrafen? Kein Berater konnte die Entwicklung einer Währung voraussagen. Anklagen kann man das kapitalistische System, welches von Politikern und Banken künstlich beeinflusst wird. Aber bislang ist nur eine Partei konsequent für die Überwindung des Kapitalismus. Offensichtlich gefällts der Mehrheit der Leute. Also bitte ja nicht jammern oder Anklage erheben.

    • Oliver am 13.12.2011 16:16 Report Diesen Beitrag melden

      Überwindung des Kapitalismus... super!

      Genau, überwindung des Kapitalismus. Wenn wir das konsequent umsetzen, ist es reine Zeitverschwendung für Leute, die ein Studium machen und sich Wissen mit enormem Aufwand und Engagement erarbeiten. Dies gilt natürlich auch für diejenigen die schon studiert haben. Das bedeutet für alle den gleichen Lohn unabhängig von der Ausbildung. Da können wir doch gleich wider die Mauern aufbauen und den Kommunismus einführen.

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  • Philippe Latscha am 11.12.2011 08:26 Report Diesen Beitrag melden

    Henkel, ein Dauerinterviewer

    Oh bitte! Wieder ein Interview mit Henkel. Seit Jahren gibt er alle möglichen Meinungen ab, um unbedingt im Rampenlicht zu stehen. Langsam wird es nur noch peinlich.

  • Rönz am 10.12.2011 19:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    vor Gericht

    Ich würde einmal meinen, dass um das Vertrauen in der Finanzwelt wieder herzustellen müssen die unzähligen, politischen Verantwortlichen vor Gericht gestellt werden und zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt werden!

    • R.W. am 12.12.2011 10:21 Report Diesen Beitrag melden

      Genau-

      meiner Meinung!!

    • C.Sch. am 13.12.2011 18:21 Report Diesen Beitrag melden

      Politik und Finanz

      Politik hat nie Verantwortung. Die Finanzwelt hängt von den Finanzgenies ab.

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