Wie lange noch?

01. Dezember 2011 10:57; Akt: 01.12.2011 12:18 Print

«Der Euro wird leider überleben»

von Sabina Sturzenegger - Sein Grab ist praktisch schon geschaufelt, trotzdem ist der Euro noch nicht tot. Der Grund: Zu viele glauben noch an die Gemeinschaftswährung. Ein Stimmungsbericht.

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Der Euro: Zerbricht er oder nicht? (Bild: Colourbox)

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Über der Frage «Überlebt der Euro?» geraten heutzutage viele Leute ins Grübeln. Ein überzeugtes «Ja» ist nur noch selten zu hören. Anfang Woche hatte das deutsche Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» mit einem ratlosen «Und jetzt?» auf der rabenschwarzen Titelseite aufgewühlt. Das britische Renommierblatt «The Economist» sah den Euro gar als verglühenden Stern vom Himmel fallen. In den Medien wird also bereits knallhart abgerechnet mit der Gemeinschaftswährung.

Auch die Wirtschaftsführer verlieren immer mehr ihren Glauben an die Gemeinschaftswährung. So berichtete die «Financial Times» am Mittwoch, dass Unternehmen in ganz Europa an Notfallplänen für einen Zerfall der Euro-Zone arbeiteten. In vielen multinationalen Konzernen zweifelt man offenbar daran, dass die EU-Politik noch in der Lage ist, die Schuldenkrise in den Griff zu bekommen. Die Konzerne versuchen deshalb, ihre Barreserven in sicheren Investments zu parkieren. Sie prüfen zudem die finanziellen und rechtlichen Konsequenzen einer Spaltung der Euro-Zone.

Der Glaube an den Euro stirbt zuletzt

20 Minuten Online wollte wissen, wie viele Chancen dem Euro hierzulande eingeräumt werden und fragte bei fünf «Wirtschaftsweisen» nach. Fazit: Der Euro wird nicht so rasch sterben – vorausgesetzt, der Glaube an ihn bleibt bestehen. Und dieser Glaube ist wichtig, denn – auch darin sind sich die Experten einig – ein Zusammenbruch der Eurozone wäre ein Desaster, das man unbedingt verhindern sollte.

«Die Wahrscheinlichkeit, dass der Euro überlebt, ist immer noch sehr hoch», sagt der Zürcher Wirtschaftsberater Klaus Wellershoff. Urs Birchler, Banken-Professor an der Uni Zürich, antwortet auf die Frage, ob der Euro eine Zukunft habe, ohne Begeisterung: «Vermutlich einstweilen ja, unglücklicherweise.» Und er ergänzt: «Nicht überleben werden Demokratie und der soziale Frieden in Europa.»

Angst vor der Yuan-Vorherrschaft

Thomas Straubhaar, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts, zeigt sich weniger skeptisch. Er hat «nicht den geringsten Zweifel» daran, dass der Euro erhalten bleibt. Der Grund: Sein Zerfall würde keine Probleme lösen. «Die Kosten, die dadurch entstünden, wären für niemanden tragbar.» Das sieht auch Rudolf Strahm so. Der ehemalige SP-Nationalrat und Preisüberwacher sagt: «Der Euro überlebt, weil die Industrie ganz Europas am Euro interessiert ist und weil eine Preisgabe des Euro zu teuer wäre.» Zudem fürchtet sich Strahm bei einem Zerfall der Eurozone vor der «Dominanz des Dollarimperialismus und neu der chinesischen Yuan-Vorherrschaft».

An ein Fortbestehen des Euro glaubt auch Rudolf Minsch, Chefökonom des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse, wenn auch «vielleicht nicht mit allen Mitgliedsstaaten». Nichtsdestotrotz fällt auch sein Urteil hart aus: «Der Euro ist eine Einbahnstrasse, aus der man nur mit hohen Kosten ausbrechen kann.» Europa müsse aber mit diesem «Fehlkonstrukt» leben. «Am besten wäre der Euro nie eingeführt worden», gibt auch Professor Urs Birchler ganz unumwunden zu.

Griechenland, Griechenland und Griechenland

Den Euro will also niemand totsagen. Doch dass die Euro-Zone nicht länger so aussehen kann wie bisher, ist auch für viele klar: Ein Austritt Griechenlands gilt als praktisch unabwendbar. «Ein Staatsbankrott verbunden mit der Wiedereinführung der Drachme ist für Griechenland realistisch», urteilt Rudolf Minsch. Für Urs Birchler gibt es zwei Alternativen: «Deutschland tritt aus, was machbar wäre. Oder die südeuropäischen Länder treten aus, was ihnen nichts bringt.»

Für Mathias Binswanger, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz, ist folgendes Szenario denkbar: «Euro-Nord plus Drachme und allenfalls andere Währungen.» Ähnlich sieht es Thomas Straubhaar, der Hamburger Professor mit Schweizer Wurzeln: «Die Zusammensetzung der Euro-Zone könnte sich ändern. Für mich ist es nur eine Frage der Zeit, bis ihr mehr als 17 Länder angehören. Dabei kann nicht ausgeschlossen werden, dass Griechenland dann nicht mehr dazu gehört, dafür aber andere Staaten.»

Wahrscheinlich hätte Griechenland gar nie in die Euro-Zone eintreten sollen. Das ist allerdings nichts Neues: Oder wie soll «Mr. Euro», Wim Duisenberg, schon bei der Einführung der Gemeinschaftswährung im Jahr 2002 gesagt haben? Es gebe drei Kandidaten, die nicht zur Eurozone passten: «Griechenland, Griechenland und Griechenland.»