Krankenkasse

24. September 2018 14:54; Akt: 24.09.2018 18:19 Print

«Der Prämienschock dürfte 2020 kommen»

von S. Spaeth - Junge Erwachsene zahlen weniger, insgesamt beträgt der Anstieg nur 1,2 Prozent. Comparis-Experte Felix Schneuwly sagt, warum das nur bedingt eine gute Nachricht ist.

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Experte für Krankenkassen: Felix Schneuwly vom Vergleichsdienst Comparis beantwortete im Live-Chat- und -Stream Leserfragen. Zu Besuch in der Redaktion: Comparis-Krankekassenexperte Felix Schneuwly (links) beantwortet in der 20-Minuten-Redaktion die Fragen der Leser. Rechts im Bild: Sandro Spaeth, Leiter Ressort Wirtschaft. «Es ist unrealistisch, dass die Gesundheitskosten mittelfristig nur 1,2 Prozent steigen», sagt Felix Schneuwly, Krankenkassen-Experte bei Comparis, im Interview mit 20 Minuten. «Es ist sehr kurzfristig von Gesundheitsminister Alain Berset, der Bevölkerung zu vermitteln, man habe die Situation im Griff», kritisiert Schneuwly. Jeder Prämienanstieg unter dem langjährigen Kostenwachstum von 3 Prozent hat laut Schneuwly später zu einer umso stärkeren Erhöhung der Prämien geführt. «Es ist leider zu befürchten, dass der Prämienschock schon nächstes Jahr wieder kommt», so der Experte. 2019 wächst die mittlere Prämie um 1,2 Prozent. Seit 2008 ist es der tiefste Wert. Am stärksten steigen die Prämien im Kanton Wallis. Wie die AHV hat auch das Krankenversicherungssystem ein Problem bei der Demografie. Eine immer kleinere Gruppe junger Gesunder muss eine immer grösser werdende Gruppe von älteren, kränkeren Leuten finanzieren. Die Prämie der jungen Erwachsenen zwischen 19 und 25 Jahren sinkt, weil das Parlament entschieden hat, diese Altersgruppe zu entlasten, informierte Gesundheitsminister Berset. Der Bund weist neu die Entwicklung der mittleren Prämie aus und nicht mehr die Standardprämie eines Erwachsenen mit der Franchise von 300 Franken. Der Grund: Die Standardprämie ist nicht mehr repräsentativ, weil viele Versicherte andere Franchisen wählen. So entwickeln sich die Prämien der Kinder, jungen Erwachsenen und der über 25-Jährigen. Je nach Kasse gibts grosse Unterschiede bei den Prämien.

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Herr Schneuwly, erstmals scheint das Kostenwachstum bei den Krankenkassenprämien gedämpft. Der mittlere Anstieg beträgt nur 1,2 Prozent. Wie gut ist diese Nachricht?
Es ist nur bedingt eine gute Nachricht. Zwar hat sich das Kostenwachstum tatsächlich etwas abgeschwächt, doch schon SP-Gesundheitsministerin Ruth Dreifuss und FDP-Mann Pascal Couchepin schafften dies. Die Vergangenheit zeigt: Jeder Prämienanstieg unter dem langjährigen Kostenwachstum von 3 Prozent hat später zu einer umso stärkeren Erhöhung der Prämien geführt. Bundesrat Berset macht den gleichen Fehler wie seine Vorgänger.

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Die neue mittlere Prämie für alle Versicherten steigt 2019 um durchschnittlich 1,2 Prozent. Was halten Sie davon?

Dann kommt 2020 oder 2021 wieder der Prämienschock?
Es ist leider zu befürchten, dass der Prämienschock schon nächstes Jahr wieder kommt. Es ist unrealistisch, dass die Gesundheitskosten mittelfristig nur 1,2 Prozent steigen. Hauptgrund ist die Demografie. Eine immer kleinere Gruppe junger Gesunder muss eine immer grösser werdende Gruppen von älteren, kränkeren Leuten finanzieren. Es ist sehr kurzfristig von Alain Berset, der Bevölkerung zu vermitteln, man habe das im Griff.

Dann ist der geringe Anstieg der Prämien vor allem ein politisches Verdienst – oder sind die Schweizer auch weniger zum Arzt gegangen?
Der Konsum von medizinischen Leistungen ist tatsächlich etwas zurückgegangen. Der grösste Teil entfällt allerdings auf Senkungen bei den Medikamentenpreisen und auf den angepassten Ärztetarif Tarmed. Beides wird aber verpuffen. Die Ärzte werden mittelfristig versuchen, neue Tarmed-Positionen zu verrechnen. Zudem machen teure, neu zugelassene Medikamente die Preissenkungen zunichte.

Wo müsste der Hebel angesetzt werden, damit das Kostenwachstum langfristig gedämpft wird?
Die Krankenkassen brauchen ein besseres Instrument, um nur wirksame, zweckmässige und wirtschaftliche Leistungen zu vergüten. Zudem werden so die Ärzte stärker in die Pflicht genommen. Es gibt immer noch solche, die viel zu viel operieren. Des Weiteren sollten Kassen sehr teure Medikamente für seltene Krankheiten nur vergüten müssen, wenn die Therapien wirken. Die Pharmaindustrie muss dieses Risiko effektiv tragen und nicht nur davon sprechen.

Dank des neuen Risikoausgleichs zahlen junge Erwachsene tiefere Prämien. Erübrigt sich also für sie ein Wechsel?
Der prozentuale Anstieg beziehungsweise die Senkung sagt nichts über das Sparpotenzial aus. Wer also bei einer teuren Kasse ist, kann eine günstigere finden. Klar ist zudem: Weil die Prämie für die jungen Erwachsenen generell sinkt, zahlen die über 26-Jährigen dafür mehr. Hier verteilt sich der Anstieg aber auf eine zehnmal so grosse Gruppe, weshalb der Anstieg nicht so ins Gewicht fällt.

Als Vergleichsdienst hätten Sie wohl gern einen höheren Prämienanstieg gehabt. Dann nämlich wäre die Wechselwilligkeit höher, wovon Sie bekanntlich profitieren.
Viel wesentlicher als der geringe Prämienanstieg ist für uns, dass sich die Anbieter in der Grundversicherung künftig stärker differenzieren können. Das Gesetz muss mehr Spielraum für alternative Versicherungsmodelle und Prämienrabatte zulassen. Das erhöht den Wettbewerb und belohnt die Versicherten, die beim Konsum medizinischer Leistungen sparen, ohne auf Qualität zu verzichten.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Max der Dax am 24.09.2018 10:05 Report Diesen Beitrag melden

    ... steigen um NUR ...

    Nur? Sie steigen trotzdem, Jahr für Jahr - und nicht nur die KK-Prämien. Würde doch auch nur mein Lohn Jahr für Jahr so steigen...

    einklappen einklappen
  • Alice am 24.09.2018 10:05 Report Diesen Beitrag melden

    Staatliche Krankenkasse

    Wäre mal Zeit, dass wir nur noch ein Krankenkasse haben- Staatliche! So könnte man viel Geld und Zeit sparen!

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  • Helene am 24.09.2018 11:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sauerei

    Die Alten haben das ganze Leben nach dem Solidarprinzip einbezahlt und werden nun nach dem "die habens ja" Prinzip abgezockt.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • D.B.g. am 25.09.2018 18:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vorsicht !! Kosten den , was denn ?

    Der Grund würde mich mal Interessieren da deren Begründung eher Lachhaft zum Weinen ist. Forschung, Löhne, Liegenschaften, Gehälter im Fantasie Bereichen zum guten noch an den Börsen weltweit handeln. Dazu braucht es die hohen Premien und nicht für den Kranken Menschen oder seinen Booooboli ! Freie Finazwirtschaft ist schon lange aus den Fugen gesprungen. Das Resultat, wird dem Bürger noch zur Gewalt treiben.

  • Lömu am 25.09.2018 18:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lösung

    Schaut, es gibt eine Lösung: Werbeverbot für Krankenkassen bzw. ein stark dezimiertes Budget dafür. Zusätzlich die Provisione für Makler streichen. Schon nur die 500 Millionen machen auf 8 Millionen Schweizer schon mal über 60 Franken jährlich pro Person...

  • Sumsum am 25.09.2018 18:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Traurig

    12TCH Einkommen -1700 Steuern -1500 Zins und Amortisation -1500 Kinder in Ausbildung -3000 Sonstiges ,Swisscom etc -1100 KK Familie -1500 Haushaltsgeld - Bleibt nicht mehr viel!!

  • Silja am 25.09.2018 18:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Einheitskasse

    Ich bin für die Einheitskasse. Die Grundversicherung muss für alle Erwachsenen gleich sein und die Prämie muss auch für den Mittelstand finanzierbar bleiben. Zudem müsste man diejenigen bestrafen, die immer gleich in den Notfall rennen. Wer eine Zusatzversicherung möchte, kann das freiwillig bei einer privaten Kasse anschliessen.

  • Su am 25.09.2018 18:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wir waren alle mal jung und kamen in den Genuss!

    da gibts nur eins, als jung für die KK sparen wenn man Kinder hat. Den gerade die haben vor nicht langer Zeit als jung davon profitiert. Jetzt jammern sie und greifen das was sie selbst taten an. Es zwingt keiner keinen sich für die Familie zu entscheiden, man muss vorher mal rechnen. Familie haben, heisst für sie auch mal verzichten auf Ferien, teure Handys, Auto, teure Technik etc.. Aber de 5er u ds Weggli kann keiner haben.