«Dirk of the Dax»

09. September 2011 08:58; Akt: 09.09.2011 14:13 Print

«Der nächste Crash wird viel schlimmer»

von S. Spaeth - Dirk Müller ist der Popstar unter den Börsenhändlern. Im Interview mit 20 Minuten Online warnt er: Die aktuelle Lage entspricht jener unmittelbar vor dem Kollaps der Bank Lehman Brothers.

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Die Finanzkrise machte Sie zum Star. Ihr Gesicht war überall präsent. Jetzt bahnt sich der nächste Crash an, und Sie sind nicht mehr ständig in der Öffentlichkeit. Sind Sie ein gealterter Popstar?
Dirk Müller: Ich hoffe nicht (lacht). Meine Schwerpunkte haben sich verändert. Wenn ich heute in der Öffentlichkeit präsent bin, geht es um Inhalte: In Talkshows ist meine Meinung gefragt oder ich trete als Experte in Zeitungen auf. Früher, als ich Händler auf dem Frankfurter Parkett war und vor der Dax-Tafel sass, interessierten sich die Fotografen vor allem für mein verzweifeltes Gesicht, wenn der Index wieder mal richtig abschmierte.

Warum haben Sie das Börsenparkett verlassen?
Es war eine fast logische Konsequenz. Das Geschäft an der Börse hat sich stark verändert. Als ich vor rund zwanzig Jahren anfing, haben noch Menschen mit Menschen verhandelt. Heute hingegen versuchen Computer einander über den Tisch zu ziehen. Das entsprach nicht mehr meinen Idealen. Zwar bin ich teilweise noch immer Händler, mehr Zeit verbringe ich aber sozusagen als Dolmetscher und versuche zu erklären, was an den Märkten passiert.

Sie haben nun auch einen Anlageratgeber geschrieben. Weshalb? Es gibt doch längst genug Literatur zu diesem Thema.
Klar gibt es bereits vieles. Im Unterschied zu anderen Ratgebern geht mein Buch aber auf die aktuelle Situation an den Märkten ein. Wegen der Schuldenkrise hat sich alles verändert. Zudem zeige ich meine persönliche Börsenstrategie auf. Eine weitere Motivation: Leute kamen zu mir und sagten ‹Mensch Müller, ich vertraue auf den Finanzmärkten niemandem mehr. Mich interessiert deine Wahrheit›.»

In Ihrem Buch zitieren Sie Henry Ford: «Wenn die Menschen unser Geldsystem verstehen würden, hätten wir die Revolution noch morgen früh.» Ist das System so ungerecht?
Ja, es ist ungerecht und mit grossen Fehlern behaftet. Diese nützen wenigen, doch viele müssen dafür bluten. Die Krisen folgen sich in immer kürzeren Abständen. Ein Beispiel für Ungerechtigkeit: Wer in Deutschland arbeitet, muss die Hälfte seines Lohns versteuern, Kapitaleinkommen werden hingegen nur mit 25 Prozent versteuert. Ich will nicht grundsätzlich unsere soziale Marktwirtschaft in Frage stellen, doch beide Begriffe müssten gleich gross geschrieben werden.

Unter den Börsianern sind sie wohl der einsame Rufer in der Wüste?
Es gibt unter den Händlern viele mit ethischen Ansprüchen. Das Problem ist aber, dass sie teilweise mit den Interessen der Arbeitgeber kollidieren. Ich halte mich hingegen an die hanseatische Kaufmannsehre, die mir schon meine Lehrer beigebracht haben. Demnach müsste es möglich sein, auch in der Finanzwelt mit Anstand und Ehre Geld zu verdienen.

Vor drei Jahren brach die Bank Lehman Brothers zusammen. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Ich haben den Finanztsunami kommen sehen und davor gewarnt, worauf mich viele als Schwarzmaler bezeichneten. Als erste US-Immobilienfonds dicht machten, war für mich klar, dass es zu flüchten gilt. Beim Lehman-Kollaps im September 2008 hatte ich keine Risikopositionen mehr. Ich war nur noch in Festgeld und Edelmetalle investiert.

Sehen Sie Parallelen zwischen den Wochen vor der Lehman-Pleite und der aktuellen Zeit?
Wir sind in der Situation wie vor dem Lehman Crash. Das Misstrauen unter den Banken ist enorm gestiegen. Man bringt das Geld über Nacht lieber zur Europäischen Zentralbank, als es einer Geschäftsbank auszuleihen. IWF-Chefin Christine Lagarde hat nicht zum Spass vor unterkapitalisierten europäischen Banken gewarnt.

Wie weit sind wir noch vom Kollaps entfernt?
Es ist fünf vor zwölf – und dieser Crash wird schlimmer als jener vor drei Jahren. Nach der Finanzkrise haben die Regierungen als Stabilisierungsmassnahmen 33 Billionen Dollar ins System gepumpt. Das hat zu einer Scheinblüte geführt, die bald vorüber ist. Diesmal werden die Staaten nicht mehr zu Hilfe eilen können.

In einem Ihrer Kommentare sprechen sie davon, dass unsere Nationalbank nun den ganzen Euro-Kram aufkaufen müsse. Halten Sie so wenig vom Euro?
Ich habe wenig Vertrauen in die Gemeinschaftswährung. Eine Währungsunion ohne politische Union kann nicht funktionieren. Folglich ist es ein riskanter Ritt, den die Jungs der Schweizerischen Nationalbank unternommen haben. Eventuell sitzen sie bald auf einem Berg von wertlosen Euros.

Wird es den Euro in fünf Jahren noch geben?
Ich befürchte, dass er in der jetztigen Form nicht mehr existiert. Womöglich haben wir noch einen Kerneuro in den finanzstarken Ländern.

Was macht der Mr. Dax, wenn er keine Börsencharts analysiert?
Dann habe ich einen Spaten in der Hand und grabe zusammen mit anderen Interessierten in der Region Heidelberg eine Burg aus dem zwölften Jahrhundert aus.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Theres Meier am 09.09.2011 10:03 Report Diesen Beitrag melden

    Es wird noch viel viel schlimmer

    Ich denke, es wird noch schlimmer als dies Müller prophezeit. Wegen der Wirtschaftkrise dürfte die ganze Menschheit eliminiert werden. Also Spass beiseite. Man kann auch alles und immer schwarzmalen. Ich frage mich, ob bei gewissen Leuten ein Interesse besteht, alles ins Negative zu ziehen. Ich würde sagen, es sind bei diesen Leuten und auch bei Müller finanzielle Interessen dahinter.

  • Reto am 09.09.2011 10:32 Report Diesen Beitrag melden

    Gib mir die Welt plus 5 Prozent

    Schaut euch mal den youtube Film an Gib mir die Welt plus 5 Prozent: Da kann einfach was nicht aufgehen...

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  • Patrik am 09.09.2011 09:52 Report Diesen Beitrag melden

    Megacrash wird kommen

    Genau so sehe ich das auch! Der Mega-Crash steht kurz bevor! Die Nationalbank verpulvert unser Vermögen indem sie eine Währung kauft, welche es in wenigen Monaten / Jahren nicht mehr in dieser Form geben wird. Dabei hätten Sie besser ihre Goldreserven aufgestockt und mit dem Gewinn ein Förderprogramm für Firmen welche im Tourismus und Export-engagiert sind erarbeitet.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Secondo am 20.09.2011 06:45 Report Diesen Beitrag melden

    Hilfe ja, aber am richtigen Ort

    Statt immer wieder Geld in den Finanz-Markt zu verschleudern, müsste man den Mut haben, der Sache ihren Lauf zu lassen, die Unterstützung dann lieber DIREKT dort anzubringen, wo Hilfe nachweislich benötigt wird (bei den Firmen/Produzenten, etc.). Man rechne mal, wieviel Milliarden, gar Billionen bereits verschleudert worden sind...und was hat's gebracht???

  • Josef A. am 18.09.2011 13:54 Report Diesen Beitrag melden

    Geldmarkt ausser Kontrolle!!

    Problematisch ist, dass sie das ganze Finanzsystem immer weiter aufschaukelt. Es werden immer mehr Milliarden reingeworfen, meist nur noch um den Interbankenhandel zu stützen. Sehr gefährlich ist auch, dass Banken ihre Assets nicht zu Marktwerten bilanzieren. Würden sie das tun, dann stünden zahlreiche Banken heute bereits mit negativen Eigenkapital da. Es ist eine ewige Verlagerung in die Vergangenheit und wieso? Weil die Geldwerte im Verhältnis zur Realwirtschaft zu gross geworden sind. E ist eine Riesenblase da draussen, die über Jahre abgeschrieben werden muss.

    • Supermario am 19.09.2011 13:15 Report Diesen Beitrag melden

      Wohl kaum ein Fundament

      Unbewiesene Unterstellungen sollten nicht einfach so publiziert werden dürfen. Wenn Banken nicht zu "Marktwerten" bilanzieren müssten sie zumindest gerügt, in gravierenden Fällen sogar geschlossen werden. Wenn dein Vorwurf begründet sein sollte geh doch zur Finma, ich bin gespannt welche Bank als erste geschlossen würde?

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  • Archie Zimmermann am 13.09.2011 13:21 Report Diesen Beitrag melden

    Klar wird der nächste Crash schlimmer

    denn mit dem letzten habt ihr die letzten Sicherheitspolster weggefetzt. Die staatlichen. Ihr gabt uns den Wohlstand, jetzt gebt ihr uns den Rest.

  • Oliver am 13.09.2011 01:07 Report Diesen Beitrag melden

    Neue Weltordnung?

    kommt die tatsächlich? So das es nur noch eine Währung geben wird??

    • Aline am 14.09.2011 13:37 Report Diesen Beitrag melden

      ob das volk da mitmacht?

      nachdem es ja schon mit Euro funktioniert, funktioniert es sicher VIEL VIEL Besser wenn man eine gnaze Weltwährung einführt... :S sehr logisch... mhh?

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  • Blindfisch am 11.09.2011 11:18 Report Diesen Beitrag melden

    Der nächste Crash kommt bestimmt.

    Allerdings wird er wohl eher aus den USA kommen. Wenn nämlich irgend eine Kreditkartenfirma in Zahlungsschwierigkeiten kommt, löst das einen Finanzkollaps aus der viele hundertmal schwerer ist als die geplatzte Immobilienblase.

    • Konrad H. am 18.09.2011 13:57 Report Diesen Beitrag melden

      Asien

      Soso, und Asien haben wir keine Immobilienblase?? Hast du dort mal geschaut, wie hoch die Immobilienwerte sind. Da ist das Kreditkartengeschäft noch ein Pippifazz-Problem.

    • Supermario am 19.09.2011 13:12 Report Diesen Beitrag melden

      Quatsch

      Wohl kaum; bei ner Kreditkartenfirma gibts viele kleine Schuldner und viele mittlere Gläubiger! Ne IB hingegen weist derart viele Verflechtungen auf, dass einfach alle anderen Finanzinstitute irgendwie betroffen sind.

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