Starker Franken

14. Januar 2011 14:30; Akt: 14.01.2011 15:35 Print

«Die Situation war 1978 viel dramatischer»

von Robert Erni - In den Siebzigerjahren war der Franken schon einmal so stark wie heute. Der damalige Chefökonom der Nationalbank, Kurt Schiltknecht, erinnert sich.

storybild

Der Wechselkurs zum Euro verunsichert Schweizer Exporteure. (Bild: Keystone)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Der starke Schweizer Franken schadet den hiesigen Exportfirmen. Darum lud Bundesrat Schneider-Ammann heute Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften sowie Vertreter von Industrie, Banken und Tourismuswirtschaft zu einer Krisensitzung ein.

Das weckt Erinnerungen an die Siebzigerjahre. Denn damals war der Franken schon einmal so stark wie heute und liess die Wirtschaft zittern. Die Schweiz galt als erstes Land, dass die Inflation im Griff hatte und genoss aus diesem Grund hohes Vertrauen an den Märkten. So kauften vor allem Länder mit hoher Inflation Schweizer Franken, was die Währung in die Höhe trieb.

Einer der bereits die letzte Krise miterlebt hat, ist der Sharholder-Value-Vordenker und Ökonomieprofessor Kurt Schiltknecht. Er hat über die Frankenaufwertung seinerzeit eine Dissertation verfasst. «Die Situation war damals sogar wesentlich dramatischer als heute. Alle Fachleute waren sich einig, dass der Schweizer Franken deutlich überbewertet war», erinnert er sich. Schiltknecht war von 1974 bis 1984 Chefökonom der Schweizerischen Nationalbank (SNB). «Trotz der Probleme war es die wohl spannendste Zeit in der Schweizerischen Notenbank – die Situation war völlig neuartig,» so Schiltknecht weiter.

Nicht alles von Gentlemen ist gut

Zunächst hat die Schweiz versucht, den Zufluss ausländischer Gelder zu begrenzen. 1967 trat der Bund darum mit einer aussergewöhnlichen Massnahme vor die Banken: In einem Gentlemen’s Agreement sollten die Finanzinstitute sämtliche spekulativen Transaktionen unterlassen. So sollten Spekulationen gegen den Franken unterbunden werden. Diese Massnahme blieb aber erfolglos. «Das war etwa so, wie wenn ein Doktor dem Patienten die Hand auf die Stirn legt», sagt Schiltknecht im Gespräch mit 20 Minuten Online. Darum rät der Volkswirt zur Vorsicht, wenn gewisse Kreise auch heute wieder ein neues Gentlemen’s Agreement fordern. Experten warnen: Der Markt ist heute wesentlich grösser geworden. Selbst wenn sich inländische Banken in Zukunft keine spekulativen Geschäfte erlauben, könnten zahlreiche ausländische Geldhäuser ungebremst weiter gegen die Interessen des Frankens spekulieren.

Fatale Inflation

Ende 1978 legte die Nationalbank letztlich ein Wechselkursziel gegenüber der D-Mark fest. Die deutsche Währung sollte den Wert von achtzig Rappen nicht unterschreiten. So konnte die Aufwertung des Frankens zwar gestoppt werden. Aber die dazu nötige Aufblähung der Geldmenge führte zu einer Inflation. Diese ist laut Schiltknecht die grösste soziale Ungerechtigkeit. Vor allem Kleinsparer, Arbeiter und Angestellte traf diese Entwicklung damals hart.

Für den Ex-Nationalbanker wäre eine Wiederholung dieser Situation heute fatal. Die momentane Lage sei nicht mit der Frankenaufwertung in den Siebzigerjahren vergleichbar. Damals galt der Schweizer Franken allseits als eindeutig überbewertet. Das sei heute nicht so. Deshalb rät er der Schweiz jetzt: «Wegen kurzfristigen Überlegungen sollte nicht voreilig eine Lösung um jeden Preis gefunden werden. Lieber nichts tun als das Falsche.»