Wittmann im Interview

15. Juni 2011 07:31; Akt: 15.06.2011 13:11 Print

«Entmachtet endlich die Kantone»

von Sandro Spaeth - Die Schweiz versteht sich als Erfolgsmodell – doch dieses ist gefährdet. Für den Wirtschaftsprofessor Walter Wittmann sind die Kantone wirtschaftliche Bremsklötze.

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Wirtschaftsprofessor Walter Wittmann sieht das Erfolgsmodell Schweiz in Gefahr. Statt den Weg nach Europa einzuschlagen, zementiere man den Sonderfall. (Bild: Keystone)

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Herr Wittmann, diese Woche erscheint ihr neues Buch. Sie provozieren erneut stark. Warum geniessen Sie nicht einfach den Ruhestand?
Walter Wittmann: Mir ist es nicht einfach egal, was in der Schweiz läuft. Zudem will ich nicht zu jenen gehören, die zwar die Probleme gesehen sehen, aber nie davor warnen. Ums provozieren geht es mir nicht. Ich ziehe einfach Bilanz – und diese ist negativ. Dass ich mich damit nicht beliebt mache, nehme ich in Kauf.

Sie kritisieren die Schweiz als reformunwillig, dabei reformieren wir ständig, beispielsweise die IV und die AHV.
Was wir bisher gesehen haben ist reine Kosmetik. Die AHV wird ab 2015 enorme Defizite schreiben. Da drängen sich fundamentale Reformen auf. Bei der IV versucht man die Lücke vorübergehend mit einer Mehrwertsteuererhöhung zu finanzieren, doch das ist ein Fehler, denn diese droht definitiv zu werden.

Sie zeichnen den Weg der Schweiz in die Sackgasse vor. Diese Strasse scheint aber noch ziemlich lang.
In der Tat sind wir bisher nicht am Ende der Sackgasse angelangt. Die Schweiz ist wie eine alte, vermögende Tante. Noch haben wir genügend Geld und können einige Zeit weiter umverteilen und die Probleme verwalten. Aus der Sackgasse kommen wir so aber nicht heraus. Es braucht einen Befreiungsschlag. Leider glaubt die Mehrheit der Schweizer noch immer, man sei auf niemanden angewiesen.

Wie lange wird die EU den Sonderfall Schweiz noch akzeptieren?
Die EU erklärt ständig, dass sie keine neuen Verhandlungen mehr will. Folglich ist die Weiterführung des bilateralen Wegs eine Illusion. Weil wir aber beispielsweise bei Exporten und Rohstoffen, aber auch im Arbeitsmarkt stark vom Ausland abhängig sind, können wir es uns nicht leisten, vom EU-Binnenmarkt ausgeschlossen zu werden. Verhandlungsposition hat die Schweiz aber ein schwache. Unser Markt ist für die EU nicht von Bedeutung.

Sie fordern in ihrem Buch den EU-Beitritt. Bei den Problemen der Eurozone ist diese Forderung aber nicht sehr populär…
Mehrheitsfähig ist diese Forderung im Moment nicht. Ich sage aber auch nicht, dass wir der EU sofort beitreten werden. Mittelfristig bleibt uns aber nichts anderes übrig.

Wagen Sie eine Prognose: Wann wird die Schweiz EU-Mitglied?
Nicht in den nächsten zehn Jahren. Klar ist: Ökonomisch werden die Vorteile der EU überwiegen. Die Schweiz hätte dann ungehinderten Zugang zum gesamten EU-Binnenmarkt, wäre also quasi im Rotary-Club mit dabei.

Mit ihrem Euro-Problem scheint mir die EU aber nicht wirklich dem Bild des Rotary-Club zu entsprechen.
Die EU hat keine Eurokrise, sie hat eine Schuldenkrise. Als Konstrukt funktioniert sie, wenn auch als Transferunion. Dabei unterscheidet sie sich nicht gross von der Schweiz. Auch wir unterstützen die schwachen Kantone. Hätte die Schweiz zudem in den letzten 30 Jahren den dringend notwandigen Ausbau der Infrastruktur vorangetrieben, würde die Staatsverschuldung viel mehr als 41 Prozent des BIP ausmachen.

Sie sehen die Kantone als Bremsklötze für die wirtschaftliche Entwicklung und fordern die Einschränkung des Föderalismus. Wollen sie der Schweiz die Kantone wegnehmen?
Ich will die Kantone nicht abschaffen, doch es ist höchste Zeit, dass man sie entmachtet. Wir müssen eine nationale und internationale Politik machen, es braucht keinen Kantönligeist. Selbst in einer globalisierten Welt verstehen sich die Kantone als selbständige Staaten. Dabei haben einige nicht einmal die Grösse einer mittleren Stadt von fünfzigtausend Einwohnern. Appenzell-Innerroden hat 16 000 Einwohner

Sie fordern auch Reformen im politischen System. Beispielsweise einen auf 4 Jahre gewählten Bundespräsidenten. Was erhoffen Sie sich davon?
Dann würde das Ausland endlich erkennen, wer uns vertritt. Die Schweiz wird zu wenig wahrgenommen. Zudem braucht es in der Regierung viel weniger Parteien, damit klare Mehrheiten möglich werden. Derzeit setzt sich der Bundsrat aus fünf Parteien zusammen, die nicht mal in sich selbst geschlossen sind. Unser aktuelles System lähmt Reformen, kostet viel Geld und endet immer in Kompromissen.

Ihr Buchcover zeigt eine Uhr, eingestellt auf fünf vor zwölf. Sie sagen damit, das Erfolgsmodell Schweiz sei fast am Ende. Sie sind ein Pessimist.
Ich bin kein Schwarzmaler. Ich schildere Szenarien. Fünf vor zwölf bedeutet, dass es allerhöchste Zeit ist, um fundamental zu handeln. Unsere Probleme sind massiv. Mit der EU ist es definitiv fünf vor zwölf, im Inland vielleicht viertel vor. Die Schweiz steht vor einer Bewährungsprobe

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Wibranietz Yvonne am 21.06.2011 05:44 Report Diesen Beitrag melden

    Sackgasse Schweiz!!!!!!!!!Wacht auf!!!!

    Herr Wittmann ,sie Sind der Intelligenteste Schweizer + einer von wenigen mit einer Weitsicht!!! Vielen Dank für Ihren Mut!!! Alle anderen leben in einer Scheinwelt, wenn Sie dann eines Tages aufwachen ist es für die Schweiz bereits zu spät!!! Viele wissen nicht , das das Geld bereits seit 2 Jahren Richtung Singapore abwandert.Die Schweiz wird wieder so arm wie Sie mal war und Fr. und Hr. Schweizer werden zum Auswandern gezwungen.Etwas was sie nicht kennen!!!

  • Nepomuk007 am 15.06.2011 07:54 Report Diesen Beitrag melden

    Herr Wittmann, Sie IRREN komplett!

    Wo hat die CH aufgrund ihres Systems eine krasse Fehlentscheidung getroffen? Nur weil jemandem unsere Entscheidungen nicht passen, sind sie noch lange nicht falsch, es wird immer Entscheidungen geben, die jemandem nicht passen. Entscheidungen sollten auf der Ebene getroffen werden, wo auch die Kosten für diese Entscheidungen anfallen! und zum Schluss: Lesen Sie mal Montesquieu und John Locke!

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  • Adrian am 15.06.2011 10:08 Report Diesen Beitrag melden

    Mir tut Wittmann leid

    Wittmann nutzt gerne seinen Titel, um seinen Thesen Gewicht zu verleihen. Leider sind seine Aussagen in jüngerer Zeit zunehmend polemisch. Schade um einen eigentlich brillianten Vordenker, der nun lediglich sein Weltbild gegen die Realität verteidigt und sich wissenschaftlicher Erkenntnisse aus der Ökonomie verweigert. Ich mag ihn als Querdenker, aber ein Wissenschaftler sollte als erstes auch seine eigenen Thesen hinterfragen. Sonst ist man kein Wissenschaftler mehr, sondern entweder Lobbyist oder Politiker. Oder einfach ein alter Mann, der sich gegen das Versinken in der Irrelevanz aufbäumt.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Hai max am 21.06.2011 11:52 Report Diesen Beitrag melden

    Lieber ein lebenswertes Land!

    Klar wäre es einfacher und billiger wenn ein Führer unser Land führt und alle Gesetze beschliesst. Aber wollen wir uns entmachten lassen und alles einer kleinen Politkaste übergeben? wenn ich unsere Politiker anschaue wird es mir Schwindlig.

  • Wibranietz Yvonne am 21.06.2011 05:44 Report Diesen Beitrag melden

    Sackgasse Schweiz!!!!!!!!!Wacht auf!!!!

    Herr Wittmann ,sie Sind der Intelligenteste Schweizer + einer von wenigen mit einer Weitsicht!!! Vielen Dank für Ihren Mut!!! Alle anderen leben in einer Scheinwelt, wenn Sie dann eines Tages aufwachen ist es für die Schweiz bereits zu spät!!! Viele wissen nicht , das das Geld bereits seit 2 Jahren Richtung Singapore abwandert.Die Schweiz wird wieder so arm wie Sie mal war und Fr. und Hr. Schweizer werden zum Auswandern gezwungen.Etwas was sie nicht kennen!!!

  • Peter Zeller am 16.06.2011 22:25 Report Diesen Beitrag melden

    Der Föderalismus ist eine wichtige Basis

    Der Föderalismus ist eine wichtige Basis unserer direkten Demokratie. Viele stören sich bereits heute daran, was alles für "Unsinn" in Bern auf Bundesebene entschieden wird. Wenn man die Kantone abschafft, dann wird das nur noch schlimmer. Dann landet man in französischen oder italienischen Verhältnissen, in welchen Bürokraten in der Hauptstadt über Dinge entscheiden, zu denen sie keinen Bezug haben. Der Föderalismus hat sicher Nachteile aber ganz klar auch wichtige Vorteile!

    • Ossi am 17.06.2011 13:36 Report Diesen Beitrag melden

      Applaus Applaus

      PS: Ein Einheitliches Bildungswesen würde ich mir aber wünschen. Und nicht in jedem Dorf andere Lehrmittel

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  • Peter Bichsler am 16.06.2011 08:47 Report Diesen Beitrag melden

    Schwachsinn kostet jährlich Milliarden.

    Das sind jährlich zusammengerechnet Milliarden, die für diesen Gemeinde-/Kantönli-Geist-Schwachsinn verschleudert werden!!

    • Ossi am 17.06.2011 13:37 Report Diesen Beitrag melden

      Seit froh

      Das Ihr ein Gegengewicht zum SED-Bern habt.

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  • Hans Hollinger am 16.06.2011 08:34 Report Diesen Beitrag melden

    Warum ein Erfolgsmodell aufegeben?

    Basis Demokratie und Foederalismus sind Vorteile und Markenzeichen der Schweiz und haben bisher mehr Erfolg gehabt als alle 'Internationalisierungen' (z.B. Völkerbund, Sozialistische Internationale, UNO, EU). Warum ein Erfolgsmodell aufegeben um einem Pleitemodell beizutreten?

    • Peter Walther am 16.06.2011 10:08 Report Diesen Beitrag melden

      @Hans Hollinger

      Weil es vielleicht veraltet/überholt ist??!! Die Kirche als Staatsmacht war auch einmal ein Erfolgsmodell, aber zum Glück haben die meisten nicht ewig daran festgehalten, sonst wären wir heute immer noch im Mittelalter. Die Welt verändert sich und man kann das Beste daraus machen oder sturr dagegen sein und die Augenschliessen bis man alt wird.

    • Marc am 16.06.2011 16:44 Report Diesen Beitrag melden

      Bünzli denken...

      Ja, Sie würden heute noch mit Stein und Holz Feuer machen, hätte nie jemand etwas anderes erfunden! Veränderung bringt auch Chancen, braucht aber auch Mut und Wille, aber einige bleiben eben immer beim alten bis auch dies ausstirbt...

    • Karli am 17.06.2011 13:48 Report Diesen Beitrag melden

      Aber bevor wir aussterben

      ist Euer Erfolgsmodel pleite. PS: da muss ich gleich schauen ob es die EU heute noch gibt bei 1,19 für den Euro und und mit 8,75*10^6 Millionen Euro Staatsverschuldung und fast 10% Arbeitslosikeit (ohne Umschüler, Mit "Lebensgemeinschatseinkommen"..)

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