Sexuelle Belästigung

13. August 2019 04:44; Akt: 13.08.2019 16:36 Print

«Mein Lehrmeister fasste mir an meine Brüste»

Grapschereien und anzügliche Sprüche – viele Lehrlinge erleben während der Ausbildung sexuelle Belästigung. Leser berichten von ihren schlechten Erfahrungen.

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Viele Lehrlinge werden sexuell belästigt. Das zeigt eine aktuelle Umfrage der Gewerkschaft Unia. Das Resultat: Jeder dritte Lehrling wurde während der Ausbildungszeit schon einmal sexuell belästigt. «Die Ergebnisse sind schockierend», sagt Unia-Jugendsekretärin Kathrin Ziltener zu 20 Minuten. Im Schnitt waren die über 800 Befragten 19 Jahre alt. Von den befragten Frauen gaben 36 Prozent an, in der Lehre sexuelle Belästigung erlebt zu haben. Bei den Männern ist jeder Vierte betroffen. Am meisten verbreitet sind verbale Belästigungen. Aber auch unerwünschter Körperkontakt, sexuelle Übergriffe, Nötigung oder Vergewaltigung kommen vor. Das Thema ist ein gesellschaftliches Problem: Die Lehrlinge geben an, auch in der Schule und vor allem im Privatleben schon mal sexuell belästigt worden zu sein. Grundsätzlich käme sexuelle Belästigung in allen Branchen vor. Tendenziell seien jene mehr betroffen, in denen vorwiegend Frauen tätig seien, so die Unia-Jugendsekretärin. Um sexuelle Belästigung vorzubeugen, stellt die Unia entsprechendes Infomaterial zur Verfügung und macht regelmässig auf das Thema aufmerksam. Die Arbeitgeber kennen die Problematik. Der Schweizerische Arbeitgeberverband (SAV) betont aber, dass er keine Anzeichen dafür habe, dass sexuelle Belästigungen am Arbeitsplatz in den vergangenen Jahren zugenommen habe. «Trotzdem empfiehlt er den Unternehmensleitern, präventiv gegen ein solches Verhalten vorzugehen», sagt SAV-Direktor Roland Müller auf Anfrage.

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Sexuelle Belästigung ist unter Lehrlingen verbreitet. Laut einer Umfrage der Gewerkschaft Unia erlebt jeder dritte Lehrling sexuelle Anspielungen oder Grapschereien. Betroffene 20-Minuten-Leser berichten von ihren Erlebnissen aus der Lehre:

Umfrage
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«Er stand plötzlich hinter mir»

Leserin Petra* (21):Ich habe meine Lehre als Köchin gemacht. Als der neue Chef de Service anfing, stand er plötzlich immer wieder hinter mir in einem versteckten Bereich der Küche. Er begrapschte mich am Po und an der Hüfte. Ich traute mich nicht, etwas zu sagen, da er eine Kaderfunktion hatte.

«Mein Lehrmeister fasste mir an meine Brüste»

Leserin Nora (27): Es war im zweiten Lehrjahr, als mein neuer Lehrmeister keine Gelegenheit ausliess, mich beim Vorbeigehen anzufassen – sei es an den Brüsten oder am Po. Ihm war alles recht. Als ich damit zur Personalchefin ging, beschwichtigte sie mich nur. Ich habe dann selber einen anderen Betrieb gefunden, wo ich meine Logistik-Lehre beenden konnte.

«Seine Entschuldigung: Du hast da etwas falsch verstanden»

Leserin Lisa (23): In meiner Lehre als Köchin ging ich in in der Kühlzelle Früchte holen. Ein Mitarbeiter kam hinterher, drückte sich an mich und kniff mich in den Allerwertesten. Als ich den Vorfall zusammen mit ein paar anderen Kolleginnen meldete, denen das auch passiert war, wurde er verwarnt. Seine Entschuldigung bei mir lautete: Es tut mit leid, wenn du da etwas falsch verstanden hast.

«Mein Lehrmeister schrieb mir Liebes-SMS»

Leserin Bianca (29): Mein Lehrmeister hat mich öfter begrapscht und mir SMS geschrieben, dass er in mich verliebt sei. Als ich mich nach zwei Jahren wehrte, wurde ich von ihm fertiggemacht. Ich wurde dann an einen anderen Arbeitsort versetzt. Am Schluss gab es lediglich ein internes Verfahren und er erhielt lediglich eine Verwarnung – trotz Beweisen.

«Er erzählte uns von seinen Besuchen im Puff»

Leser Renato (20): Unser Filialleiter machte immer wieder Anspielungen wie «ich werde dich übers Knie legen» oder «wenn ich mit weiblichen Kolleginnen ins Lager gehe, schalte ich das Licht ab». Er erzählte uns auch immer von seinen Besuchen im Puff oder von seinen Eroberungen. Am Ende meiner Detailhandelslehre habe ich die regionale Leitung und das Management über alles informiert. Es gab lediglich eine Verwarnung.

«Mein Chef berührte mich am Hintern»

Leserin Lea (19): Mein Chef hat mich wiederholt am Hintern berührt, mich auf den Hals geküsst und mir ständig Komplimente gemacht. Bei meinen Arbeitskolleginnen hat er seine Hand auf ihre Oberschenkel gelegt und sie gestreichelt. Heute bin ich froh, dass ich meine Lehre als medizinische Praxisassistentin in einer anderen Praxis beendet habe.

«Er fragte nach der Farbe meiner Unterwäsche»

Leserin Sabina (27): Ein rund 20 Jahre älterer Mitarbeiter hat regelmässig anzügliche Bemerkungen gemacht und mir Mails gesendet. Unter anderem fragte er darin, welche Farbe meine Unterwäsche habe. Erst als ich drohte, die Mails an den Chef weiterzuleiten, hörte er auf. Es war eklig.

«Der Mitarbeiter passte mich ab und bedrängte mich»

Leserin Esther (29): In meiner Schreinerlehre wurde ich von einem Mitarbeiter immer wieder abgepasst und bedrängt. Wenn ich im Lift war, sprang er oft dazu. Er begrapschte mich dann und versuchte mich zu küssen. Es war der absolute Horror. Doch einige bekamen die Situation mit und gingen zum Chef. Der hat mich dann so eingeteilt, dass ich nicht mehr mit ihm arbeiten musste. Doch bei 4 Jahren Lehre geht das sehr schwer. ich habe mich weiter gewehrt und irgendwann kam es nicht mehr vor.

«Mein Chef gab mir einen Klaps auf den Hintern»

Erika (23): Ich machte eine Lehre im Dienstleistungssektor. Im 3. Lehrjahr gab mir mein Chef einen Klaps auf den Hintern. Mehrere Mitarbeiter haben das gesehen. Zum Glück ist es dann nicht mehr vorgekommen.

*Die Namen der Betroffenen sind der Redaktion bekannt.

(dob)