Richard Quest im Interview

26. Januar 2016 06:56; Akt: 26.01.2016 10:05 Print

«Europa ist nur im Scheitern erfolgreich»

von Gaudenz Looser - Der Business-Anchor von CNN International spricht mit 20 Minuten über den Mindestkurs, das WEF und die Flüchtlingskrise – und geht mit der Schweiz hart ins Gericht.

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Richard Quest über den Euro-Mindestkurs: «Der Mindestkurs war von Beginn weg unrealistisch. Es war offensichtlich, was passieren würde. Immerhin ist der Kurs von 1.10 vom Markt akzeptiert. Jetzt ist eben die Schweizer Wirtschaft dazu gezwungen, konkurrenzfähiger zu werden.» Über die Jobs, die der hohe Frankenkurs schon gekostet hat: «Nein, nein, nein! Kommen Sie mir nicht mit diesem Unsinn! Diese Leute hätten ihre Jobs womöglich auch sonst verloren!» Zum WEF-2016-Motto «4. industrielle Revolution»: «Das Besondere am gegenwärtigen technischen Wandel ist das unglaubliche Tempo, mit dem er geschieht. Das ist schneller und fundamentaler, als es Menschheit je erlebt hat. Und die Gefahren, die sich daraus ergeben, sind immens.» Über die Folgen des rasanten technischen Wandels: «Die grösste Bedrohung ist soziale Instabilität als Folge von Jobverlust durch Automatisierung. Und es wird diesmal nicht die einfachen Arbeiter treffen, sondern das mittlere Management und die Facharbeiter, die wegrationalisiert werden. Und betroffen werden Millionen von Jobs sein.» Quest blickt besorgt in die Zukunft: «Der Ölpreis ist schnell so tief gefallen, dass in all jenen Ländern, die vom Erdöl leben, Instabilität droht. Sie sind zwingend auf einen höheren Ölpreis angewiesen, weil sie sonst ihr Staatsbudget nicht mehr finanzieren können. Jetzt bauen diese Staaten ihre Leistungen ab, und am Ende dieser Entwicklung stehen soziale Unruhen.» Was Quest mit all den Flüchtlingen tun würde an Merkels Stelle: «Wahrscheinlich dasselbe wie Merkel. Vergessen Sie nicht, Deutschland braucht Arbeitskräfte.» Der CNN-Business-Anchor empört sich über die Beschlagnahmung von Wertsachen bei Flüchtlingen in der Schweiz:«Oh, um Gottes willen! Wir sind die reichsten Länder dieser Welt! Und wir nehmen denen das letzte Geld weg! Wie unanständig! Sie sollten sich schämen!» Quest über die Fähigkeit Europas, die Flüchtlingskrise zu meistern: «Europa ist leider spektakulär schlecht darin, Probleme zu lösen. Das Einzige, worin die EU erfolgreich ist, ist bei der Lösung von Krisen zu scheitern.» Auf die Frage, ob er denn in Grossbritannien noch sein Stimmrecht habe: «Natürlich habe ich das. Und ich werde die nächste Frage nicht beantworten.»

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Herr Quest, letztes Jahr prognostizierten Sie, die Schweiz müsse ihre Skilifte ausschalten wegen des Frankenkurses. Die laufen zwar noch, aber denken Sie, die Schweiz sollte zurück zum Mindestkurs?
Richard Quest:
Auf gar keinen Fall. Einen Mindestkurs macht man nur, wenn es die wirtschaftliche Situation rechtfertigt und man zweitens die Glaubwürdigkeit hat, ihn zu halten …

… und die ist weg …
… mit der Glaubwürdigkeit ist es ein bisschen wie mit der Jungfräulichkeit: Wenn sie weg ist, kommt sie nicht zurück. Der Mindestkurs war von Beginn weg unrealistisch. Er wurde der falschen Gründe wegen eingeführt, man tat es für die Firmen, nicht von einer makroökonomischen Warte aus. Die europäische Wirtschaft, an die die Schweiz so geknüpft wurde, ging schnell den Bach runter und die Schweiz war ein sicherer Hafen. Es war offensichtlich, was passieren würde. Immerhin ist der Kurs von 1.10 vom Markt akzeptiert. Jetzt ist eben die Schweizer Wirtschaft dazu gezwungen, konkurrenzfähiger zu werden.

Einige tausend Schweizer haben bereits ihren Job verloren …
Nein, nein, nein! Kommen Sie mir nicht mit diesem Unsinn! Diese Leute hätten ihre Jobs womöglich auch sonst verloren! Der Mindestkurs hat eine Art künstlichen Dampfkochtopf geschaffen, der irgendwann explodiert ist. Aber es wäre so oder so passiert.

Wie zufrieden sind Sie mit dem diesjährigen WEF?
Für mich war es nicht das dynamischste WEF aller Zeiten. Es waren einerseits keine Rockstars wie eine Merkel da, andererseits gab es kein dominierendes Thema, das dringend diskutiert werden musste. Das Motto «Vierte industrielle Revolution» war aber brillant gewählt.

Was ist für Sie die Schlüsselbotschaft daraus?
Das Besondere am gegenwärtigen technischen Wandel ist das unglaubliche Tempo, mit dem er geschieht. Das ist schneller und fundamentaler, als es die Menschheit je erlebt hat. Und die Gefahren, die sich daraus ergeben, sind immens.

Was ist die grösste?
Die grösste Bedrohung ist soziale Instabilität als Folge von Jobverlust durch Automatisierung. Und es wird diesmal nicht die einfachen Arbeiter treffen, sondern das mittlere Management und die Facharbeiter, die wegrationalisiert werden. Und betroffen werden Millionen von Jobs sein. Das ist so gross, dass ich finde, wir haben am WEF zu wenig getan, um nach Wegen zu suchen, damit umzugehen. Denn: Wir sind noch nirgendwo.

Sie sagten, es habe ein dominierendes Thema gefehlt, das sofortige Diskussion erfordert habe – was ist mit dem Ölpreis, Terrorismus oder der Flüchtlingskrise?
Ja, aber über die Flüchtlingskrise werden die CEOs nicht reden wollen, und auf den in der Tat gefährlich tiefen Ölpreis haben die meisten keinen Einfluss, also bleibt ihnen nichts, als zuzuschauen, wie es passiert.

Sie haben die CEOs in Davos gebeten, ihre Sorge im Hinblick auf 2016 auf einer «Worrywall» in einer Skala von 0 bis 10 zu beziffern. Und die meisten waren überraschend optimistisch bei 3 oder 4. Waren sie ehrlich?
Das ist schwer zu sagen. Ich glaube, die meisten hätten wohl ehrlicherweise bei sieben oder acht ihr Kreuz gemacht, aber sie wollten nicht, dass es nachher heisst, CEO soundso ist besorgt.

Wie besorgt sind Sie?
Ich bin besorgt. Wir hatten die schlechteste erste Woche aller Zeiten an der Börse in New York. Wir haben eine neue Präsidentin in Taiwan, die die Unabhängigkeit will, die chinesische Wirtschaft ist am Schwächeln und China hat gleichzeitig offensive Expansionsgelüste. Wir haben Syrien als endlose Katastrophe, die Saudis und der Iran liegen sich in den Haaren. Und wir haben einen Ölpreis, der gefährlich fällt. Er ist schnell so tief gefallen, dass in all jenen Ländern, die vom Erdöl leben, Instabilität droht. Und das sind nebst den Offensichtlichen: Nigeria, Russland, Brasilien etc. All diese Länder sind zwingend auf einen höheren Ölpreis angewiesen, weil sie sonst ihr Staatsbudget nicht mehr finanzieren können. Jetzt bauen diese Staaten ihre Leistungen ab, und am Ende dieser Entwicklung stehen soziale Unruhen.

Und die Flüchtlingskrise besorgt Sie nicht? Deutschland tut sich gerade ziemlich schwer mit einer Million neuen Flüchtlingen …
Machen wir zunächst den Reality-Check: Der Libanon hat mit einer Bevölkerung von 5,8 Millionen 1,5 Millionen Flüchtlinge aufgenommen. Europa hat 2 Millionen Flüchtlinge aufgenommen bei einer Bevölkerung von 500 Millionen. Die Zahlen sind also immer noch klein. Europas Problem ist, dass die Zahl neuer Flüchtlinge dramatisch ansteigen wird, sobald es Frühling wird. Leider ist Europa völlig unfähig, die Flüchtlinge sinnvoll zu verteilen. Merkel ist geschwächt, der Krieg in Syrien ist bei weitem nicht vorbei und sie haben beinahe Schengen kaputt gemacht. Es ist sehr ernst. Aber wir haben keine Antwort.

Was würden Sie tun in Merkels Position?
Wahrscheinlich dasselbe. Vergessen Sie nicht, Deutschland braucht Arbeitskräfte …

… qualifizierte Arbeitskräfte …
Ja, das stimmt, deshalb hat sie die Frühen genommen. Die, die als Erste den Weg geschafft haben. Das ist ein willkommener Nebeneffekt für Merkel ... Aber Moment mal, hat nicht die Schweiz auch gerade dieses Ding … Nehmen die nicht den Flüchtlingen das Geld weg?

Ja. Wie auch Dänemark und Deutschland …
Wozu?

Um Kosten zu decken …
Oh um Gottes willen! Wir sind die reichsten Länder dieser Welt! Und wir nehmen denen das letzte Geld weg! Wir können uns das leisten! Wie unanständig! Diese Leute sind mit ihrem Leben davongekommen, und wir haben die Unverfrorenheit, denen das Geld wegzunehmen. Sie sollten sich schämen! Es spricht nichts dagegen, sie später zu Kasse zu bitten, wenn sie wieder auf den Füssen sind. Aber diese Idee – das ist abstossend! Wir haben diese Krise geschaffen!

Assad, IS. War das die Schweiz?
Kommen Sie mir nicht mit dem Neutralitäts-Müll! Ich bin kein linker Idealist und auch nicht auf dem Schuld-Trip. Aber ich glaube, dass wir – versehentlich, nicht gezielt – eine sich immer schneller drehende Abwärtsspirale geschaffen haben in der Welt. Es wird richtig schlimm, wenn wir keinen Weg finden, diese Spirale zu stoppen. Und Europa ist leider spektakulär schlecht darin, Probleme zu lösen. Das Einzige, worin die EU erfolgreich ist, ist bei der Lösung von Krisen zu scheitern.

Haben Sie eigentlich noch das Stimmrecht in Grossbritannien?
Natürlich habe ich das. Und ich werde Ihre nächste Frage nicht beantworten.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Luis V am 26.01.2016 08:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Frage

    Ja Herr Quest und die USA?

    einklappen einklappen
  • M.C. am 26.01.2016 07:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Seltsames Interview

    "Diese Leute hätten ihre Jobs womöglich auch sonst verloren!" Ist das nicht etwas sehr vage gehalten? Generell scheint diese Person in diesem Interview nur zu kritisieren, aber keine Lösungsansätze zu haben, oder irre ich mich?

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  • Caro123 am 26.01.2016 07:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    lächerlich

    Der soll erst mal seine Emotionen in den Griff kriegen, bevor ich ihn überhaupt ernst nehmen kann. Aber er hätte natürlich alles besser gemacht:)

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Stem am 27.01.2016 00:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Google

    Googelt mal nach Richard Quest New York, Park, Tree, Drugs,... Da kommt eine interessante Geschichte über diesen Herrn

  • Dr. Unwichtig am 26.01.2016 12:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Peinlich...

    Hätte Herr Quest mit den gleichen Aussagen nur Europa kritisiert, ohne auch die Schweiz anzugreifen, würde er hier als "Realist" und "einer, der verstanden hat" hochgejubelt. Peinlich, diese Unfähigkeit mit Kritik umzugehen. Zumal sie in vielen Bereichen durchaus ihre Berechtigung hat...

  • Adriano am 26.01.2016 12:52 Report Diesen Beitrag melden

    Politische Angst

    Solche Optimisten brauchen wir, damit jeder unter der Angst gefangen bleibt. Irgendwie geht es mit der Menschheit immer weiter, auch wenn Herr Quest keine Möglichkeiten sieht.

  • Herr Wettermann am 26.01.2016 12:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wer ist dieser Quest?

    Was ist das für ein Wichtigtuer? Bringt bitte interessante Sachen...

  • Kath Wenger am 26.01.2016 12:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    erfrischend

    Bingo..., ziemlich auf den Punkt gebracht ...