Porträts von Arbeitslosen

16. Juni 2019 17:25; Akt: 18.06.2019 08:25 Print

«Für ein Auto oder TV habe ich kein Geld»

von Matthias Gröbli - Flavio Schrenk (27) hat in Basel Molekularbiologie studiert. Jetzt ist er arbeitslos und gibt Nachhilfe. Seine grösste Angst ist, ein Sozialfall zu werden.

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Arbeiten wollen, aber nicht können: So ergeht es in der Schweiz gegen 180'000 Stellensuchenden. Wie lebt man ohne Arbeit? Worauf muss man verzichten? Wie steckt man die Absagen bei den Bewerbungen weg? 20 Minuten porträtiert fünf arbeitslose Menschen in der Schweiz (siehe Box).

Beruf
Molekularbiologe

«An der Universität Basel studierte ich Molekularbiologie, Fachbereich Biomedizin. Das Studium dauerte fünfeinhalb Jahre, mit dem Abschluss Master (Anfang 2018). Ich begann sofort, mich zu bewerben. Ich war ein bisschen blauäugig nach dem Studium und dachte: ‹So ein Abschluss ist in Basel relevant.› Ich war überzeugt, die Firmen würden sich um mich reissen.»

Arbeitslos
Seit Master-Abschluss 2018

«Inzwischen habe ich über 200 Bewerbungen geschrieben. Daraus ergaben sich zwei Vorstellungsgespräche für Stellen als wissenschaftlicher Mitarbeiter oder in der Entwicklung in der Pharmabranche. Doch ich bekam die Jobs nicht, Feedbacks gab es kaum. Ich weiss nicht, wo das Problem liegt. Es gibt auch kaum Experten, die mir sagen können, worauf ich achten muss, um Chancen auf diesem Arbeitsmarkt zu haben.

Ich hatte das Glück, diesen Frühling drei Monate an einem Projekt im Bereich Bioanalytik an der Fachhochschule zu arbeiten. Dies hat bisher aber keine neuen Türen geöffnet.»

Finanzen
2500 Franken im Monat

«Ich verrichte Teilzeitjobs, um Geld zu verdienen. Ich gebe Unterricht und Nachhilfe, derzeit als 25-Prozent-Pensum. Ich bewerbe mich weiterhin, auch mit Initiativbewerbungen und in anderen Regionen der Schweiz. Aber ich habe kein Vitamin B in der Branche. Das RAV kann hier auch nicht helfen.

Ich verdiene derzeit einen Drittel des benötigten Betrags, um über die Runden zu kommen. Beim RAV bekam ich vier Monate (minimale Unterstützung als Master) 2500 Franken pro Monat. Ich habe noch ein bisschen Erspartes, das bei guter Einteilung bis Ende Jahr reicht. Doch schon jetzt ist es schwierig: 2500 Franken für alles, Miete, Versicherung, Handy, Internet, ÖV-Abo und Essen, Kleider usw. Auf Auto und Fernseher verzichte ich. Weiterbildungen liegen finanziell nicht drin.»

Psyche
Konstanter Stresspegel

«Ich habe einen konstanten Stresspegel. Die Situation ist permanent im Hinterkopf und beherrscht meine Gedanken, mein Leben. Das ist zermürbend und auch schlecht für das Selbstvertrauen.»

Freizeit
Viel Sport

«Ich fotografiere sehr gern, aber ich musste die Kamera verkaufen. Ich fahre gern Velo – aber Reparaturen kann ich mir nicht mehr leisten. Ich treibe viel Sport, aber das Kletter-Abo läuft bald aus, und eine Verlängerung werde ich mir nicht leisten können. Das einst gelöste Fitness-Abo ist inzwischen abgelaufen.»

Zukunft
Angst, ein Sozialfall zu werden

«Ich brenne darauf, mein gelerntes Wissen und Können in der Praxis anwenden zu können. Warum finde ich keinen Job, obwohl ich doch kompetent und motiviert bin? Ich weiss es nicht. Aber ich muss cool bleiben und darf nicht aufgeben. Den Gang aufs Sozialamt will ich unter allen Umständen vermeiden – 2000 Franken pro Monat, dann wird es sehr hart. Man kann sich nichts mehr leisten. Ich würde mich schämen, ein Sozialfall zu werden. Das ist ein Stempel, den niemand tragen will.»

sentifi.com

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Berno2017 am 16.06.2019 17:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Arbeitslose und Rentenalter

    Gut ausgebildete Arbeitslose und die Herren und Damen Politiker wollen das Rentenalter erhöhen. Die gleichen sind VR oder sogar Eigentümer von Vermittlungsfirmen in Zug, welche prinzipiell keine Personen über 56jährig vermitteln. Im Herbst wollen sie wieder in den Ständerat gewählt werden.

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  • Seraina am 16.06.2019 18:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Danke SP

    Ich finde solche Schicksale einfach nur traurig und sie sind mittlerweile leider keine Einzelfälle - Tendenz deutlich steigend. Da hätten wir zahlreiche gut ausgebildete Leute im Land aber es wird lieber aus dem Ausland rekrutiert.

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  • tommas am 16.06.2019 17:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Fachkräftemangel

    ja Fachkräftemangel,wens nicht 100 % past kein job . Einanbeitung und Schulungen sind inzwichen Fremdwörter.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Rea Lo am 18.06.2019 15:27 Report Diesen Beitrag melden

    Bedenkliches, nie korregiertes Abkommen

    Danke PFZ - dies ist nur eine von vielen negativen Auswirkungen (Verkehrschaos, Ü-50-Problematik, Überfremdung, Kriminalität etc.) des mit falschen Vorgaben lancierten Abkommens dessen Auswirkungen wir noch mehr und länger spüren werden...

  • JustMe am 18.06.2019 15:03 Report Diesen Beitrag melden

    2500.-- sind noch viel

    Ich suche seit 4 Jahren einen Job im kaufmännischen Bereich. Muss daher leider von Sozialhilfe leben. Ich kriege gerade mal 1250.-- pro Monat und davon geht fast die Hälfte für die Miete drauf. Den Rest schluckt Internet, Handy und Essen für mich und meine Katze. Kein Auto, Keine Ferien seit Jahren, keine neuen Kleider, kein Kino, kein Lieferdienst, einfach nichts. Aber ich jammere hier auch nicht rum. 100te Bewerbungen, 100te absagen, unzähliche Vorstellungsgespräche.

  • viel spass am 18.06.2019 12:32 Report Diesen Beitrag melden

    im Jahr

    2050 sind wir fast 10 Millarden Menschen. Jeder will einen Job.

  • Karlheinz St. am 18.06.2019 11:24 Report Diesen Beitrag melden

    Ich kann den Fall zu wenig beurteilen.

    Aber das Ganze hat sicher einige Haken. Was sind seine Gehaltsvorstellungen - übertrieben? Es fehlt an Praxis und die bekommt er nur über die Karriereleiter; heisst ganz unten anfangen und sich hocharbeiten. Ein Master reicht einfach nicht aus direkt in die Chefetage zu kommen. Vielleicht über einen Alternativweg weiterkommen? Ich befürchte, dass es in Zukunft noch viel mehr arbeitslose Akademiker geben wird als es schon hat. Vieles kann man digitalisieren, Handwerker kann man kaum ersetzen.

  • Angestellte am 18.06.2019 10:32 Report Diesen Beitrag melden

    zu hohe Lohn-Erwartun

    CHF 2'500.- sind ein Drittel seines benötigten Betrags? Wozu braucht ein 27-Jähriger ohne Familie denn CHF 7'500.- pro Monat? Ferien sind keine Notwendigkeit! Ich kann mir auch fast nichts leisten, finde mich aber damit ab und stelle keine utopischen Forderungen an mein Einkommen...