Einkaufstourismus

06. August 2019 11:49; Akt: 06.08.2019 11:49 Print

Sollten grüne Zettel am Zoll eine Gebühr kosten?

von Raphael Knecht - Der Euro wird billiger – Einkaufstouristen verstopfen die Grenzübergänge. Was kann man dagegen unternehmen?

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Jetzt soll es endgültig eine Bagatellgrenze für Einkaufstouristen geben. Künftig muss man für mindestens 50 Euro eingekauft haben, um die in Deutschland bezahlte Mehrwertsteuer von bis zu 19 Prozent zurückverlangen zu können. Das hat das deutsche Finanzministerium in einem neuen Gesetzentwurf beschlossen. Nun muss der Bundestag diesem Entwurf nur noch zustimmen. Der Mindestbetrag dürfte für jede einzelne Quittung gelten – Einkaufstouristen müssten also die 50 Euro im selben Geschäft ausgeben. Sonst gibt es die Mehrwertsteuer nicht zurück, auch wenn der Gesamteinkauf etwa im Konstanzer Einkaufszentrum Lago insgesamt den Bagatellwert übersteigt. Für die deutschen Zollbehörden dürfte dadurch einiges an grünen Zetteln wegfallen. Und: Am Grenzübergang könnte es künftig weniger Stau geben. Laut Tilman Slembeck, Wirtschaftsprofessor an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, könnte eine hohe Bagatellgrenze den Einkaufstourismus für Schweizer Kunden weniger attraktiv machen. Eine Grenze von 50 Euro dürfte den Einkaufstourismus aber kaum beeinflussen, so Slembeck. Aus deutscher Sicht ist eine hohe Bagatellgrenze nicht erwünscht, weil die Erstattung der Mehrwertsteuer Schweizer Kunden ins Land lockt, wie es bei der IHK Südlicher Oberrhein heisst. «Im Gesetzentwurf ist derzeit vorgesehen, dass die Wertgrenze von 50 Euro so lange gilt, bis die Automatisierung der Erteilung von Ausfuhrkassenzetteln eingeführt ist», sagt eine Sprecherin des deutschen Bundesministeriums der Finanzen. Der Grund, warum Konsumenten die Mehrwertsteuer zurückfordern dürfen ist, dass es sich dabei um eine Art Steuer auf private Exporte handeln würde. Der Staat will Exporte eher fördern als davon abzuschrecken. Darum dürfen auch Privatopersonen steuerfrei exportieren.

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So günstig war Shopping ennet der Grenze schon lange nicht mehr: Am Montag lag der Eurokurs auf dem Zweijahrestief von 1.0863 Franken. Die Schweizer ziehts ins grenznahe Ausland – so gabs am diesjährigen Nationalfeiertag riesige Staus an den Grenzen.

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Das deutsche Finanzministerium will den Einkaufstouristen nun eine Hürde in den Weg legen: Ab 2020 können sie nur noch für Quittungen ab 50 Euro die Mehrwertsteuer zurückverlangen. Das halten die 20-Minuten-Leser von der Massnahme – und so reagiert der Experte:

Gebühr statt Bagatellgrenze

Leser: Was, wenn man statt der Bagatellgrenze eine Gebühr fürs Abstempeln erheben würde? Ein Leser schlägt etwa vor, dass Konsumenten pro Stempel 5 Euro bezahlen sollten. Das Geld solle dann in die Infrastruktur investiert werden, die auch von den Einkaufstouristen genutzt werde.
Experte: Eine Gebühr würde Konsumenten sicher dafür sensibilisieren, dass es sich nicht für jeden Betrag lohne, einen Ausfuhrschein zu verlangen, sagt Wirtschaftsprofessor Tilman Slembeck von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. «Trotzdem würden die Deutschen nie so eine Gebühr einführen», so der Experte. Denn die würde noch mehr administrativen Aufwand und Kosten sowohl für die Behörden als auch Konsumenten verursachen. «Es wäre sicher nicht sinnvoll, durch die Berechnung einer Gebühr beim Zoll für das Stempeln noch mehr Bürokratie zu schaffen», sagt auch Susi Tölzel, Referentin Auslandsmärkte und Zoll bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Südlicher Oberrhein.

Rückforderung abschaffen

Leser: Warum kann man überhaupt die Mehrwertsteuer zurückfordern? «Ich wäre dafür, das ganz abzuschaffen», schreibt Lotti. Und Leser Fredo fügt hinzu: «Man kann die Steuer ruhig dalassen – schliesslich benutzt man die staatliche Infrastruktur in Deutschland.»
Experte: Der Grund, warum Konsumenten die Mehrwertsteuer zurückfordern dürften, sei, dass es sich dabei um eine Art Exportsteuer handle. «Der deutsche Staat erhebt bewusst keine Steuern auf Exporte, da er ja will, dass exportiert wird», so Slembeck. Damit dies für alle gleich gelte, dürften darum auch private Exporteure Waren ausführen, ohne besteuert zu werden. Bei der Bagatellgrenze gehe es lediglich darum, den administrativen Aufwand einzudämmen.

Höherer Grenzwert

Leser: Wer Waren in die Schweiz importiert, muss die Mehrwertsteuer bezahlen, wenn der Gesamtwert 300 Franken übersteigt. Warum setzt man die Bagatellgrenze nicht gleich auf diesen Wert? Dann könnte man die deutsche Mehrwertsteuer nur zurückfordern, wenn man diejenige in der Schweiz dafür nachzahlt.
Experte: Die beiden Grenzen haben nichts miteinander zu tun: Die Bagatellgrenze dient dazu, den administrativen Aufwand des deutschen Zolls zu reduzieren. Die Schweizer Freigrenze hingegen verhindert laut Slembeck, dass Reisende alles verzollen müssen, was sie dabeihaben: «Sonst müsste man jeden Kaugummi im Auto deklarieren.» Und aus deutscher Sicht ist eine so hohe Bagatellgrenze nicht erwünscht, weil die Erstattung der Mehrwertsteuer Schweizer Kunden ins Land lockt, wie es bei der IHK Südlicher Oberrhein heisst.

Grenze wird steigen

Leser: Dass es bei der Grenze von 50 Euro bleibt, bezweifeln viele Leser. Sie vermuten, dass der Wert in den kommenden Jahren steigen wird.
Experte: Ziel sei eher, dass die Grenze wieder abgeschafft werde, so Slembeck. Sobald die Behörden die Rückforderung mit einer digitalen Lösung abwickeln könnten, gelte das Hauptargument für die Bagatellgrenze – der hohe administrative Aufwand – nicht mehr. Eine solche Lösung strebe man in Deutschland an. «Im Gesetzentwurf ist derzeit vorgesehen, dass die Wertgrenze von 50 Euro so lange gilt, bis die Automatisierung der Erteilung von Ausfuhrkassenzetteln eingeführt ist», sagt eine Sprecherin des deutschen Bundesministeriums der Finanzen.

Nachteil für Kleine

Leser: Eine Bagatellgrenze könnte die Einkaufstouristen von kleineren Geschäften weglocken: Bei einem Metzger oder Bäcker etwa sind Einkäufe seltener 50 Euro wert als bei Aldi oder Lidl. Ist die Regelung also eine Gefahr für Kleinunternehmen?
Experte: Slembeck bezweifelt, dass kleine Einzelhändler vom Geschäft mit den Schweizern leben: «Die meisten, die im grossen Stil ihre Quittungen stempeln lassen, gehen für ihre Wocheneinkäufe sowieso schon zu den grossen Händlern.»

Einkaufstourismus lohnt sich nicht

Leser: Ist das Ausland wirklich billiger? «Wer gut hinschaut, kann in der Schweiz günstig einkaufen», findet Leserin Sellina. Und im Endeffekt würden Einkaufstouristen eh nicht sparen, sondern hätten nur zusätzlichen Stress.
Experte: «Allein fürs Einkaufen lohnt sich der Aufwand in vielen Fällen wirklich nicht», sagt Slembeck. Die Reisekosten, etwa für Benzin und Parkgebühren, schmälerten den gesparten Betrag. Zudem vergleichen viele Konsumenten die Preise gar nicht so genau, wie Slembeck sagt. Schweizer Rabattaktionen würden im Vergleich zum Ausland oft mehr Ersparnisse ermöglichen. Aber: Viele Einkaufstouristen verbinden laut dem Experten den Einkauf mit einem Ausflug. Dann spare man zwar insgesamt nicht viel, habe aber dafür noch ein Erlebnis.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ich am 06.08.2019 11:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Grüne Zettel....

    ... hin oder her... auch ohne lohnt es sich in DE einzukaufen

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  • Roland am 06.08.2019 12:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    in de einiges günstiger

    Nur einige Beispiele: ich bezahle in der Schweiz für das Schweizerprodukt Ovomaltine 700gr. ca 9Fr. Ich bekomme das gleiche Produkt im Ausland das 1Kg. für 6Euro. Das Sonnenblumen und Rapsoel für 1Euro 30 in der Schweiz 3Fr.50 1l Vollrahm für 3Euro 63 in der Schweiz 10Fr. Was glaubt ihr wo ich einkaufe. Bin Rentnerin und mir ist mein Portmonai am nächsten. Das Verhältnis von unseren Löhnen und der Kaufkraft in der Schweiz stimmt schon lange nicht mehr. Ich verstehe jeden der im Ausland einkauft. Es ist sowiso jedem freigestellt wo er einkauft. Das geht niemanden was an . Schon gar nicht der Staat. Ich bezahle meine überrissenen Steuern pünktlich. Was ich mit dem Rest mache ist meine Sache. Ich lasse mich vom Staat nicht bevormunden.

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  • Plankton am 06.08.2019 11:55 Report Diesen Beitrag melden

    Mir völlig egal

    von mir aus können die darauf auch noch Zoll verlangen. Hab die Mwst noch nie zurück geholt, die lasse ich gerne bei den Deutschen und vergeude meine Zeit ned dafür anzustehen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • wieso am 07.08.2019 23:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    EU

    Lösung: CH der EU beitreten, dann kann man keine MwSt mehr zurückfordern. Das Preisgefälle würde aber wohl bleiben und daher auch der Einkaufstourismus.

  • S.K. am 07.08.2019 20:28 Report Diesen Beitrag melden

    Ourer Egoismus

    Diese Personen, die in der Schweiz ihr Geld verdienen und an einem freien Tag ihr Geld im grenznahen Ausland für Einkäufe ausgeben, ist purem Egoismus gleichzusetzen. Jeder schaut nur noch auf sich und beklagen sich über die zu hohen Preise in der CH. Dass diese Personen aber auch das doppelte oder teilweise dreifache verdienen vergessen sie dabei. Zudem schadet ein solches Verhalten langfristig der CH Wirtschaft und vielen KMU's. Doch macht nur weiter so mit eurem egoistischen Denken!

  • Schweiz am 07.08.2019 17:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mir egal

    Waren heute in Deutschland einkaufen, frage mich beim besten Willen wie man unter 50,- Euro bleiben kann. Einmal durch das Kaufland und schwups knapp 300,- Euro weg, gut zwei Einkaufswagen voll und dann nicht so kleine wie bei migroscoop. Jeder soll manchen was er möchte, ich werde so wenig wie irgendwie möglich in der Schweiz einkaufen. Übrigens ist der Zahnarzt auch wesentlich günstiger und benutzt das selbe Material. Für uns passt das, man spart sich so ein schönes Polster für den Ruhestand an.

    • H.L. am 07.08.2019 20:19 Report Diesen Beitrag melden

      Egoistisches Denken

      genau solche Personen wie Sie und Ihr egoistisches Denken schaden der Schweiz! Möglichst viel in der Schweiz verdienen und dem Land nichts zurückgeben! Unverständlich!

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  • EllEff am 07.08.2019 15:43 Report Diesen Beitrag melden

    na logo :-)

    Ich wäre schon lange dafür, dass der Deutsche Zoll für das Abstempeln eines solchen Formulares zBsp 2 Euro kassiert. (und dann nochmal 3 Euro für das Erstellen der Quittung für die 2 Euro)

    • Ueli am 07.08.2019 15:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @EllEff

      Das Geschrei der Schweizer will wir nicht hören. Jeder kann einkaufen wieviel er mag. Es gibt in Zukunft erst ab 50 CHF einen Schein. Wir wollen uns doch nicht in Entschuldigungen anderer Länder einmischen.

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  • Heini Denia am 07.08.2019 13:23 Report Diesen Beitrag melden

    Ändern

    Wir sind einfach zu teuer und qualitativ nicht mehr auf der Höhe. Wir haben es verschlafen.