Computerbranche

16. November 2010 17:00; Akt: 16.11.2010 18:50 Print

«IT-Unternehmen werden abwandern»

von Alex Hämmerli - Bis 2017 fehlen 32 000 Spezialisten, weil es an Lehrstellen mangelt – und am Interesse der Jungen. Andreas Kaelin, Präsident des Verbands ICT-Berufsbildung Schweiz, schlägt Alarm.

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Herr Kaelin: Den Schweizer Unternehmen droht ein ICT-Fachkräftemangel. Was sind die Konsequenzen?
Andreas Kaelin: Wird nichts unternommen, droht per 2017 ein Fachkräftemangel von 32 000 Personen. Wenn wir es nicht schaffen, diese Lücke zu füllen, müssen viel mehr Fachkräfte aus dem Ausland in die Schweiz kommen. Dort gibt es allerdings Beschränkungen; schliesslich will auch das Ausland seine eigenen Fachkräfte halten. Letztlich würden Unternehmensteile oder ganze Unternehmen ins Ausland abwandern. Das heisst: Wir verlieren Arbeitsplätze.

Wie lange können Zuwanderer uns retten? Schliesslich steigen auch im Ausland die Löhne.
Solange die Schweiz im Ausland als attraktiver Arbeitsort gilt, wird sie auch Fachkräfte anziehen. Wir stellen aber fest, dass etwa in Deutschland oder Österreich ein ähnlicher Fachkräftemangel besteht wie hier. Das Potenzial ist also nicht unerschöpflich. Politik und Wirtschaft müssen darum dafür sorgen, dass mehr Schweizer ICT-Spezialisten ausgebildet werden.

Warum ist die ICT für Jugendliche nicht interessant?

Mit dem Platzen der Dot-Com-Blase Anfang 2000 wurden viele Fachleute entlassen. Das hat verunsichert. Deshalb wollten danach nicht mehr viele Junge diese Berufe lernen. ICT wird auch immer noch als Beruf gesehen, bei dem man im einsamen Kämmerlein sitzt und irgend etwas programmiert. ICT ist aber immer mehr zu einem zentralen Wettbewerbsfaktor der Unternehmen geworden. Das heisst, die Fachleute entwickeln gemeinsam mit dem Business Lösungen, um konkurrenzfähiger zu werden. ICT-Leute können also sehr viel zum Erfolg beitragen.

Wie machen Sie den Jugendlichen die ICT-Ausbildung schmackhaft?
Wir müssen die ICT anders verkaufen: Bereits in der Volksschule müssen die Chancen und Möglichkeiten des ICT-Berufs aufgezeigt werden. Dazu gehört der Hinweis, dass die ICT-Berufe viele Perspektiven bieten, weil in Zukunft die Leute fehlen und dass ICT-Schaffende darum auch überdurchschnittlich gut verdienen. Mit unserer neuen Kampagne wollen wir die Öffentlichkeit auch darüber aufklären, welchen Stellenwert die ICT für die Schweizer Wirtschaft hat.

Es gibt aber handkehrum auch viel zu wenige Lehrstellen…
Wir müssen die Unternehmen dazu bringen, die Anzahl der Lehrstellen zu erhöhen. Konkret müssen wir 3000 neue Lehrstellen schaffen – sonst fehlt der Nachwuchs. Unsere Aufgabe besteht nun darin, den Unternehmen zu zeigen, welchen Nutzen ICT-Lehrlinge den Unternehmen bieten. Ausserdem stellen wir künftig Hilfsmittel und Instrumente für die Lehrbetriebe zur Verfügung. Wenn das nicht genug bringt, müssen wir schlimmstenfalls finanzielle Anreizsysteme schaffen, um die nötigen Lehrstellen zu schaffen.

Welche?
Es gibt im Kanton Zürich ein neues Gesetz. Es bewirkt, dass Betriebe ohne Lehrlinge Geld in einen Fonds einzahlen müssen. Dieses Geld wird dann zugunsten anderer Betriebe ausgeschüttet, die mehr Lernende haben. Ein solches Bonus-Malus-System wäre auch Kantonsübergreifend für den ICT-Beruf denkbar. Zwangsmassnahmen sollten aber das letzte Mittel sein. Denn jede Umverteilung kostet Geld und der Nutzen ist manchmal leider nicht so hoch, wie man es sich verspricht.

Frauen machen in der Branche gerade mal 11 Prozent der Angestellten aus. Im Ausland liegen die Quoten teils deutlich höher. Was läuft falsch?
Die Frauen stellen in der Tat viel ungenutztes Potenzial dar. Sie fühlen sich in der Schweiz weniger zu technischen Berufen hingezogen. Gerade deshalb müssen wir die ICT den Frauen bewusst nicht als technischen Beruf verkaufen, sondern als Beruf, in dem es viele Beziehungen zum Business gibt, mit dem man Lösungen entwickeln muss. Besonders muss der relativ neue Beruf des Mediamatikers bekannter werden. Er beinhaltet auch Marketing, Werbung und Design. Das interessiert besonders Frauen. Schon jetzt sind 30 Prozent der Mediamatiker Frauen. Da kann man aber sicher noch mehr machen.