Chris Takushi

16. März 2011 07:45; Akt: 16.03.2011 09:49 Print

«Ich leide mit und lenke mich aktiv ab»

von Hans Peter Arnold - Die Börse in Tokio erleidet die grössten Kursverluste. Fonds- Manager Chris Takushi hält die Reaktion der Händler für übertrieben.

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Chris Takushi

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Sie sind Fonds-Manager bei Swisscanto und auf japanische Aktien spezialisiert. Zudem haben sie japanische Wurzeln. Wie geht es Ihnen?
Chris Takushi: Die Freude darüber, dass meine Verwandten alle wohlauf sind, verflüchtigt sich allmählich. Das Leid und das Bangen der Menschen schieben sich in den Vordergrund.

Wie gehen Sie damit um?
Ich leide mit, versuche aber nicht daran zu denken. Ich muss mich aktiv ablenken. Sonst könnte ich nicht arbeiten. Abends verarbeite ich das Ganze, auch mit einem Gebet. Und wenn mein Sohn mich anlacht, vergesse ich alles.

Sehen Sie in Japan die Gefahr steigender Suizidraten?
Ja. Für viele könnte der Verlust von Familienangehörigen und dem eigenen Heim ein Auslöser dazu sein. Andererseits wirken beim Wiederaufbau kollektive Kräfte positiv.

Der japanische Börsenindex stürzt ab. Eine übertriebene Reaktion?
Solange es nicht zu einer verheerenden radioaktiven Verseuchung kommt: ja. Jetzt reagieren die Märkte, als ob die Hälfte aller Stromversorger kaputt wäre. Tatsache ist, dass alle 54 Kernkraftwerke Japans an sich das massive Erdbeben überstanden haben. Leider wurden jedoch alle drei Fukushima-Not-Kühlanlagen vom Tsunami beschädigt.

Industrieaktien sind wegen Produktionsausfall unter Druck…
Die Export-Konzerne stellen nur 5 bis 10 Prozent der globalen Produktion temporär ein.

Kurbelt der Wiederaufbau die Wirtschaft an?
Ja, die wirtschaftliche Erholung dürfte in der zweiten Jahreshälfte am stärksten ausfallen.

Welche Parallelen sehen Sie zum Erdbeben von Kobe?
Das Erdbeben in Kobe traf Japans Industrie und Infrastruktur ins Herz. Derzeit reagiert der Aktienmarkt heftiger als nach dem Beben von Kobe.

Was schliessen Sie daraus?
Das impliziert, dass die Marktteilnehmer an der Börse bereits zu Wochenbeginn von einer starken radioaktiven Verseuchung ausgegangen sind.

Welche Folgen hat ein Super-GAU?
Das Szenario einer starken nuklearen Verseuchung in Japan oder ums japanische Meer kann man noch nicht samt Folgen durchspielen. Dafür ist es zu früh. Dies würde aber der Weltwirtschaft zusetzen.

Trotzdem: Die Situation verschlimmert sich schier stündlich. Welche Folgen hat ein Super-GAU mit verheerender radioaktiver Verstrahlung?

Dies würde den Nord-Osten Asiens schwer zusetzen. Dies bedeutet: Japan, Südkorea, China und Taiwan wären teilweise radioaktiv verstrahlt. Um das japanische Meer herum - Chinas Küste, Korea, Taiwan und Japan - werden ein grosser Teil aller Computer, Handys und Fahrzeuge der Welt hergestellt. Die radioaktiven Wolken könnten die Menschen dazu zwingen, mindestens für mehrere Tage zu Hause zu bleiben. Die Produktion könnte während Wochen nur teilweise gewährleistet werden. Wie erwähnt: Die Börsen in Japan haben bereits am Montag und Dienstag ein solches Szenario vorweggenommen.

Was bedeuten die Katastrophen für die einzelnen Branchen in Japan und für die Weltwirtschaft?
Defensive Sektoren wie Pharma stehen viel besser da als exportorientierte Unternehmen. Wir würden aber in Japan jetzt keine defensiven Titel kaufen, sondern gezielt Exportwerte, die tief gefallen sind.

Wie ist aktuell die Stimmung unter den Investoren?
Die meisten Anleger sind zurzeit von den Ereignissen wohl etwas verunsichert. Es überwiegt die Zurückhaltung. Noch keiner hat mich in der Schweiz gefragt, welche Aktien ich jetzt in Japan kaufen würde. Die meisten Anleger, die sofort handeln, tätigen Verkäufe. Es gibt schon mutige Käufer, aber diese sind noch in der Minderheit.

Steht sogar die Gefahr einer Depression im Raum?
Nein. Zurzeit verdaut die Welt die unsichere Lage im Mittleren Osten und die mögliche radioaktive Verseuchung in Nordost-Asien - Herz der globalen Produktion. Schätzungen für Energiekosten werden weltweit weiter angehoben und die Wachstumserwartungen nach unten korrigiert werden. Positiv ist, dass die starken Inflations-Ängste der vergangenen Monate weitgehend vom Tisch sind.

Also doch keine Weltuntergangsstimmung unter den Investoren?
Nur wenn es zu einer unkontrollierten und lebensgefährlichen Strahlung in Japan und ums japanische Meer kommen würde, müsste man sich über eine allfällige Depression Sorgen machen. Die Situation im Mittleren Osten dürfte sich allerdings nicht massiv verschlechtern. Die Veränderungen dort sind langfristiger Natur und es gibt keinen Anlass zu erwarten, dass sich dies jetzt beschleunigen müsste.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Willy am 16.03.2011 10:59 Report Diesen Beitrag melden

    Inakzeptables System

    Anstatt das Kapital dort zur Verfügung zu haben wo es dringend gebraucht wird, wird es sogar abgezogen. Heute kann ein Flügelschlag eines Schmetterlings auf der anderen Seite der Erde die Börsenkurse fallen lassen.

  • Daniel am 16.03.2011 13:25 Report Diesen Beitrag melden

    Kapitalismus abschaffen - meine Meinung

    Da werden Tausende vom Tsumani ertränkt, liegen unter Trümmern. Die Folgen des Super-GAU's sind noch nicht abschätzbar. Und da sorgen sich die Spekulanten um Börsenkurse. Was ist das für eine Welt? Zeit, den Kapitalismus nicht nur zu überwinden, sondern abzuschaffen.

  • Hans am 16.03.2011 17:43 Report Diesen Beitrag melden

    Seelsorgeausbildung

    Die Erdbeben- und Atomkatastrophe in Japan und ihre Folgen für die Weltwirtschaft rufen die führenden Industrie- und Schwellenländer auf den Plan. Die Finanzminister und Notenbankchefs der G7 und G20-Länder wollen über die Auswirkungen der Krise beraten. Dachte wir haben eine Turbo-Aufschwung ?

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  • Willy am 16.03.2011 10:59 Report Diesen Beitrag melden

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