Porträts von Arbeitslosen

20. Juni 2019 20:22; Akt: 20.06.2019 20:22 Print

«Kinobesuche leiste ich mir nur in Deutschland»

von Matthias Gröbli - Anina Striebel (26) ist gelernte Bäckerin/Konditorin und sucht seit drei Jahren eine Stelle. Sie sehnt sich danach, dass ihre Tage wieder einen Sinn haben.

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Arbeiten wollen, aber nicht können: So ergeht es in der Schweiz gegen 180'000 Stellensuchenden. Wie lebt man ohne Arbeit? Worauf muss man verzichten? Wie steckt man die Absagen bei den Bewerbungen weg? 20 Minuten porträtiert fünf arbeitslose Menschen in der Schweiz (siehe Box).

Beruf
Bäckerin/Konditorin

«Ich machte eine dreijährige Ausbildung als Bäckerin/Konditorin in der Migros EFZ mit Abschluss 5,1 (mit 19 Jahren, die Red.). Anschliessend absolvierte ich eine zweijährige Zusatzausbildung zur Köchin, die ich vorzeitig abbrechen musste wegen chaotischer Zustände beim Arbeitgeber.
Ich fand danach eine Stelle als Bäckerin/Konditorin in der Migros, erhielt aber in der Probezeit die Kündigung. Angeblich war ich zu langsam und nicht ins Team – das aus lauter Männern über 40 bestand – integriert. Das war aber wohl ein Vorwand, denn nachher sah ich: Sie schrieben meine Stelle nicht neu aus.
Relativ schnell, etwa ein halbes Jahr später, trat ich einen Job als Zweitbäckerin bei einem Betrieb einer Quereinsteigerin in Meiringen BE an. Doch der Hauptbäcker kündigte wenig später unvermittelt, und ich war allein. Vier bis fünf Monate tat ich mein Bestes und hielt nebenbei Ausschau nach einer neuen Tätigkeit. Ich arbeitete 12 bis 13 Stunden täglich, damit einigermassen ein Sortiment da war. Schliesslich ging die Bäckerei bankrott, weil die Chefin einfach nicht kalkulieren konnte. Den letzten Lohn bekam ich nicht mehr.»

Arbeitslos
Seit drei Jahren

«Die Jobsuche ging von neuem los, Vorstellungsgespräche, Probearbeiten. Auch in einem Servicebetrieb habe ich mich beworben. Meist hatte ich ein gutes Gefühl, aber immer kamen Absagen («sehr gut, aber passt nicht ins Team»). Seit bald drei Jahren habe ich keine Stelle. Eine frühere Anmeldung beim RAV brachte nicht die erhofften Erfolge, weshalb ich auf eine erneute Einschreibung verzichtete.»

Finanzen
Familie hilft

«Ich werde von der Familie unterstützt und wohne in Basel bei der Grossmutter. Ferien liegen leider keine drin – meine Familie würde diese zwar zahlen, aber das möchte ich nicht.»

Psyche
Operation wegen Übergewicht

«Durch die langen Tage wurde ich zunehmend übergewichtig und unterzog mich vor sieben Monaten einer Magen-Bypass-Operation. Ich habe 33 Kilo abgenommen und bin im Alltag fitter.»

Freizeit
Kino nur in Deutschland

«Ins Kino gehe ich nach Deutschland, weil es dort deutlich billiger ist. Manchmal gehe ich etwas trinken in der Stadt und nehme 20 Franken mit, bin aber froh, wenn ich nur 10 ausgegeben habe. Auch jede Zugfahrt muss wohlüberlegt sein, bevor ich sie mir leiste. Oft besuche ich eine Kollegin und gehe mit deren Hund spazieren.»

Zukunft
Grund zum Aufstehen haben


«Momentan habe ich keinen Job in Aussicht. Ich versuche es auch mit Initiativbewerbungen und würde auch eine Stelle in einer anderen Region der Schweiz annehmen. Dann würde ich ein möbliertes Zimmer mieten. Ich möchte, dass meine Tage wieder einen Sinn haben. Dass ich am Morgen einen Grund habe aufzustehen und am Abend müde bin, weil ich etwas Sinnvolles und Nützliches gemacht habe.»

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