Hans-Werner Sinn

24. November 2014 08:30; Akt: 24.11.2014 15:44 Print

«Ich sehe das Problem der Nationalbank nicht»

von F. Lindegger - Der deutsche Ökonom Hans-Werner Sinn spricht über die Probleme der Euro-Zone und erklärt, warum er die Forderungen der Gold-Initiative für legitim hält.

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Der deutsche Ökonom Hans-Werner Sinn möchte ein «atmendes Eurosystem». (Bild: Keystone/AP/Luca Bruno)

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Herr Sinn, Sie kritisieren die heutige Politik der Europäischen Zentralbank, die die südeuropäischen Staaten mit Geld versorgt und gleichzeitig die Zinsen tief hält. Was wäre denn die Alternative?
Die Alternative wäre, dass man sagt, man sozialisiert die Schulden nicht. Es braucht eine Konkursordnung für Staaten. Konkurs eines Staates heisst, dass die Gläubiger ihr Geld nicht wieder kriegen und dass diese so von vornherein vorsichtig werden bei der Vergabe von Krediten an Ländern mit geringer Bonität. Und diese Vorsicht wiederum verhindert die Überschuldung.

Ist dies heute nicht möglich?
Mit dem Euro wurde eine Art Versicherung der Anleger gegenüber einem Staatskonkurs eingeführt. Man konnte sich gar nicht vorstellen, dass ein Staat im Euroraum überhaupt noch Konkurs gehen könnte. Deswegen kam es zu einer übermässigen Schuldenaufnahme in den südlichen Ländern Europas. Diese übermässige Verschuldung wollte man begrenzen durch den Stabilitäts- und Wachstumspakt, aber das geht eben nicht, weil das Verlangen sich zu verschulden, wenn die Zinsen niedrig sind, dann übermächtig ist.

Sie fordern ein «atmendes Eurosystem». Was bedeutet das genau?
Es müsste für die Mitgliedstaaten einen organisierten Weg für den Austritt geben. Der Euro muss eine flexible Währung sein – jedenfalls so lange es keine europäische Konföderation gibt. Falls Staaten in eine wirtschaftliche Krise rutschen, könnten sie ausserhalb des Eurosystems wieder gesund werden. Bei gegebener Zeit könnten diese dann der Gemeinschaftswährung wieder beitreten.

Würden die Staaten einen solchen Austritt überhaupt verkraften?
Wenn man in seine alte Währung zurückkehrt und diese abwertet, wird alles gleichzeitig billiger: der Lohn wird niedriger, der Haarschnitt und das Restaurant werden auch gleichzeitig billiger, sodass man das gar nicht so spürt.

Aber ist das für ein Land, das so gross ist wie Spanien, möglich, zu einer eigenen Währung zurückzukehren?
Möglich ist alles. Ob ich das empfehlen würde, ist ein anderes Thema. Bei einem Land wie Griechenland bin ich mir meiner Sache ziemlich sicher. Bei den anderen weiss ich es nicht.

In der Schweiz und vielen EU-Staaten wird die Zuwanderung und die Freizügigkeit innerhalb Europas vermehrt kritisch betrachtet. Wie beurteilen Sie das?
Es gibt schon Bestrebungen, die Freizügigkeit zu begrenzen. In England gibt es sie, in Deutschland gibt es auch Hinweise. Die Freizügigkeit ist ein Grundwert Europas. Wenn die freie Migration nicht behindert werden soll, darf man die Immigration in die Sozialsysteme nicht zulassen. Immigration in die Territorien schon, aber nicht in die Sozialsysteme.

Neben Bestrebungen, die Zuwanderung zu beschränken, wird in der Schweiz bald über die sogenannte Gold-Initiative abgestimmt. Dies dürfte es der Nationalbank erschweren, den Euro-Mindestkurs aufrechtzuhalten.
Auch ein Kauf von Gold drückt den Kurs des Schweizer Franken. Das Problem sehe ich nicht.

Finden Sie es vertretbar, dass das Volk der Nationalbank vorschreiben möchte, welchen Anteil an Gold die Aktiva enthalten sollten?
Ja, denn das Volk kann diese Regelung ja in Notzeiten wieder aufheben, wenn es das will. Nicht sonderlich weise finde ich die Aussage, dass die Nationalbank einmal gekauftes Gold selbst dann nicht wieder abstossen kann, wenn sie auch andere Aktiva verkauft. Den Mindest-Prozentanteil kann man fixieren. Wenn die Gold-Initiative indes eine Einbahnstrasse vorsehen wollte, würde der Goldbestand bei Abwärtsbewegungen des Anlagevolumens immer mehr steigen und sehr viel höhere Prozentsätze als 20 Prozent erreichen können.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • SAlexander am 24.11.2014 08:46 Report Diesen Beitrag melden

    Legitim? Enteignung der CH seit 1995

    Das Statut des US-dominierten IWFs sagt nämlich , dass die Landeswährung, in diesem Falle der Franken NICHT goldgedeckt sein darf. Warum eigentlich? Daraufhin mussten wir den Grossteil des Goldes zu billigst Preisen verkaufen. Wer kaufte das Gold? Es war die USA und England. Dann wurde nach einem Bilderberg Treffen in St. Moritz beschlossen das der Franken angeblich wegen dem Handelsbilanz an den Euro gekoppelt werden muss. 1:1,20 Mittlerweile schlummern Milliarden von Euros auf den Konten der SNB, die Schweiz ist dadurch Finanztechnisch völlig abhängig geworden von der EZB. Nebenbei erwähnt ,

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  • G.Old am 24.11.2014 10:46 Report Diesen Beitrag melden

    Goldrichtig

    Kluger Mann. Damit ist alles gesagt zur Panikmache der Nationalbank und der Parteien gegen die Goldinitiative.

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  • Garcia am 24.11.2014 10:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vor 15 Jahren

    Hatten wir den Zustand, den die Initianten verlangen! Warum sollte Gold schlechter sein, wie 500 Mio Euros?!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Lukas Hofer am 25.11.2014 23:16 Report Diesen Beitrag melden

    Gold und Kühe

    Diese Initiative hat krasse Denkfehler: mind. 20% in Gold zu halten und keines verkaufen dürfen. Das ist wie wenn wir den Bauern vorschreiben würden für jede Hektare Land 5 Kühe zu kaufen und wenn sie das Land verkaufen, sie die Kühe behalten müssen. Mit solchen Auflagen geht jede Firma in kurzer Zeit zu Grunde. Die SNB hat den Auftrag zur Preisstabilität in der Schweiz, und dies erfüllt sie hervorragend. Seit über 100 Jahren hat die Schweiz die tiefste Teuerung weltweit und eine starke Währung. Damit hat die SNB die Grundlage zum wirtschaftlichen Erfolg und Wohlstand der Schweiz gelegt.

  • J. Furrer am 25.11.2014 11:55 Report Diesen Beitrag melden

    Wohin?

    Die Chefs aller Zentralbanken treffen sich einmal im Monat in Basel bei der BIZ. Dort wird hinter verschlossen Türen über das weitere Vorgehen bezüglich der Finanzkriese gesprochen. Jordan weiss was Draghi von der EZB vor hat. Draghi sagt auch öffentlich er will den Euro abwerten, Schulden weg inflationieren, noch mehr Euros drucken und ein QE nach amerikanischem Vorbild betreiben. Jordan will den Euro stützen, mit noch mehr Euro Einkäufen. Jordan will stützen, Draghi will abwerten. Wo hin führt uns diese Strategie ohne eine Versicherung mit Gold?

  • Hans Wurst am 25.11.2014 08:54 Report Diesen Beitrag melden

    Vertrauen in die SNB

    Diese Initiative hat bis anhin nur dem Ruf der SNB geschadet und so auch zu mehr EUR-Käufen geführt. Wer das Vertrauen in die SNB nicht teilt wird auch nach der Goldinitiative nicht glücklicher und sollte vielleicht lieber in einer anders Land mit einer besseren Nationalbank

    • Metzger am 25.11.2014 10:36 Report Diesen Beitrag melden

      Kein Vertrauen

      An alle SNB und Euro-Gläubigen, schaut zu wie der Euro, mit ihm der SFR und die Wirtschaft in den Keller fällt. Trotz 5Milliarden die die SNB am 21.11. wieder in die Tonne getreten hat. Das ist die Realität und dort unten liegt auch die Zukunft von uns allen, wenn wir jetzt kein Gegensteuer geben. Ja zu Gold.

    • Hans Wurst am 25.11.2014 11:40 Report Diesen Beitrag melden

      Gegensteuer?

      Sprechen Sie doch mal mit Vertreter der Exportbranche oder vom Tourismus. Wir sind nun mal an die Eurozone gebunden ob wir wollen oder nicht Was bringt Ihnen ein starker Franken wenn Sie eine hohe Arbeitslosigkeit verursachen?

    • Metzger am 25.11.2014 12:03 Report Diesen Beitrag melden

      @Hans Wurst

      Was birngt mir ein schwacher Franken, mit dem ich in Zukunft nur noch die Hälfte von dem kaufen kann was ich heute bekomme, 100% arbeiten muss und doch noch auf Sozialhilfe angewiesen bin. Wollen wir die gleichen Verhältnise wie in der EU. Die werden kommen wenn wir alle so weiter machen lassen wie bisher

    • Hans Wurst am 25.11.2014 15:42 Report Diesen Beitrag melden

      Inflation vs Deflation

      Hier stellt sich die Frage was das geringere Übel ist Inflation oder Deflation?

    • Metzger am 25.11.2014 16:53 Report Diesen Beitrag melden

      @Hans Wurst

      Wir sind schon in einer Deflation, die Depression wird folgen und die Hyperinflation beendet das traurige Schauspiel. Deshalb ist Gold wichtig.

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  • Marco am 25.11.2014 08:49 Report Diesen Beitrag melden

    Sehe Vorteil nicht

    Gold ist genau so ein Spekulationsobjekt wie Papiergeld. Die Leute labern immer von Edelmetallen. Auch die, die sich auf den Zerfall unseres Wirtschaftssystems vorbereiten wollen. Aber der Wert von Gold ist doch absolut relativ. Der Industriewert von Gold liegt massiv tiefer, als der Börsenwert und wenn alle hungern, verkauft dir keiner einen Leib Brot, auch wenn du ihm ein Kilo Gold hinlegst. Was also soll das bringen?

    • V. Gmür am 25.11.2014 10:50 Report Diesen Beitrag melden

      Nur Gold ist Geld

      Was ist kein Spekulationsobjekt, dass in der Finanzwirtschaft gehandelt wird? Die Kosten der Goldförderung betragen zwischen 800-1200$ pro Unze Gold. Und das soll massiv unter dem Börsenwert sein? Als nach den WW2 die Menschen in Deutschland hungerten, gingen massenhaft Leute aus der Stadt aufs Land und tauschten ihre Wertsachen, Gold, Silber, Edelsteine gengen Essbares ein und die bekammen was dafür. Die mit Papiergeld konnten gleich zu Hause bleiben. Lesen Sie mal etwas über diese Zeit, es gibt genug Bücher, bevor Sie solches Unwissen verbreiten.

    • Jack Bauer am 25.11.2014 12:14 Report Diesen Beitrag melden

      Spekulation auf Gold

      Hallo Herr Gmür Falls Sie an ein solches Szenario glauben wäre es dann nicht klüger Gold selbst zu halten als dies durch die SNB zu tun? Dass jedoch das ganze Land auf so ein Szenario spekulieren sollte sehe ich nicht ein

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  • Armin Leser am 24.11.2014 19:42 Report Diesen Beitrag melden

    Er spricht sich gegen die Initiative aus

    Habt ihr das Interview gelesen?! Er sagt ja auch "Nicht sonderlich weise finde ich (...), dass die Nationalbank einmal gekauftes Gold selbst dann nicht wieder abstossen kann, wenn sie auch andere Aktiva verkauft." Er spricht sich also nicht fuer die Goldinitiative aus. Abgesehen davon geht er davon aus, dass das Volk "die Regelung" wieder aufheben kann in Notzeiten, versteht also kaum, dass wir ueber eine Verfassungsaenderung abstimmen. Man kann doch nicht die Verfassung(!) aendern in der Annahme, es nach belieben wieder rueckgaengig zu machen. Dafuer gibt es Gesetze!

    • M. Fritsch am 25.11.2014 10:56 Report Diesen Beitrag melden

      Gesetze

      Dieses Gold kann nur in Noztzeiten und mit Notrecht verkauft werden. Das verhindert, dass die SNB wie gehabt Gold ohne Not zu einem Schundpreis verschleudert wie es schon mal der Fall war. Es braucht keine Gesetzesänderung. In der jüngsten Vergangenheit wurde schon öfters Notrecht angewendet und nichts musste geändert oder rückgängig gemacht werden.

    • Karl der Käfer am 25.11.2014 11:46 Report Diesen Beitrag melden

      @M. Fritsche

      Und wer definiert "Not"? Wollen Sie das über eine Volksabstimmung lösen? Dies würde mehrere Monate dauern ist daher schon deshalb absurd. Das ist so, als würde man bei Ausbruch des Krieges das Volk befragen, was man nun machen soll....

    • Benjamin am 25.11.2014 21:38 Report Diesen Beitrag melden

      Verkauf von Gold ist unnötig

      @ Karl der Käfer Durch das Gold brauchen wir kein Notrecht anzuwenden und auch kein Gold zu verkaufen, da jeder weiss, dass unsere Währung durch etwas wertbeständiges gedeckt ist und nicht bloss durch wertloses Papier. Auch in der schlimmsten Krise wird der Schweizer Franken also seinen Wert behalten und weltweit als Zahlungsmittel akzeptiert. Wem die Zukunft des Schweizer Frankens am Herzen liegt, der stimmt JA.

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