Rohstoff-Gigant Glencore

04. Dezember 2011 22:03; Akt: 05.12.2011 13:21 Print

«Ich verkaufe keine Anteile»

von Elisabeth Rizzi/Gaudenz Looser - Ivan Glasenberg ist der Aufsteiger unter den 300 reichsten Schweizern. Im Interview spricht der medienscheue Milliardär über den lukrativen Rohstoffhandel – und dessen Schattenseiten.

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Milliardär mit Wohnsitz am Zürichsee: Glencore-CEO Ivan Glasenberg spricht über den Rohstoffhandel. Foto: charles seiler

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Herr Glasenberg, Sie selbst gehören seit dem Börsengang zu den reichsten Schweizern und landen sogar in den Klatschspalten: Wie hat sich das Leben für Sie verändert?
Ivan Glasenberg:
Sehr wenig. Wir führen das Geschäft fort wie bisher. Keiner von uns hat eine einzige Aktie verkauft. Weder vor noch nach dem Börsengang. Und ich habe schon oft gesagt, dass ich keine Anteile zu verkaufen gedenke, solange ich hier arbeite.

Sie bezahlen Steuern in Millionenhöhe und haben Ihren Wohnort Rüschlikon zur steuergünstigsten Gemeinde des Kantons Zürich gemacht. Doch offenbar freuen sich längst nicht alle Rüschliker darüber ... (siehe Box)
Meine Arbeitskollegen und ich bezahlen genau so viel Steuern, wie wir gemäss der jeweiligen kantonalen Steuerverordnung schulden.

Ihre Scheu vor der Öffentlichkeit ist legendär. Wieso geben Sie jetzt Interviews?
Als privates Unternehmen konnten wir mit allen direkt sprechen, mit denen wir im Geschäft waren. Heute, mit unseren neuen Aktionären, können wir nicht jeden Einzelnen direkt ansprechen. Wie die meisten Menschen schätzen wir unsere Privatsphäre, aber in den Medien zu sein, ist auch Teil meiner Aufgabe als CEO eines börsenkotierten Unternehmens.

Glencore ist spätestens seit dem Börsengang das grösste Unternehmen der Schweiz. Aber kaum einer kennt die Firma. Weshalb?
Das ist nicht ganz fair. Wir waren fast 40 Jahre lang als privates Unternehmen in der Schweiz tätig, und viele Leute kennen uns sehr gut. Jetzt sind wir seit sechs Monaten an der Börse kotiert und präsentieren uns einem noch breiteren Publikum.

Womit verdienen Sie eigentlich Ihr Geld?
Wir produzieren Massen-Rohstoffe wie Metalle, Öl, Kohle, Getreide und bringen sie auf der ganzen Welt dahin, wo sie gebraucht werden. Aus diesen Rohstoffen wird hergestellt, was die Menschen wollen: von Elektrizität bis zu Autos, Messern und Gabeln. Glencore hilft, die Welt zu versorgen, und hilft, die Preise für alle von uns so niedrig wie möglich zu halten.

Warum sind Sie dafür in der Schweiz?
Glencore hatte den Sitz schon immer in der Schweiz. Viele von uns sind Schweizer, und es ist eine hervorragende, zentrale Lage, um ein globales Unternehmen zu führen.

Glencore wurde beim Börsengang mit 60 Milliarden Dollar bewertet. Ist das gerechtfertigt?
Der Wert jedes öffentlichen Unternehmens wird durch seine Ergebnisse bestimmt und durch das Potenzial, das die Investoren ihm zuschreiben. Glencore ist ein Industrieunternehmen mit vielen Anlagen auf der ganzen Welt, und wir liefern jährlich Millionen Tonnen von Rohstoffen.

Sie waren ursprünglich ein reiner Rohstoffhändler und kaufen jetzt immer mehr Minen. Haben Sie keine Angst, in ein schlechtes Licht zu rücken? (Grubenunglücke, Umweltverschmutzung, Ausbeutung etc.)
Wir besitzen Minen seit über 20 Jahren. Wie andere grosse Minengesellschaften arbeiten wir sehr hart an unseren Leistungen für Gesundheit, Soziales und Umwelt. Und wir berichten jedes Jahr, was wir getan haben. Verbessern können wir uns immer.

Haben Sie eigentlich kein schlechtes Gewissen, zulasten der Ärmsten der Welt Geschäfte zu machen?
Das ist das grösste Missverständnis über unsere Branche. Was die ärmeren Länder brauchen, sind die Investitionen von Unternehmen wie Glen­core. Denn diese Investitionen schaffen Arbeitsplätze, Bildung, Zugang zu medizinischer Versorgung und bessere Infrastruktur. Wir beschäftigen Zehntausende von Menschen an Orten wie Sambia, und viele mehr wollen für uns arbeiten. In ärmeren Ländern haben unsere Mitarbeitenden teilweise acht oder mehr Angehörige. An vielen unserer Standorte geben wir Hunderte von Millionen aus für Waren und Dienstleistungen und den Betrieb von Schulen und Krankenhäusern. Ohne ausländische Investitionen wäre all das nicht möglich.

Wie stellen Sie sicher, dass mit diesen Millionen auch tatsächlich Spitäler und Schulen gebaut werden und sie nicht in der Tasche von korrupten Regimes verschwinden? Wer überwacht Ihre Corporate Responsibility?
Wir haben ein Team für Nachhaltigkeit, das an die Geschäftsleitung berichtet und unsere sozialen Verpflichtungen weltweit beaufsichtigt. Unser Unternehmen finanziert und baut nebst Schulen und Spitälern auch Freizeitanlagen und andere äusserst wichtige Infrastruktur. Diese Bestrebungen werden durch Glencore ­finanziert und baulich umgesetzt. Wir bemühen uns und stellen mit der Mitgliedschaft bei der «Extractive Industries Transparency Initiative» (EITI) sicher, dass unsere Steuern und Förderabgaben von den Regierungen in korrekter Art und Weise eingesetzt werden. Die EITI ist ein globales Bestreben, um den Regierungen zu helfen, die finanziellen Mittel aus natürlichen Ressourcen verantwortungsvoll zu nutzen. Letztlich erfordert jegliche Korruption unter Politikern eine Lösung durch die Regierung.

NGOs wie die Erklärung von Bern kritisieren Glencores Umgang mit der Umwelt und zum Beispiel mit Minen-Mitarbeitern immer wieder scharf, die FAZ wirft Ihnen Agieren «hart am Rande der Legalität» vor. Bei der Börseneinführung wurden potenzielle Aktionäre schriftlich auf die Möglichkeit der Korruption hingewiesen – ist das Rohstoffgeschäft zwangsläufig schmutzig?
Nein. Wir haben strikte Standards und Anweisungen in Kraft, basierend auf unseren Richtlinien, die wir «Glencore Corporate Practice» nennen. Entscheidend hierbei ist es, die Sicherheit und das Wohlergehen all unserer Mitarbeiter zu gewährleisten sowie den ­Einfluss, den wir auf die Umwelt haben, zu verringern. Wir nehmen dies äusserst ernst und fokussieren ständig auf die Bewertung und Verbesserung unserer Arbeitsweise, um immer noch besser zu werden.

(Das Interview wurde schriftlich geführt)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mike am 05.12.2011 15:02 Report Diesen Beitrag melden

    Steuern hin Steuern her...

    Rohstoffhändler bestimmen durch ihr Handeln über den Tod von Millionen Menschen. Durch die steigenden Preise können sich viele in den Entwicklungsländern nicht mal mehr etwas zu Essen leisten...

  • Ezekiel am 05.12.2011 17:50 Report Diesen Beitrag melden

    Hypocrisy

    Möchte ja nicht wissen, wie mancher Heuchler hier seinen Kommentar auf einem Gadget geschrieben hat, dass dank den Rohstoffen von Glencore billig gekauft wurde.

  • Manu am 05.12.2011 11:16 Report Diesen Beitrag melden

    Heuchler

    Naja dass auf Wikipedia unter Glencore direkt auch Abschnitte über Menschenrechtsverletzungen, Steuermanipulation und Umweltverschmutzung sind wundert mich wirklich nicht. Aber die CEOs geben sich ja immer gerne komplett und unwissend und reden den rest schön. Absolut unglaublich.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Gregor Schär am 29.12.2011 11:45 Report Diesen Beitrag melden

    Glencore pro!

    Wir alle profitieren davon. Oder heizt mal eure Häuser ohne Oel oder Kohle! Kritisieren ist einfach. Wen es Glencore nicht macht, macht es halt eine andere Firma.

  • Ezekiel am 05.12.2011 17:50 Report Diesen Beitrag melden

    Hypocrisy

    Möchte ja nicht wissen, wie mancher Heuchler hier seinen Kommentar auf einem Gadget geschrieben hat, dass dank den Rohstoffen von Glencore billig gekauft wurde.

  • Mike am 05.12.2011 15:02 Report Diesen Beitrag melden

    Steuern hin Steuern her...

    Rohstoffhändler bestimmen durch ihr Handeln über den Tod von Millionen Menschen. Durch die steigenden Preise können sich viele in den Entwicklungsländern nicht mal mehr etwas zu Essen leisten...

  • Paul Richter am 05.12.2011 12:39 Report Diesen Beitrag melden

    Erklärung von Bern nutzlos!

    Glencore und das Management leistet einen wesentlichen Beitrag zur Versorgung dieser Welt mit Rohstoffen. Auch die Förderländer profitieren von Glencore. Die Erklärung von Bern, eine linke und total voreingenommene Organisation, trägt mit ihrer Polemik und ihrer Verbreitung von Halb- und Unwahrheiten nichts zur Verbesserung dieser Welt und den Zuständen in den Förderländern bei.

    • Zumstein Peter am 05.12.2011 14:06 Report Diesen Beitrag melden

      Kein schwarz-weiss Malen!!

      Der Erklärung von Bern geht es in keinster Weise darum den Rohstoffhandel zu verbieten, sondern sozial verträglicher zu machen. Am meisten profitieren nämlich nicht die Förderländer, sondern Glencore und natürlich wir Endkonsumenten im Westen! Die Erklärung von Bern leistet einen äusserst wichtigen Beitrag als Gegengewicht zu Multis wie Glencore, auch ihr Standpunkt teilweise voreingenommen ist, gleiches gilt ja auch für denjenigen von Herrn Glasenberg!!!

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  • Thomas Brettauer am 05.12.2011 11:20 Report Diesen Beitrag melden

    an alle kritiker und skeptiker

    Liebe Leute. Indem man reiche Leute ärmer macht (durch steuern, zwangsabgaben etc.) wird kein armer mensch reicher. Das geld ist dann nicht mehr in besitz der superreichen aber auch ganz sicher nicht in besitz der armen. überzeugt mich vom gegenteil!

    • Zuger am 05.12.2011 12:37 Report Diesen Beitrag melden

      Logik?

      Und wo genau geht das viele Geld dann hin? Löst es sich in Luft auf? An den Mittelstand gehts ja auch nicht wie wir wissen! Deiner Überlegung fehlt die Logik ...

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