Rabattitis

31. Oktober 2018 05:39; Akt: 31.10.2018 05:39 Print

«Listenpreise bezahlt heute kaum jemand mehr»

von R. Knecht - Von Singles' Day bis Black Friday: Gefühlt jede Woche gibts einen neuen Rabatt-Tag. Konsumenten erwarten die Sonderangebote bereits regelrecht.

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So sieht es beim Schaufensterbummel fast das ganze Jahr hindurch aus. In diesem Jahr dürfte der Shoppingwahn in der Schweiz noch früher beginnen, nämlich mit dem Singles' Day am 11. November. Hiesige Händler bieten erstmals entsprechende Aktionen an. Im Bild: Ein Shopping-Festival von Alibaba in Shanghai. Laut Tilman Slembeck, Wirtschaftsprofessor an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, sind Rabatte ein Zeichen des Wettbewerbs. Ob die Firmen dabei als Grund den Black Friday, Halloween oder den Singles' Day angeben, sei aus Unternehmersicht egal. «Listenpreise bezahlt heute kaum jemand mehr», sagt Slembeck. Besonders typisch sei das bei den Autos, wo Konsumenten erwarten können, dass sie auf den Listenpreis immer Rabatt erhalten. Kauft überhaupt noch jemand etwas ohne Rabatt? Ja, wenns nötig ist: «Wer kein WC-Papier mehr hat, muss wohl oder übel welches kaufen, auch wenns grad keinen Rabatt gibt», sagt Slembeck. Besonders gut kommen bei Konsumenten Aktionspreise in Prozenten an. Der Grund: Psychologische Untersuchungen zeigen, dass wir gewohnt sind, in relativen statt absoluten Dimensionen zu denken. Slembeck warnt vor diesem Trick: «Nehmen wir an, ein Händler hat ein Produkt, das auf dem Markt 100 Franken kostet. Nun erhöht er den Preis auf 110 Franken und schreibt es mit einer .» Am 23. November ist Black Friday. Dann bieten sowohl der stationäre als auch der Online-Handel in der Schweiz viele Sonderangebote. Der Singles' Day am 11. November ist vor allem im asiatischen Raum sehr bekannt und beliebt. Im letzten Jahr erzielte die Alibaba Group in 24 Stunden einen Umsatz von 25 Milliarden US-Dollar. Weltweit wird am Singles' Day mehr Umsatz erzielt als am Black Friday. Das Datum 11.11. mit den vielen Einsen soll einen Single symbolisieren. Da der Singles' Day in diesem Jahr auf einen Sonntag fällt, wird er 2018 primär ein Online-Shopping-Event sein. Für Onlineshops ist der Sonntag klassischerweise der wichtigste Wochentag. Die Spezialangebote von Black-Friday und Singles' Day klingen manchmal besser, als sie in Wirklichkeit sind. Die Preisreduktionen beziehen sich in vielen Fällen nicht auf den aktuellen Marktpreis, sondern auf die unverbindliche Preisempfehlung des Herstellers. Dieser könne oft merklich höher sein, wodurch die Aktion grosszügiger wirke, als sie wirklich ist. Vor allem im Elektronikhandel fallen Preisunterschiede auf. Ein Preisvergleich lohnt sich und man sollte sich nicht von psychologischen Tricks beeinflussen lassen. Black Friday ist eine US-amerikanische Tradition. Nun etabliert sich das Phänomen auch in der Schweiz. Beim Black Friday warten die Kunden in Amerika oft schon um Mitternacht oder in den frühen Morgenstunden auf die Öffnung der Geschäfte, um das beste Schnäppchen zu ergattern. Teilweise harren sie dabei auch in der Kälte aus ... ... und freuen sich dann, wenn sie zum Beispiel einen neuen Fernseher abstauben können.

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In der Schweiz ist Rabattitis ausgebrochen – Händler feiern Halloween, Singles' Day und Black Friday mit allen möglichen Sonderaktionen. Warum es immer noch mehr Spezialtage für Rabatte gibt und ob überhaupt noch jemand bereit ist, den vollen Preis zu bezahlen, sagt Tilman Slembeck, Wirtschaftsprofessor an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, im Interview:

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Herr Slembeck, warum gibt es dauernd neue Rabatt-Tage?
Rabatt ist das Zeichen von Wettbewerb. Händler können zudem damit prüfen, ob sie bei tieferen Preisen mehr Ware verkaufen. Nun müssen sich die Firmen einen Grund ausdenken, warum sie Rabatt geben. Ob das jetzt Black Friday oder Halloween ist, ist eigentlich egal. Die Firmen könnten ebenso gut einen Mittwochrabatt einführen.

Wird das den Kunden nicht zu viel?
Klar, Konsumenten werden schon rabattmüde. Je mehr Rabatte es gibt, desto weniger stark ist die Reaktion der Kunden. Aktionen sind heute bestimmt weniger spektakulär als früher, denn irgendwo gibt es immer auf irgendwas Rabatt. Rabatt ist sozusagen der Normalzustand.

Was heisst das?
Es hat sich stark relativiert, was Konsumenten unter dem Normalpreis verstehen. Sie wissen, dass es regelmässig Rabatte gibt, und erwarten das auch. Listenpreise bezahlt heute kaum jemand mehr. Besonders typisch ist das bei den Autos, wo Konsumenten erwarten können, dass sie auf den Listenpreis immer irgendeinen Rabatt erhalten.

Kauft überhaupt noch jemand etwas ohne Rabatt?
Das kommt auf den individuellen Kunden an. Es gibt natürlich viele klassische Schnäppchenjäger, die Aktionen bei allen möglichen Produkten abwarten. Aber etwa ein gut verdienender Manager achtet beim Joghurt bestimmt nicht auf den Rabatt – eher vielleicht, wenn er einen neuen Ferrari kauft. Und wer kein WC-Papier mehr hat, muss wohl oder übel welches kaufen, auch wenn es gerade keinen Rabatt gibt.

Was für Rabatte locken Kunden besonders an?
Psychologische Untersuchungen zeigen, dass wir gewohnt sind, in relativen statt absoluten Dimensionen zu denken. Das heisst: Konsumenten finden es eine grössere Ersparnis, wenn ein Taschenrechner für 40 Franken 20 Franken billiger ist, als wenn eine Jacke für 120 Franken um den gleichen Betrag heruntergesetzt wird. Dabei ist die absolute Ersparnis in beiden Fällen genau 20 Franken. Darum werden Aktionspreise oft in Prozenten ausgeschrieben.

Gibt es auch irreführende Aktionen?
Ein Trick ist die sogenannte Tiefpreisgarantie. Diese besagt, dass Kunden sich nach dem Kauf melden können, falls sie das Produkt irgendwo günstiger finden. Der Händler bezahlt diesen Kunden dann die Differenz.

Klingt gut, worin besteht der Trick?
Nehmen wir an, ein Händler hat ein Produkt, das auf dem Markt 100 Franken kostet. Nun erhöht er den Preis auf 110 Franken und schreibt es mit einer Tiefpreisgarantie an. Die meisten Kunden sehen das und denken, dass es sich wohl um den besten Preis auf dem Markt handeln muss. Nur ganz wenige Konsumenten überprüfen den Preis überhaupt und fordern die Differenz zurück. Von den meisten Kunden erhält der Händler nun also 10 Franken obendrauf.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • max62 am 31.10.2018 06:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Recht hat er.

    Listenpreis zahlt hier kaum jemand, hier wird vorwiegend Schweizzuschlag bezahlt.

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  • Verweigerer am 31.10.2018 06:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Weniger ist mehr!

    Ich kaufe was ich brauche,mir ist Qualität wichtiger als Quantität!

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  • Mala82 am 31.10.2018 06:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Geiz ist Geil?!?

    Am Schluss kauft man zu viel ein, vor allem das, was man nicht dringend benötigt und wo landet es...? In der Ecke und verstaubt! Überlege zuerst bevor du handelst!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Schweizer am 31.10.2018 18:06 Report Diesen Beitrag melden

    Rabatte? Nicht mit mir!

    Ich hasse das ganze Rabatte- und Tiefpreis-Theater! Deshalb kaufe ich Elektronik und Haushalt-Geräte primär bei STEG Electronics AG und CONRAD ein, teilweise auch bei OBI, diese Firmen sind wenigstens immer deutlich teurer als die Konkurrenz und damit ehrlicher als die bekannten Discount-Preisdrücker auf dem Markt.

  • G. Örbs am 31.10.2018 16:37 Report Diesen Beitrag melden

    Rabattfliegen

    bei Rabatten ist es wie mit den Fliegen und dem Mist. Wie wild stürzen sich die Konsumentinnen und Konsumenten auf die vermeintlichen Schnäppchen und -hier kommt der Unterschied zu den Fliegen- merken dabei gar nicht, dass sie gerade gezockt werden, während die Fliegen vom Mist profitieren.

  • Oberbaselbieter am 31.10.2018 15:14 Report Diesen Beitrag melden

    von % halte ich nichts

    ich schaue auf den Endpreis und vergleiche dann!

  • Adriano am 31.10.2018 14:12 Report Diesen Beitrag melden

    Messer und Pfannen der Migros

    Die 50%-Aktionen auf Messer und Pfannen bei Migros finden derart oft statt, dass kaum jemand mehr diese Produkte zum (stark überhöhten) "Normalpreis" kauft. Immerhin stimmt die Qualität im Verhältnis zum Aktionspreis Ob es diese ganze schreierische Aktionitis-Folklore braucht, ist allerdings eine andere Frage.

  • M.G. am 31.10.2018 13:17 Report Diesen Beitrag melden

    Der Versuch sich selbst zu überholen

    Die Geschichte von Mode und Design zeigt wie die Trends im Laufe der Jahrzehnte immer kürzere Lebenszeiten hatten. Von ursprünglichen 20 - 30 Jahren heute auf 6 Monate. Die Funktion ist heute weniger relevant als der angebliche Sozialstatus den man durch den Kauf neuer Dinge erwirbt. Das fängt schon auf dem Schulareal an wo die Kids gegenseitig mit neuen Smartphones oder Markenbekleidung protzen. Wer nicht aktuell ist wird ausgegrenzt. So wird der permanente Kauf zum Selbstläufer der nur mit immer niedrigeren Preisen funktioniert weil die Saläre (der Eltern) nicht entsprechend steigen.