Xing-Chef

20. November 2018 11:31; Akt: 20.11.2018 11:31 Print

«Löhne sind das letzte Machtmittel der Chefs»

von S. Spaeth, Hamburg - Xing-CEO Thomas Vollmoeller will die Arbeitswelt verbessern. Ein Gespräch über Lohntransparenz, Sabbaticals und Selbstüberschätzung.

Xing-Chef Thomas Vollmoeller stellt sich den Fragen von 20 Minuten.
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Herr Vollmoeller, ich habe Sie am Tag vor unserem Gespräch via Xing kontaktiert. Nehmen Sie als Xing-CEO jede Anfrage an?
Ich nehme jede Anfrage an, bei der Mitglieder etwas dazu schreiben, und sei es nur «Ich möchte Sie zu meinem Netzwerk hinzufügen». Das tun die meisten, schätzungsweise 9 von 10 Kontaktanfragen.

Ihr Profil wurde schon 76’000-mal besucht und Sie haben 2700 Kontakte. Was sagen diese Zahlen über Sie aus?
Die Zahlen sind deutlich überdurchschnittlich, das hängt natürlich mit meiner Funktion zusammen. Bei welchem börsenkotierten Unternehmen kann man schon direkt mit dem CEO in Kontakt treten? Meist haben CEOs ein ganzes Sekretariat vorgelagert. Ich war schon immer ein engagierter Netzwerker, nicht nur auf Xing, auch im richtigen Leben.

Haben Sie als Xing-Chef eigentlich noch eine traditionelle Visitenkarte?
Ja, die gibts für Leute, die noch kein Xing-Profil haben. Man muss bedenken, der deutschsprachige Raum ist noch nicht überall digital. Ich bin beispielsweise viel bei Familienunternehmen unterwegs. Da hat noch nicht jeder ein Xing-Profil. Geben mir die Leute Visitenkarten, versuche ich sie später übers Netz zu kontaktieren.

Xing ist Vorreiter bei der Lohntransparenz. Warum finden Sie das so wichtig?
Löhne sind eines der letzten Machtmittel, die Chefs noch haben und entsprechend verteidigen. Wir hingegen glauben daran, dass Offenheit und Transparenz alles schlägt, und setzen uns für eine bessere Arbeitswelt ein. Wenn man als Firma den Grundsatz verfolgt, den Mitarbeitern auf Augenhöhe zu begegnen, muss man sich auch bei den Löhnen von der Intransparenz lösen.

Wie schwierig war es, Lohntransparenz bei Xing einzuführen?
Im Verwaltungsrat hat der eine oder andere schon gezuckt. Herausfordernd war es für die Führungskräfte. Während sich die Mitarbeiter ohne Chef-Funktion gefreut haben, wurde es für die Führungskräfte anspruchsvoller. Sie mussten ihren Teams erklären, warum der eine mehr und der andere weniger verdient. Dabei haben Schulungen geholfen. Zudem haben wir auch einzelne Löhne angepasst, weil wir Ungerechtigkeiten entdeckt haben.

Sie verdienten im letzten Jahr 1,15 Millionen Euro. Ist es für Sie total in Ordnung, wenn das die ganze Welt weiss?
Ja, mein Lohn steht schon immer im Geschäftsbericht. Innerhalb von Xing kennt nicht jeder den exakten Lohnbetrag der Kollegen. Die Transparenz funktioniert dahingehend, dass in unserem System jeder Mitarbeiter eine Übersicht mit Gehaltspunkten sieht. Er weiss, was er verdient, und sieht die Gehälter derjenigen, die eine vergleichbare Funktion haben. Allerdings nur als Punkte, ohne Namen.

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Sie kennen die Schweiz gut und waren 2008 bis 2012 Chef von Valora. Hätten Sie sich Lohntransparenz auch bei Valora vorstellen können?
Vor sechs Jahren hätte ich mich wohl nicht getraut. Lohntransparenz muss man als CEO wollen, aber dazu war Valora zu dieser Zeit noch nicht bereit. Heute könnte man das eher machen.

Würden Sie den Schweizer Firmen mehr Lohntransparenz ans Herz legen?
Auf jeden Fall. Die Unternehmen müssen sich ändern. Wir haben eine Machtverschiebung von den Firmen hin zu den Talenten. Zudem herrschen heute ganz andere Wertvorstellung als früher. Eine Firma muss heute um gute Mitarbeiter kämpfen, die für sie arbeiten. Darum ist klar: Wer früher umstellt, wird gewinnen.

Man hat viele soziale Netzwerke kommen und gehen sehen. Zudem verlieren Giganten wie Facebook und Snapchat Nutzer. Macht Ihnen das Angst?
Angst ist ein schlechter Ratgeber. Bei den amerikanischen Angeboten handelt es sich eigentlich um Chat-Plattformen. Diese kommen in Mode – gehen aber oft auch wieder. Unser System hingegen ist ernsthafter. Bei Xing veröffentlicht man keine Katzenfotos. Es geht ums Berufliche. Wir sind die digitale Visitenkarte der Nutzer. Das ist keine Modeerscheinung .

Sie haben Ende 2016 als erster Manager eines börsenkotierten Unternehmens in Deutschland ein Sabbatical gemacht. Wie waren die Reaktionen?
Der eine oder andere ausserhalb des Unternehmens hat ungläubig reagiert und gefragt, ob die Firma so nicht den Bach runtergehen würde. Andere unterstellten mir, ein Sabbatical wäre mein vorzeitiger Abgang. Innerhalb der Firma kam es sehr gut an. Es ging mir auch ums Signal ans Team: «Ihr könnt das eine gewisse Zeit ohne den CEO.»

Sie haben aber trotzdem regelmässig in der Firma angerufen?
Ich habe an meinem letzten Arbeitstag meinen Mailaccount ausgeschaltet und ihn drei Monate später wieder eingeschaltet. Dreimal habe ich den stellvertretenden CEO angerufen. Meinem Stellvertreter sagte ich: Ich will nur informiert werden, wenn echt die Hütte brennt.

Warum machen so wenig Topmanager Sabbaticals? Angst vor Verlust an Einfluss?
Bei vielen Managern gibt es das Gefühl der Unabkömmlichkeit. Das halte ich für eine gnadenlose Selbstüberschätzung. Ich wollte ein Zeichen setzen, dass Sabbaticals auch bei CEOs gehen. Zudem war es mir wichtig, etwas Abstand zu nehmen und die Firma auch von aussen zu betrachten.

Sind sie eigentlich auch auf anderen Karrierenetzwerken, um zu sehen, was diese so machen?
Ja, klar. Ich bin auch bei Wettbewerbern angemeldet. Dies sogar unter eigenem Namen. Das tut ja nicht weh.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Bie Witte am 20.11.2018 12:48 Report Diesen Beitrag melden

    Widersprüche

    "Bei vielen Managern gibt es das Gefühl der Unabkömmlichkeit. Das halte ich für eine gnadenlose Selbstüberschätzung." Und jetzt frage ich mich, wie damit ein über zehnfacher Jahresgehalt gerechtfertigt sein soll?

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  • A. und B. am 20.11.2018 11:40 Report Diesen Beitrag melden

    Sabbatical.

    Gut finde ich, dass ein Fremdwort wie Sabbatical nirgends erklärt wird. Gemäss Google ist es eine Pause. Klingt halt weniger stylisch, würde man als Normalsterblicher aber wenigstens verstehen.

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  • Herr Max Bänzli Live Total am 20.11.2018 12:07 Report Diesen Beitrag melden

    Ja genau

    hier sind das letzte Machtmittel der Chefs die Tür des Schreiner Handwerks, als Einbahn

Die neusten Leser-Kommentare

  • Dänu am 21.11.2018 10:09 Report Diesen Beitrag melden

    Lohntransparenz gibt's...

    Nämlich auf Seiten wie deinlohn ch man muss sich nur drum tun. Wenn jeder endlich über seinen Lohn spricht, verlieren die Firmen auch dieses "Machtmittel" (in Norwegen gingen die Löhne um 4.5% rauf nachdem Transparenz gesetzlich verankert wurde)

  • leser am 21.11.2018 08:50 Report Diesen Beitrag melden

    Fordern kann jeder

    was nützen Angaben zum Salär, wenn nicht all die anderen Fakten aufgelistet sind, von der Funktion über Aufgabenspektrum, Verantwortung, die gesamte Anstellungshistorie, Aus- & Weiterbildung, und darüber hinaus vor allem auch die Angaben zum Unternehmen (Markstellung, Standort, Grösse usw). Nur zu wissen, dass ein 44jähriger Abteilungsleiter 123.456,78 CHF verdient, bringt null komma nix.

  • Bützer Ueli am 21.11.2018 08:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Managerlöhne

    Man sollte alle Managerlöhne auf maximal 800000 Franken begrenzen. Denn Manager schauen nur auf sich und die Bützer bleiben auf der Strecke und müssen unten durch. Die Angestellten sind es die einen Betrieb im Schuss halten und vorwärts bringen und nicht die überbezahlten Manager in den feinen Anzügen und Kravatten.

    • Shredder X am 21.11.2018 10:17 Report Diesen Beitrag melden

      @Bützer Ueli

      Gute Idee! Die aber einen grossen Haken hat. Angenommen ich suche für mein Unternehmen einen Manager, der uns insgesamt am Markt nach vorne bringt und über gute Qualifikationen, und über ein sehr gutes Netzwerk verfügt. Der würde gerne und sofort bei uns im Unternehmen anfangen, hat aber selbst eine klare Lohnforderung, die bei 1.2 Mio. CHF/Anno liegt, und die auch auf Grund seiner Qualifikationen nicht überzogen sind. Wir hingegen bieten im lediglich die 800.000 CHF/Anno. Er sagt nein und geht ins Ausland, wo er deutlich mehr verdienen kann. Und wir schauen in den Mond? ANGEBOT UND NACHFRAGE!

    • Ehem. Mitarbeiter am 21.11.2018 10:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Bützer Ueli

      Recht hast du. Man sah das bei Valora Vollmoeller vorhe Manager war. Er pendelte von Hamburg nach Muttenz wie andere mit mit dem Zug. Manager dürfen eben alles nur sparen nicht. In meinen Augen war er ein Angeber bei Valora, der den Konzern nicht weiter brachte.

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  • Und Tschuess am 20.11.2018 23:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lohntransparenz fördert Talent nicht

    Mir ist es immer noch nicht klar wie Lohntransparenz Talent fördert. Wann ich ein gute Job machen, kann ich meine Mandanten erweitern und meine Chargeability steigt. Meine Lohn dürfte deswegen höher sein als meine Kollegen.

  • Remo Ridli am 20.11.2018 22:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Er sollte sich besser selbst abschaffen

    Mit seinem Sabatical und der geforderten Lohntransparenz die er auch bei seinen Untergebenen einführen will zeigt er, dass er und CEOs generell ihre Millionengehälter nicht Wert sind, bei Nichten. Das Unternehmen, die Organisation funktioniert und der CEO gibt nur noch sein Gesicht. Es scheint er arbeitet nicht richtig und bringt auch keinen intrinsischen Mehrwert. Er kostet eigentlich einfach viel zu viel und die Organisation/das Unternehmen macht alles. Er ist doch so fortschritlich, will den Lohn des CEOs und auch alle Vorzüge des kleinen Angestellten dabei hat er im Management (mit welcher unlogischen Begründung auch immer) doch schon mehr Freitage und Arbeitszeit muss er auch nicht mehr aufschreiben, an der man ihn messen kann. Er sollte sich fortschritlich wie er ist doch besser selbst abschaffen.