Porträts von Arbeitslosen

17. Juni 2019 19:01; Akt: 17.06.2019 21:58 Print

«Mein Sohn würde so gern auf die Pilatusbahn»

von Matthias Gröbli - Rebecca Scheidegger (25) ist alleinerziehende Mutter und sucht seit ihrer Lehre einen festen Job. Sie kämpft um eine bessere Zukunft für ihren Sohn.

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Arbeiten wollen, aber nicht können: So ergeht es in der Schweiz gegen 180'000 Stellensuchenden. Wie lebt man ohne Arbeit? Worauf muss man verzichten? Wie steckt man die Absagen bei den Bewerbungen weg? 20 Minuten porträtiert fünf arbeitslose Menschen in der Schweiz (siehe Box).

Beruf
Fachfrau Betriebsunterhalt

«Ich begann 2012 eine Lehre als Fachfrau Betriebsunterhalt. 2014 kam mein Sohn zur Welt, dennoch entschloss ich mich, die Lehre fortzusetzen und mit dem EFZ abzuschliessen. Ein Lehrjahr musste ich allerdings wegen der Schwangerschaft wiederholen.»

Arbeitslos
Kein fester Job seit der Lehre

«Ich suchte einen Job auf dem Beruf, konnte aber nichts finden. Direkt nach der Lehre meldete ich mich beim RAV an und beantragte ausserdem Sozialhilfe. 2017 fand ich eine Arbeit als stellvertretende Hausdienstleiterin. Das ging ein Jahr, bis mir gekündigt wurde. Es hat zwischenmenschlich nicht funktioniert.
Ich entschloss mich zu einem Wechsel in den Pflegebereich. Das RAV zahlte den Pflegehelferkurs.»

Finanzen
2200 Franken im Monat

«Ich erhalte rund 1900 Franken. Nach Abzug von Fixkosten wie Wohnung, Handy etc. bleiben 750 Franken für Essen, Kleider und Benzin für das Auto, das mir gelegentlich zur Verfügung gestellt wird. Ich bin alleinerziehend. Vom Kindsvater kommen zusätzlich rund 150 Franken pro Monat.»

Psyche
Panikattacke

«Ich war fast fertig mit dem Pflegehelferkurs, und ich hatte gute Chancen, nach dem Praktikum eine Stelle zu bekommen. Aber dann passierte es: Eines Tages, es war im September vergangenen Jahres, ging es mir nicht gut. Ich war auf dem Weg nach Hause, als ich eine Panikattacke am Bahnhof Luzern erlitt. Ich konnte kaum mehr gehen und hatte Angst, ich müsse sterben. Aber keiner der Passanten half mir. Ich schaffte es zu einer Notarzt-Praxis im Bahnhof und kam mit der Ambulanz ins Spital. Nach dieser Panikattacke zog ich mich von allem zurück. Im Januar begab ich mich nach Basel für zwei Monate in psychiatrische Behandlung. Jetzt geht es mir psychisch viel besser. Aber der Stress der Jobsuche ist belastend. Ich bin wieder beim RAV angemeldet und habe derzeit einen Temporärjob, weiss aber nicht, wie lange.»

Freizeit
Verwandte besuchen

«Ich muss mich beschäftigen, damit keine Langeweile aufkommt, und besuche zum Beispiel Verwandte. Auch vergünstigte Eintritte – etwa in Museen – nehme ich in Anspruch.»

Zukunft
Hoffnung auf Bürojob

«Ich habe die Jobsuche ausgeweitet, vielleicht klappt es mit einem Quereinstieg ins Büro. Ich gebe die Hoffnung nicht auf. Mein Sohn ist Antrieb und Motivation, weiterzukämpfen. Denn es macht mich traurig, dass ich ihm nicht bieten kann, was er sich wünscht. Sein enttäuschtes Gesicht, wenn ich ihm sagen muss: Nein, das liegt nicht drin. Mein Sohn möchte so gern mal mit der Pilatusbahn hoch, da die ja so toll aussieht und so steil hochgeht. Das liegt leider nicht im Budget. Ich hoffe sehr, dass er eine bessere Zukunft als ich haben wird.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Fenix am 17.06.2019 19:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Alles gute

    Wenn ich das lese, macht es mich traurig. Ich hoffe sie findet einen Job und kann ihrem Sohn das bieten was er verdient. Gerne würde ich dem Sohn eine Fahrt mit der Pilstus Bahn schenken.

  • Kevin am 17.06.2019 20:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kevin

    An Rebecca warum ausgerechnet bûro arbeiten, gibt sehr viele Restaurants arbeiten, oder Lager Bereich und auch im Verkauf.

  • Emmentaler am 17.06.2019 20:38 Report Diesen Beitrag melden

    Nach em Räge schiint d`Sunnä

    Saumässige Situation! Ich kenne das: hatte das Vergnügen mit 50 Jahren drei Betriebsschliessungen mitzuerleben. Und drei mal wieder einen Job zu suchen. Schon der Gedanke wie es überhaupt weitergeht ist äusserst belastend. Einen grossen Vorteil hat die Frau: Sie ist noch jung! Also: dranbleiben!! Das wird schon noch. Bei mir hat es ja trotz dem Altersnachteil auch geklappt.

Die neusten Leser-Kommentare

  • a.k.a. Demiker am 19.06.2019 11:26 Report Diesen Beitrag melden

    Umschulung

    Ich empfehle eine Umschulung zur Akademikerin. Molekularbiologie soll beispielsweise ganz gut sein, habe ich mal gehört

  • Bella am 19.06.2019 08:40 Report Diesen Beitrag melden

    Alleinerziehend....

    Es ist wirklich nicht einfach als alleinerziehendes Mami. Ich bin auch auf der Suche nach einem neuen Job. Habe zwei EFZ, trotzdem ist die Suche nicht einfach. Immer hat man gegenüber anderen Bewerbern den Stempel alleinerziehend, auch wenn man bessere Qualifikationen hat. Zudem die Jobs, die verfügbar wären oft nicht mit der Kinderbetreuung vereinbart werden können... ich wünsche dir viel Glück! Und denke daran, als alleinerziehendes Mami leistest du enorm viel! Sei stolz auf dich!

  • Elke am 19.06.2019 08:11 Report Diesen Beitrag melden

    Genug Geld vorhanden

    Ich habe keine 900 Franken im Monat zur Verfügung nach Abzug aller Unkosten. Auch ich habe Wünsche, die ich mir nicht so einfach erfüllen kann. Da muss man halt auch mal sparen.

  • Li Si am 19.06.2019 08:02 Report Diesen Beitrag melden

    Mach das beste aus dem was Du hast

    Diese Geschichte ist eine Aneinanderreihung sehr unglücklicher Umstände, das tut mir sehr leid für diese junge Frau. Hoffentlich bringt ihr dieses öffentliche Portrait glück auf der Jobsuche! Einen kleinen Einwand habe aber zu der Story, denn auch ich bin vor 30 Jahren mit meiner alleinerziehenden Mutter (ohne zahlenden Vater) in der Region aufgewachsen, wir hatten kaum Geld für den Lebensunterhalt... dafür waren wir Wandern am, um und auf dem wunderschönen Pilatus, wir Winkten den im Zahnradbahn sitzenden Touristen stolz. Dies war für mich das Privileg und nicht das fahren mit dem Bähndli.

  • Giuseppe Del Nero am 19.06.2019 07:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Pikatusbahn

    Habe den Artikel gelesen. Schlimm das auch das Kind darunter leidet. Ich wäre bereit die Kosten für die Bahnfahrt zu übernehmen.