Mammut

05. Dezember 2011 18:20; Akt: 05.12.2011 18:21 Print

«Ohne Schnee keine Lawine»

von Sabina Sturzenegger - Mammut-Chef Rolf Schmid spricht über den ersehnten Schnee, die neue Rolle des Outdoor-Spezialisten als Bergsportschule und den «Shit-Storm» in den die Firma diesen Sommer geraten ist.

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Nicht nur Ausrüster, sondern auch Anbieter: Der Outdoor-Spezialist Mammut hat nun auch eine Bergsportschule. Bild: Robert Bösch/Mammut

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Herr Schmid, macht Ihnen der Schneemangel Sorgen?
Rolf Schmid: Ja, sehr. Der Schneemangel ist für uns schlimmer als die Konjunktur. Wenn kein Schnee liegt, denken die wenigsten Leute daran, Wintersportartikel zu kaufen. Das ist wie bei den Winterpneus: Ohne Schnee kommen die wenigsten auf die Idee, Reifen zu wechseln. Doch nun scheint der Schnee ja unterwegs zu sein.

Bei welchen Produkten hapert es besonders?
Wir sind ja vor allem in der Bekleidung stark. Aber auch bei den Rucksäcken für Skifahrer, und nicht zuletzt natürlich bei der Sicherheits- und Lawinenausrüstung, also dem Barryvox. Auch hier funktionieren die Leute nach dem Motto: Ohne Schnee keine Lawine.

Mammut hat ein neues «Kind», den Lawinenrucksack mit einem Airbag. Ist der Schneemangel für seinen Verkauf auch hinderlich?
Nein, im Gegenteil. Wir haben ihn sehr gut verkauft, trotz Schneemangels, weil er eine echte Neuheit ist.

Inwiefern?
Der Rucksack ist ungefähr ein halbes Kilo leichter als herkömmliche Produkte, und der Airbag lässt sich ausbauen. Man kann den Rucksack also auch im Sommer verwenden.

Vor einiger Zeit sagten Sie noch, Mammut werde keinen Lawinenrucksack entwickeln, jetzt gibt es bereits einen. Woher kommt der Gesinnungswandel?
Mammut konnte diesen Sommer das Walliser Startup-Unternehmen SnowPulse kaufen. SnowPulse bringt die Technologie für den Lawinenrucksack, wir haben das weltweite Vertriebsnetz. Das ergänzt sich perfekt. Zudem sind die Preise gesunken und die Technologie ist besser geworden. Jetzt lohnt sich die Investition.

Mammut hat auch den traditionellen Schuhhersteller Raichle übernommen. Wann steigen Sie ins Geschäft mit Skischuhen ein?
Gar nicht. Hier haben wir keine Pläne.

Warum nicht?
Die Technologie für Skischuhe ist heute eine ganz andere als für Bergschuhe. Zudem gehört die Skischuh-Produktion in den Bereich Skis und Bindung. Das überlassen wir anderen.

Mit der Mammut Alpine School steigen Sie aber ins Dienstleistungsgeschäft mit Bergführern und Expeditionen ein. Damit konkurrenzieren Sie Bergsportschulen, Skischulen und den SAC. Warum?
Wir wollen keine Konkurrenz zu den klassischen Bersteigerschulen sein, sondern mehr Leute in die Schweizer Berge bringen. Die Mammut Alpine School spricht primär eine jüngere Gruppe von Leuten an, die bis jetzt nicht mit Bergführern in die Berge ging. Mit unserer Marke können wir diese Leute abholen und ins Gebirge bringen. Wenn aber ein Bergsteiger seit Jahren den gleichen Bergführer hat, wird er kaum zu Mammut Alpine School wechseln.

Sie wollen die Nicht-Berggänger ansprechen?
Neben unseren Touren für erfahrene Alpinisten bieten wir auch Einsteigertouren und Ausbildungen an, wie zum Beispiel Lawinenkurse. Insgesamt geht es darum, dass wir mehr Leute in die Berge bringen wollen, Leute, die die Natur und die Berge erleben wollen.

Wer sind Ihre Bergführer?
Wir arbeiten mit vielen freischaffenden Bergführern und Expeditionsleitern zusammen. Sie sollen möglichst aus der Region kommen, in der sie die Touren dann auch leiten.

Bieten Sie auch Heliskiing an?
Das gehört sicher nicht in unser primäres, heute angedachtes Angebot. Wir haben kein Angebot in diese Richtung.

Wie sehr leidet Mammut unter dem starken Franken?
Ich könnte jetzt nochmals jammern, wie schon beim Wetter: Ja, der starke Franken macht uns zu schaffen, er ist wirklich schlecht für uns.

Was tun Sie dagegen?
Wir waren die erste grosse Sportmarke in der Schweiz, die diesen Sommer die Preise bis zu 20 Prozent gesenkt hat. Das tut natürlich weh und hat eine direkte Auswirkung auf unseren Umsatz und Gewinn. Wir versuchen aber – wie alle anderen auch – den Anteil unserer Ausgaben in Schweizer Franken zu senken und mehr in Euro einzukaufen.

Trotz Krise hat Mammut den Ehrgeiz, gross angelegte Werbekampagnen im Gebirge durchzuführen. Das ist doch teuer. Lohnt sich dieser Aufwand?
Wir wollen nicht einfach Produkte verkaufen, sondern auch das Erlebnis. Wenn ein paar hundert Leute unsere Unterwäsche oder Schlafsäcke in Extrembedingungen testen, und dies dann über die Internet-Community in die ganze Welt hinausgetragen wird, ist das entscheidend für unsere Marke.

Mit der Internet-Community hat Mammut diesen Sommer aber auch schlechte Erfahrungen gemacht: Das Unternehmen wurde an den Internet-Pranger gestellt, weil es eine Economiesuisse-Kampagne gegen das CO2-Gesetz unterstützte. Was war schief gelaufen?
Wir wurden überrascht. Wir wollten uns zum CO2-Gesetz gar nicht äussern, sondern sehen unsere Aufgabe darin, dass wir möglichst CO2-konform agieren. Zu politisieren ist nicht die Aufgabe eines Unternehmens, das können die einzelnen Mitarbeiter persönlich und privat tun, wenn sie dies wollen. Unser Logo ist aber auf der Kampagnen-Webseite von Economiesuisse gelandet.

Wie ist das passiert?
Wir sind Mitglied des Textilverbands, der wiederum Mitglied von Economiesuisse ist. So landete unser Logo auf der Webseite des Wirtschaftsverbandes, der sich kritisch über mögliche Konsequenzen einzelner Punkte der CO2-Vorlage geäussert hat. Ein paar – wenige – Leute haben das in der Facebook-Community diskutiert und verbreitet. Der Effekt in den Medien war riesig. Wir haben dann innerhalb von 24 Stunden das Mammut-Logo von der Webseite entfernen lassen und uns als Firma klar distanziert.

Wie gross war der Image-Schaden?
Es ist gar kein Schaden entstanden. Es geschah nämlich etwas Erstaunliches: So schnell wie wir in diesen «Shit-Storm» reingekommen sind, waren wir auch wieder draussen. Sobald wir uns distanzierten, lobten uns viele für unsere Lernfähigkeit.

Was haben Sie daraus gelernt?
Wir haben wahrscheinlich als erstes Schweizer KMU die Nachteile und die rasante Geschwindigkeit des Verbreitens von Informationen der sozialen Netzwerke am eigenen Leibe erlebt. Und wir haben gelernt, beziehungsweise wir wurden in der Idee bekräftigt, dass wir uns als Firma nicht politisch äussern dürfen. Zudem wissen wir heute firmenintern ganz genau, wie wir in einem ähnlichen Fall reagieren würden.