Freie Arbeitsplatz-Wahl

08. Dezember 2016 13:53; Akt: 09.12.2016 01:19 Print

«Spass mit Kollegen hat man keinen mehr»

von V. Blank - In vielen Schweizer Firmen haben die Angestellten keinen eigenen Arbeitsplatz mehr. Nicht alle Mitarbeiter sind begeistert.

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Der Morgen im Büro: Man geht zu seinem lieb gewonnenen Platz am Fenster, schaltet den Computer an und rückt das Familienfoto zurecht. So könnte es laufen – tut es aber in vielen Schweizer Firmen nicht mehr. Statt auf fix zugeteilte Arbeitsplätze setzen sie auf Desk Sharing oder Dynamic Working. Will heissen: Die Mitarbeiter müssen sich jeden Tag ein neues Plätzli zum Arbeiten suchen.

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Gibt es bei Ihnen auch geteilte Arbeitsplätze?
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«Dieses System verbreitet sich in der Schweiz rasant, vor allem im wissensintensiven Sektor», sagt Barbara Josef zu 20 Minuten. Sie ist Expertin für neue Arbeitsformen und Mitinhaberin der Beratungsfirma 5to9. In einem Tweet beschreibt sie die Entwicklung mit Humor:


Stress, wenn alles besetzt ist

Ein Unternehmen, das auf geteilte Arbeitsplätze setzt, ist die Post. «Am Hauptsitz in Bern können die Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz oder alternative Arbeitsorte täglich frei wählen», sagt Sprecherin Jacqueline Bühlmann. Dabei gibt es weniger Plätze als Mitarbeiter: Bei der Post fallen auf einen Angestellten 0,85 Arbeitsplätze.

Diese Rate ist laut dem Unternehmen sinnvoll: Man habe die Erfahrung gemacht, dass persönliche Arbeitsplätze aufgrund häufiger Abwesenheiten unterbenutzt seien. Die Verknappung kann aber auch zu morgendlichem Stress bei den Angestellten führen: Manchmal werde bemängelt, dass man bei guter Belegung des Büros gelegentlich einige Minuten suchen muss, um den passenden Arbeitsplatz zu finden, heisst es bei Microsoft Schweiz. Dort haben über 90 Prozent der Mitarbeiter keinen persönlichen Platz mehr.

«Man reisst keine Witze mehr»

20-Minuten-Leser Bernhard S.* arbeitet in der Telekombranche und hat schon seit fünf Jahren keinen persönlichen Arbeitsplatz mehr. Grundsätzlich hat er sich daran gewöhnt, im Büro immer wieder woanders zu sitzen. «Mein Büro schleppe ich jetzt einfach im Rucksack herum.» Was er aber vermisse, seien die zwischenmenschlichen Kontakte: «So zu arbeiten, ist sehr anonym – manchmal kommt es mir vor wie am Bahnhof.» Früher habe man am Arbeitsplatz auch einmal einen Witz reissen oder die Kollegen hochnehmen können – bei der freien Arbeitsplatzwahl gehe der Spass mit den Kollegen verloren.

Die Firmen hingegen wollen nicht viel von negativen Aspekten des neuen Arbeitens hören. «Durchwegs positiv» seien die Rückmeldungen der Mitarbeiter, die sich ihren Arbeitsplatz selber aussuchen, heisst es etwa bei der Swisscom. Die Post schreibt: «Die Mehrheit ist von der neuen Arbeitsumgebung begeistert.»

Laut den befragten Unternehmen kommt man mit der neuen Arbeitsform einem Bedürfnis der Mitarbeiter entgegen. «Wir bietet ihnen so jene Arbeitsumgebung, in der sie am besten arbeiten können», sagt Zurich-Sprecherin Nathalie Vidal. Beim Versicherer verfügt jedes Team über einen fix zugewiesenen Bereich mit Arbeitsplätzen, wo die Angestellten jeden Tag ihren Arbeitsplatz wählen können.

Geteilte Plätze sind billiger

Doch den Firmen geht es nicht nur um ihre Mitarbeiter, sondern auch ums Finanzielle: Geteilte Arbeitsplätze sind billiger. Man gehe davon aus, dass sich rund 30 Prozent der Infrastrukturkosten mit geteilten Flächen sparen lassen, sagt Expertin Josef. Für sie überwiegen aber nicht die Kostenaspekte, sondern die positiven Seiten der neuen Arbeitsplatzwahl: «Wenn eine Firma das neue Konzept konsequent lebt, bringt es für alle Mitarbeiter Vorteile.» Beispielsweise zwinge es niemandem starre Präsenzzeiten im Büro auf, die nicht mit anderen Prioritäten im Leben vereinbar sind.

*Name der Redaktion bekannt

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Samichlaus am 08.12.2016 14:01 Report Diesen Beitrag melden

    Chabis

    Am Schluss sitzen sowieso alle immer am gleichen Ort.

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  • Der Student der arbeitet FKO am 08.12.2016 14:05 Report Diesen Beitrag melden

    Theorie und Praxis

    Beispiel Schule: In der Schule ist es genau gleich...Man könnte sich hinsetzten wo man möchte, aber der Mensch ist ein Gewohnheitstier und sitzt immer am gleichen Ort...

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  • La Cheffe am 08.12.2016 14:10 Report Diesen Beitrag melden

    wie beim ÖV!?

    War ja klar, dass es dabei nur wieder ums einsparen geht. Mich würde das nerven, jeden Tag einen neuen Platz suchen zu müssen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Fritzli - Fritzli Bond am 09.12.2016 16:54 Report Diesen Beitrag melden

    Wechsel = sozialer

    Ich würde das toll finden. Wir sind ein Grossraumbüro, und die in der hintersten Ecke, die kenne ich kaum. Mit freien Arbeitsplätzen könnte gäbe es eine wechselnde Durchmischung, und man würde alle kennenlernen. Und weil es in Büros gute und schlechte Plätze gibt, würden nicht alle immer am gleichen Ort sitzen, sondern wer zuerst kommt, den besten Platz nimmt usw.

    • Phil am 09.12.2016 17:49 Report Diesen Beitrag melden

      dann..

      ..hätte das ja den vorteil dass alle pünktlich auf der arbeit wären, da ja niemand der letzte sein möchte ;-) Bei uns in der firma ist das so mit den parkplätzen, die frühen kriegen die guten, die späten laufen eine weile bis sie dann am arbeitsplatz sind.

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  • Walter R am 09.12.2016 16:42 Report Diesen Beitrag melden

    Wer denkt sich so etwas aus?

    Keine eigener Arbeitsplatz mehr, sondern sich im Büro jeden Tag einen neuen Platz suchen. Ich denke, das ist eine Idee von Leuten, die den ganzen Tag im Büro an ihrem eigenen Arbeitsplatz sitzen und nicht genug zu tun und damit Zeit haben, sich einen derartigen Unsinn auszudenken.

  • suche Platzanweiser am 09.12.2016 16:08 Report Diesen Beitrag melden

    Sparenmassnahme oder Mehrkosten?

    Bei den moisten Firmen geht es nur ums Sparen. Mich würde es intressieren, wieviel Geld verloren geht, bis sich die Mitarbeiter jeden Morgen einen neuen Platz gesucht und sich eingerichtet haben. Wird bei einer Kosten/Nutzen analyse dann wirklich noch gesparrt?

  • Kenne ich leider zu gut am 09.12.2016 14:22 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht mein Ding

    Natürlich für die Manager Super - dann kann man die Auslastung für die Arbeitsplätze optimieren, ich selber fühle mich so aber nicht mehr wohl und ich könnte ja auch bei einem x-Beliebigen Arbeitgeber arbeiten - ich mach nur noch mein Ding von 8-17h und dann nach Hause. Mit einem solchen Arbeitgeber identifiziere ich mich eben nicht mehr wirklich. Und die Kollegen (mit denen man auch mal einen heben geht) sieht man auch seltener, Spontanität für das Zwischenmenschliche geht verloren & die Identifikation mit dem Betrieb.

  • Rolf am 09.12.2016 13:17 Report Diesen Beitrag melden

    Selber Schuld

    Man will ja alles was vom Ausland kommt übernehmen. Nur weiter so und es kracht.