Freitag-Taschen

26. Juli 2016 09:44; Akt: 26.07.2016 09:44 Print

«Unsere Marke altert nicht wie ein Luxuslabel»

von I. Strassheim - Warum die Taschen auch nach Jahrzehnten noch Kult sind, erklärt Gründer Markus Freitag. Und wieso er trotzdem nicht reich geworden ist und inzwischen auch Kleider produziert.

Bildstrecke im Grossformat »
Die beiden Brüder Markus (links) und Daniel Freitag. Seit 2014 stellen die Freitags auch Kleider her. Solche, die nicht nur schick, sondern auch kompostierbar sind. Die Freitags in einem Flachsfeld in der französischen Normandie. Hier wächst das Material für ihre Leinen-Mode. Alle Komponenten ihrer Kollektionen stammen aus Europa, damit die Kleider nicht mehr als 5000 Kilometer bei der Produktion zurücklegen müssen. Üblich sind in der Textilbranche rund 100'000 Kilometer. Wird aus ihnen mal eine Freitag-Tasche? LKW-Planen im Einsatz. Der erste Schritt der Taschen-Produktion in Oerlikon: Ein Mitarbeiter breitet die gebrauchten LKW-Planen aus, entfernt Zusatzteile und zerschneidet sie in handlichere Stücke. Ab in die Waschmaschine: Hier werden die gebrauchten und zerlegten LKW-Planen gewaschen. Und zwar in aufgefangenem Regenwasser. Ein Wärmetauscher sorgt für Energieeffizienz. Die zerlegten Planen werden in Industrie-Waschmaschinen gereinigt. Dafür wird das Regenwasser im neuen Gebäude in Oerlikon gesammelt. Farbmuster-Tafel der LKW-Planen, die zuvor zwischen 5 und 8 Jahren auf Europas Schnellstrassen unterwegs sind. Freitag färbt die Planen nicht Und so wird Schritt für Schritt eine Tasche daraus: Eine Plane wird per Schablone zugeschnitten. Taschen-Transport: Aus dem Lager in Oerlikon werden die Taschen in die ganze Welt verschickt. In recyclierten Kartons. Die «Taschen-Bibliothek» für die Mitarbeitenden: Jeder kann sich eine Tasche ausleihen. Ein Blick ins «Nähkästchen»: Auch das Garn ist kompostierbar und nicht aus Synthetik. Der metallene Knopf für die Hosen ist an- und abschraubbar. Der Grund: Er verrottet nicht auf dem Kompost. Freitag hat dafür ein Patent angemeldet. Eigenes Markenzeichen: Wer mag, kann seine Initialen oder eine Losung auf seinen Hosenknopf gravieren.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Hallo, ich bin Markus.

Duzt ihr alle?
Wenn immer möglich, denn ich suche den kollegialen Umgang – auf Augenhöhe. Auch bei Bewerbungsgesprächen machen wir das von Anfang an.

Auch bei euren Lieferanten?
Wenn wir etwas einkaufen, dann siezen wir wohl eher, wenn wir etwas verkaufen, dann duzen wir. Mit unseren Wiederverkäufern ist es schon casual. Und bei langjährigen Lieferanten, etwa Nähfirmen, duzen wir schon auch. Wir haben viele jahrelange Partner, denn wir wechseln nicht ständig dorthin, wo es gerade am billigsten ist.

Seid ihr nicht auf Gewinn aus?
Wir machen das nicht aus ökologischen und sozialen Gründen. Und auch wegen der Taschen selbst: Unser Material ist sehr steif, das lässt sich nicht unter der Nähmaschine wie Stoff oder Leder ziehen und strecken. Dafür müssen die Leute geschult werden. Nach den Prototypen, die bei uns in Oerlikon entwickelt werden, braucht es Vorserien und eine Korrekturrunde. Wir begleiten das von Anfang an. Allein schon deswegen wollen wir keine knallharten Geschäftsbeziehungen haben, sondern sind auf Kooperation aus.

Aber ihr seid auch reich geworden?
Mein Bruder und ich haben keine Häuser in Privatbesitz oder eine Garage voller Autos. Ich habe noch nicht einmal den Führerschein – aber ich habe ein paar Fahrräder. Geld für mich persönlich ist nicht meine Motivation. Aber Geld für die Firma, um es in neue Ideen zu investieren, schon.

Freitag-Taschen gibt es seit 23 Jahren, braucht die Marke nicht eine Verjüngung, wie sie sich Louis Vuitton gegeben hat?
Unser Trend hält sich über das Produkt, das gut bleibt: Die Funktionalität, die Individualität, die nachhaltige Idee dahinter.

Ist das auch gleich hip?
Unsere Taschen aus alten Lastwagen-Planen sind nonkonform und urban. Wir altern nicht wie eine etablierte Luxusmarke und werden uns auch nicht erneuern müssen, weil wir kein reines Trendprodukt machen, sondern eines für Leute, die denken wollen. Wir haben inzwischen verschiedene Generationen erfasst: Wir waren Studenten, als wir mit den Taschen begannen, und verkauften sie anderen Studenten. Später haben sie sie ihren Patenkindern geschenkt und diese kaufen die Taschen nun ihren eigenen Kindern. Und natürlich haben wir auch Kunden, die uns einfach so entdecken .

Wer sind die enthusiastischsten Freitag-Taschen-Träger?
Die sind in Asien zu finden. Es gibt Leute in Taiwan, Bangkok, Hongkong oder Japan, die haben 50, 100, ja sogar 200 unserer Taschen. Und sie posten jeden Tag ein neues Bild von sich mit ihrer Tasche auf Instagram. Von hinten aufgenommen, denn die Tasche ist ihr zweites Gesicht. Oder sie treffen sich und stellen ihre Taschen unter Kirschbäumen in einen Kreis und machen ein Freitag-Gruppenfoto.

Warum gerade Asiaten?
Wegen unseres Paradoxes: Wir machen eine Uniform für Individualisten. Alle Taschen sind aus gebrauchten LKW-Planen, aber jede ist speziell. In Japan gibt es nicht nur den Glauben an die Technologie, sondern auch die Schönheit des Imperfekten. Ein Holztisch, der 100 Jahre alt ist, ist in Japan mehr wert als ein neuer. Das trifft auch auf die Freitag-Taschen zu.

Sind die Taschen nicht auch anfällig für Billig-Kopien?
Wir hatten einige Nachahmer, aber die haben alle aufgegeben. Denn es ist zu kompliziert, den alten Lastwagen-Planen nachzujagen. Es wäre billiger, das Material neu aus China zu beziehen. Aber uns geht es darum, gebrauchten Materialien ein neues Leben zu geben. Und wir mögen die Patina und die Aufschriften und Farben, die immer wieder anders sind und Unikate entstehen lassen. Wir haben bei uns ein Team, das in ganz Europa die alten Planen aufspürt, die dann hier in Oerlikon zerlegt, gewaschen und zugeschnitten werden.

Ist es nicht schlecht fürs Geschäft, dass die Taschen so lange halten?
Langlebigkeit ist unsere Philosophie: Wir haben sogar Mitarbeiter, die nichts anderes machen, als Taschendoktor zu sein. Und in Tokio haben wir eine kleine Reparaturstation in einem unserer Läden, damit wir sie nicht zum Flicken in die Schweiz schicken müssen. Es gibt Kunden, die wollen ihre Tasche auch nach Jahren nicht hergeben, weil sie sie durchs Leben begleitet.

Aber der Umsatz leidet dadurch.
Wir glauben, die Kunden sind happy und leisten sich ein zweites oder drittes Modell oder kaufen eine Handyhülle von uns. Wir bauen keine Sollbruchstelle ein, das ist nicht unsere Philosophie.

Was ist im Moment der Freitag-Taschen-Trend?
Rücksäcke. Vor allem eine Handtasche, die man auch auf dem Rücken tragen kann. Es gibt nicht nur unsere klassische Kurier-Tasche, die man mit dem Gurt schräg über der Schulter trägt.

Vor zwei Jahren ist Freitag in den Kleidermarkt eingestiegen und macht Mode zum Wegwerfen.
Ja, auf den Kompost – aber natürlich erst, nachdem man sie jahrelang getragen hat. Wir haben hundertprozentig biologisch abbaubare Kleider aus Hanf und Leinen entwickelt. Nicht aus Baumwolle, weil die beim Anbau zu viel Wasser braucht und die Böden austrocknet, auch wenn sie biologisch angebaut wird. Ausserdem soll unser Material aus dem Umkreis von 2500 Kilometern kommen und nicht weiter.

Habt ihr damit Erfolg?
Nachdem wir vor rund zwei Jahren mit einigen wenigen Kleidungsstücken angefangen haben, gibt es mittlerweile schon eine kleine Linie an F-ABRIC Textilien für Frauen und Männer, die wir im Herbst noch einmal ergänzen werden. Aber unsere Kleidung ist weniger plakativ als unsere Taschen. Meinem Hemd sieht man die Nachhaltigkeit nicht an. Wir machen nicht einmal das Label gross, weil wir Qualität und keinen Brand ausdrücken wollen.

Mode funktioniert aber oft über die Marke, wie Abercrombie & Fitch gezeigt hat.
Wenn ich ein angeheuerter Marketingchef wäre, würde ich das mit dem grossen Freitag-Logo-Aufdruck auch mal ausprobieren wollen. Aber ein Grund, weswegen ich selbständig geworden bin, ist, machen zu können, was ich will. Wir wollen nicht die plakative Variante wählen. Nach aussen muss ein kleines Zeichen reichen.

Also sollen die Leute ihre Haltung zu Mode ändern?
Wir hoffen, dass uns das wie bei den Taschen auch bei den Kleidern gelingen wird. Deshalb ist unser Hosenknopf zum Anschrauben – und zum Nachdenken. Wenn die Leute bei uns eine Denim kaufen, müssen sie den Knopf dazu erst selbst andrehen. Nicht nur, damit er abnehmbar ist, weil er als einziges Teil nicht kompostierbar ist. Sondern auch, weil bei uns der Hosenknopf irritieren soll: Wenn die Leute shoppen gehen, sollen sie in einen anderen Modus kommen und beginnen, über sich und ihr Konsumverhalten nachzudenken. Wie beim Essen wird das hoffentlich auch bei der Kleidung bald einmal so sein, dass man wissen will, woher etwas kommt und wie es hergestellt wird.

sentifi.com

20min_ch_app Sentifi Börseneinblicke aus den sozialen Medien

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Paul am 26.07.2016 10:27 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Macht weiter so

    Sympathische Männer mit coolen und weitsichtigen Ideen.

  • Jane38 am 26.07.2016 10:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    cool

    mir pers gefallen die freitagtaschen nicht,finde jedoch sie idee dahinter super.

    einklappen einklappen
  • FB :) am 26.07.2016 15:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Freitagtaschen

    Ich verstehe manche Kommentare nicht. Wieso regt ihr euch so auf? Leben und leben lassen! Ach übrigens: müssen für Freitagtaschen keine Tiere sterben! Ist doch auch was :)

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • werner am 27.07.2016 20:36 Report Diesen Beitrag melden

    Tolle, faire Produkte

    Schön, dass es in Zeiten von Massenproduktion, Gewinnmaximierung und Ausbeutung von Resourcen noch solche Individualisten und kreative Menschen gibt. Anfangs skeptisch, auch als meine Frau schon lange begeistert war. Heute "Überzeugungstäter" -Besitzer.

  • Sophie am 27.07.2016 17:50 Report Diesen Beitrag melden

    Wers nötig hat

    Möglich dass die Marke nicht altert, trotzdem verstehe ich nicht ganz wozu man als Nicht-Velokurier eine Velokuriertasche braucht aber Hauptsache man kann ein mit Minderheitskomplexen behaftetes Ego aufwerten. Ich persönlich möchte das Zeugs nicht geschenkt.

    • werner am 27.07.2016 20:29 Report Diesen Beitrag melden

      Oder wer es mag, ohne Egoist zu sein

      Schön, dann freut sich jemand anderes. Und wer mit dem Finger auf andere zeigt, zeigt mit drei immer auf sich selbst.

    einklappen einklappen
  • Lars. am 27.07.2016 09:27 Report Diesen Beitrag melden

    besondere Kientel eher altern. und links

    Eine spezielle Klientel die solche Tasche trägt. Nicht mein Ding aber soll jeder machen wie er will. Ich finde das als völlige Abzocke was die Preise angeht. Und werden die Taschen 100% in der CH hergestellt? Da habe ich bedenken. Alte Sicherheitgurte und Blachen aus dem Ostblock sind mehr als billig zu bekommen. Wie ist Std.Lohn schreibt mal genaueres über die Zustände.

    • werner am 27.07.2016 20:27 Report Diesen Beitrag melden

      Neid hat viele Gesichter

      Wie wäre eine solche Frage an die großen Modefirmen? Und was hast du davon, wenn du es weißt?

    einklappen einklappen
  • Die fliege am 27.07.2016 08:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kult und heute?

    Ich bekam als velokurier anfangs 90 er von den Freitag Brüdern Bags zum testen topwert a.d heute? Mittelmaß..... Doch ich freue mich für Ihren Erfolg meine alten Taschen errichten Höchstgebot von 400 Dollar auf ebay ;-)

  • Roland P.E. am 27.07.2016 08:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schrecklich

    Wie kann ein Mensch mit einem alten Stück LKW Plane rum laufen!