Leser vs. Experten

02. Februar 2019 16:55; Akt: 02.02.2019 16:55 Print

«Was nützen uns all die Studierten?»

von V. Blank - In zehn Jahren hat jeder Zweite studiert, so die Prognose des Bundesrats. Viele 20-Minuten-Leser kritisieren die Entwicklung. Das entgegnen Experten.

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Ab 2030 wird rund jeder zweite 25- bis 64-Jährige eine Hochschule oder eine höhere Berufsbildung absolviert haben. Der Anteil Personen, die höchstens über eine Berufslehre oder eine gymnasiale Maturität verfügen, wird hingegen in den nächsten 20 Jahren von 45 auf 40 Prozent sinken. Das besagt ein Bericht des Bundesrats.

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Viele Leser stehen dieser Entwicklung kritisch gegenüber. 20 Minuten hat einige Thesen dem ETH-Arbeitsmarktexperten Michael Siegenthaler und dem Bildungsexperten Matthias Amman von Avenir Suisse vorgelegt.

Michael Siegenthaler: «Der wichtigste Grund, warum es immer mehr Tertiärgebildete gibt ist, dass sich immer mehr Personen nach einer Berufslehre für eine Fachhochschule oder eine höhere Fachschule entscheiden. Diese Ausbildungen sind sehr praxisnah. Aber es stimmt natürlich: Ein Grossteil der Ausbildungskosten trägt in der Schweiz der Steuerzahler. Aber: Tertiärgebildete verdienen im Schnitt deutlich mehr als Personen mit tieferer Bildung. Dadurch zahlen sie im Schnitt auch deutlich mehr Steuern.»
Matthias Amman: «Die überwiegende Mehrheit der Hochschulabsolventen ist nach fünf Jahren adäquat beschäftigt. Will heissen: Die Absolventen haben eine Stelle, die ihrem Bildungsniveau entspricht.»

Michael Siegenthaler: «Das stimmt so nur bedingt. Die Quote der Studiumsabsolventen, die arbeitslos sind, ist seit 15 Jahren praktisch konstant. Weil aber immer mehr Personen einen solchen Abschluss haben, nimmt die Zahl der arbeitslosen Absolventen absolut betrachtet natürlich zu.»
Matthias Amman: «Die Daten des Bundesamts für Statistik zeigen ein anderes Bild. Ein Jahr nach Abschluss eines Studiums weisen die Absolventen in etwa die gleich hohe Erwerbslosenquote auf wie der Durchschnitt der Schweizer Erwerbsbevölkerung. Fünf Jahre nach Studienabschluss hingegen liegt die Quote sogar deutlich tiefer.»

Michael Siegenthaler: «Es stimmt: Personen, die sich nach der Lehre nicht mehr weiterbilden, haben es zunehmend schwer auf dem Arbeitsmarkt. Und ja, das liegt möglicherweise auch daran, dass ihre Tätigkeiten zunehmend von «anderen» übernommen werden. Aber unter ‹andere› verstehe ich nicht primär Ausländer, zumindest nicht jene in der Schweiz. Dahinter verstehe ich vielmehr den Trend, dass einfache Tätigkeiten zunehmend wegrationalisiert oder ins Ausland verlagert werden.»
Matthias Amman: «Der monatliche Bruttolohn mit einer abgeschlossenen Berufslehre liegt in der Tat tiefer als mit einer höheren Berufsbildung oder einem Fachhochschulabschluss. Die sogenannte Bildungsrendite ist daher in den meisten Fällen positiv. Mit anderen Worten: Ein Studium lohnt sich. Der Schweizer Arbeitsmarkt ist für ausländische Arbeitnehmer attraktiv. Eine Verdrängung von Schweizer Arbeitnehmern konnte bisher nicht festgestellt werden.»

Michael Siegenthaler: «Natürlich liegt die ‹optimale› Gymi-Quote nicht bei 100%. Es gibt meines Erachtens viele Jugendliche in der Schweiz, die den Berufseinstieg in der Schweiz gerade deshalb schaffen, weil die Lehrausbildung sehr praktisch und angewandt ist. Immer mehr Lehrabgänger entscheiden sich aber heute, sich nach der Lehre irgendwann einmal weiterzubilden.»
Matthias Amman: «Die gymnasiale Maturitätsquote hat sich in den vergangenen zehn Jahren kaum verändert. Sie liegt im Schweizer Durchschnitt bei 20%. Die Berufsmaturität ist seit ihrer Einführung auf 15% geklettert. Der Anstieg der Quote der Hochschulabsolventen beruht daher vor allem auf der Einführung der Berufsmaturität und der Gründung der Fachhochschulen.»

Michael Siegenthaler: «Nein, das Gegenteil dürfte der Fall sein. Die Wirtschaft ist zunehmend auf Fachkräfte angewiesen. In den letzten 15 Jahren wurden in der Schweiz fast 800'000 neue Stellen geschaffen. Sämtliche dieser neuen Stellen wurden von Tertiärgebildeten besetzt.»
Matthias Amman: «Die Erwerbslosenquote ist in der Schweiz in der Vergangenheit stets erfreulich tief gewesen. Der Arbeitsmarkt befindet sich jedoch im Wandel und fragt insbesondere hochqualifizierte Arbeitskräfte nach. Es ist daher notwendig, dass sich auch das Ausbildungssystem anpasst und die notwendigen Arbeitskräfte ausbildet. Die Kombination von Lehre und Hochschulstudium erlaubt genau, die Praxisorientierung beizubehalten.»

Michael Siegenthaler: «Es stimmt: Gewisse Handwerksberufe haben zunehmend Mühe, Lehrlinge anzuziehen, und werden sich zunehmend um junge Arbeitskräfte bemühen müssen. Diese Schwierigkeiten dürften sich noch verschärfen, da in den nächsten 10 Jahren sehr viele Handwerkerinnen und Handwerker das Pensionsalter erreichen.»
Matthias Amman: «Die Schweiz ist in der glücklichen Lage, dass die Wirtschaft mehr Arbeitsplätze schafft, als Arbeitskräfte vorhanden sind. Notstände gibt es deshalb in verschiedenen Berufen – nicht nur im Handwerk. Es fehlen beispielsweise auch Arbeitskräfte in der Pflege. Aber auch bei den Ingenieuren oder Informatikern.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Max König am 02.02.2019 17:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hmm...

    Das wird sich früher oder später rächen. Fachkräfte braucht das Land! Nicht nur Theoretiker...

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  • aendu am 02.02.2019 17:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    viel zuviele Studierte hat das Land !!!

    ... und wo sind die Büezer, welche noch wissen, wie gearbeitet wird ... ah, die gibts fast nicht mehr, weil sie aktuell massiv unterbezahlt sind ... die 'viel zu vielen' Studierten hingegen verdienen zu viel fürs Denken, aber nicht Arbeiten ...

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  • Büetzer am 02.02.2019 17:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    CEO's bringens nicht...

    Je mehr "Studis" auf der Welt umso ein grösseres Chaos herrscht leider...lieber noch "normale, ehrliche Büetzer"...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Biologie ist natur ist Wissenschaft am 03.02.2019 23:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    wintilebe

    also um das mal klar zu stellen, nach einer lehre an z b. die zhaw zu gehen, kann nicht mit einem studium an der eth oder uni gleichgesetzt werden. da wird innert 3 jahren mal schnell jeder, der die Schule macht mit einem Bachelor ausgestattet. Durchfallquote fast Null.

  • Walter am 03.02.2019 22:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    warum?

    Normalerweise ist jemand stolz auf das was er erreicht hat. Hier sind viele stolz darauf, dass sie nichts erreicht haben.

  • Büromensch am 03.02.2019 22:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Was soll man sonst tun?

    Was soll man sonst tun? Ohne ein Studienabschluss kommt man ja sonst nirgends hin.. ich studiere jetzt auch, damit ich im Büro weiterkomme.. Mit "nur" einem KV Abschluss "erfüllt man leider die Anforderungen nicht ganz"..

  • Kurt Koch am 03.02.2019 20:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zu viele Studierende

    Wir haben bald nur noch studierte aber keine intelligenten Leute mehr.

    • Neidisch? am 03.02.2019 21:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Kurt Koch

      Naja... so ganz dumm kann man nicht sein, wenn man eine Matura und ein Studium durchgezogen hat. Das klingt mehr nach Neid hier.

    • Walter am 03.02.2019 21:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Kurt Koch

      Anscheinend gehörst du weder der ersten noch der zweiten Gruppe an.

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  • Optimus Prime am 03.02.2019 18:46 Report Diesen Beitrag melden

    An Medizinstudenten

    An alle Medizinstudenten und zukünftige Ärzte: Danke schon mal im Voraus, dass ihr die Beschreibungen in den Kommentaren, in denen Studenten als faul und Nichtsnutze bezeichnet werden, nicht im echten Leben widerspiegeln werdet. Und dass ihr (hoffentlich) auch alle eure Patienten (egal ob studiert oder nicht) mit Respekt und Anstand behandeln werdet, was man von den meisten Verfasser der Kommentare nicht erwarten könnte.

    • Michi am 03.02.2019 21:13 Report Diesen Beitrag melden

      @Optimus Prime

      .. "könnte" ? WAS denn jetzt.. haben Sie auch gewisse Zweifel?

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