Überrissene Saläre

30. April 2012 09:17; Akt: 30.04.2012 11:26 Print

«Wer 80 000 pro Sitzung verdient, schweigt lieber»

von S. Spaeth - Antoinette Hunziker ist eine der wenigen weiblichen Topshots der Finanzwelt. Als sie nachhaltig investierte, belächelte man sie. Ein Gespräch über Frauenquoten und Lohnobergrenzen.

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«Unsere Kunden wollen nicht weniger verdienen und dafür einen Heiligenschein erhalten», sagt Antoinette Hunziker. Sie ist CEO einer auf nachhaltige Anlagen spezialisierten Investmentgesellschaft. (Bild: Keystone)

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Die Finanzwelt wird von Männern regiert. Warum?
Das liegt einerseits daran, dass Frauen die politischen Spiele nicht mitmachen wollen. Andererseits liegt es an fehlender Förderung. Seit ich vor 25 Jahren ins Finanz- und Börsenwesen eingestiegen bin, hat sich der Frauenanteil in den Chefetagen nicht erhöht. Darum befürworte ich eine Frauenquote.

Wie hoch müsste die Quote sein?
In Verwaltungsräten von börsenkotierten Unternehmen bräuchte es einen Frauenanteil von 30 Prozent. Die Regelung wäre aber nur vorübergehend – sozusagen als Starthilfe.

Wäre eine von Frauen dominierte Finanzwelt denn eine bessere?
Das ist schwierig zu sagen. Es gibt Frauen mit männlichen Eigenschaften und umgekehrt. Frauen denken eher ganzheitlich. Es zählt nicht einfach die Rendite, sondern wie sie zustande gekommen ist. Christine Lagarde als IWF-Chefin und Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigen, dass mit Frauen an der Spitze nicht alles anders wird. An höchsten Positionen steht Machtstreben dem ganzheitlichen Denken oft im Weg.

Verändert viel Geld Frauen und Männer gleichermassen?
Es verändert beide. In meinem früheren Umfeld als Bankerin habe ich aber vor allem Männer getroffen, die sich stark über materielle Werte definierten. Es gab eine Art Wettbewerb, verbunden mit dem Frust, dass immer jemand noch mehr hat. Mich hat dieses Wettrüsten nie interessiert. Ich wohne seit 25 Jahre im selben Haus.

Vor sechs Jahren haben Sie die klassische Finanzwelt verlassen und Ihre eigene Firma gegründet. Wie ist das abgelaufen?
Viele Leute aus dem Finanzbereich haben mich für meinen Ausstieg belächelt. Sie dachten, ich würde scheitern und wendeten sich ab. Ich gab mir drei Jahre Zeit, um zu schauen, ob es mit der eigenen Firma, die ich zusammen mit meinen Partnern aufbauen konnte, funktioniert – und es hat funktioniert. Als wir begannen, waren erst drei Prozent aller weltweiten Anlagen nachhaltig. Heute sind es schon zehn Prozent. Schön wäre, wenn wir in zehn Jahren bereits 25 Prozent hätten.

Von Nachhaltigkeit ist im Finanzsystem noch wenig zu spüren. Auf eine Blase folgt die nächste.

In meinen Referaten zeige ich immer wieder auf, wie der Weg zu einem nachhaltigen Finanzsystem aussehen könnte. Wichtig ist: Das System sollte auf einer verantwortungsbewussten Risikokultur beruhen und nicht Selbstzweck sein. Die Akteure heissen eigentlich Finanzdienstleister. Das aktuelle Finanzsystem dient vor allem einem ganz kleinen Grüppchen, das sich masslos bereichert.

Ist es gerechtfertigt, wenn Verwaltungsräte oder Topmanager Millionen verdienen?
Wenn ein Verwaltungsrat eine halbe Million Franken oder noch mehr für einige Sitzungen erhält, ist das gefährlich. Bei so viel leicht verdientem Geld schweigt manch einer lieber, statt auf die falsche Strategie hinzuweisen.

Die Branche hat doch Besserung gelobt!
Die Finanzbranche hat noch viel zu wenig gemacht. Der Veränderungsprozess geht zu langsam. Ich verstehe nicht, dass Firmen einen Verlust schreiben können, Leute entlassen und das Management sich auch noch Boni ausbezahlt. Leider gibt es immer noch Aktionäre, die das unterstützen. Die einzelnen Anleger und Pensionskassen müssten ihre Verantwortung stärker wahrnehmen und an Generalversammlungen gegen Vergütungsberichte stimmen.

Bräuchte es Lohnobergrenzen?
Wir analysieren immer die höchsten und die tiefsten Löhne einer Firma. Stossen wir auf einen Faktor von über 700 – wie zuweilen in der Pharmaindustrie – ist das total daneben. Sinnvoll wäre ein Faktor von 20 bis 25. Eine gesetzliche Regelung ist aber sinnlos, denn sie würde umgangen. Manager sind enorm kreativ. Das Einzige, was nützt, ist, darüber zu berichten und Anleger zu fragen, ob sie wirklich in derartige Firmen investieren wollen.

Schweizer Firmen loben ständig ihre Nachhaltigkeitsprojekte und präsentieren Nachhaltigkeitsberichte. Was halten Sie davon?
Es gibt einen Trend zu Pseudo-Nachhaltigkeit: Wichtig aber ist klar zu unterscheiden zwischen Firmen mit Vorzeigeprojekten und solchen mit wirklich nachhaltiger Geschäftsstrategie.

Wie steht es um die Schweizer Banken?
Da ist es trotz Nachhaltigkeitsberichten noch ein weiter Weg. Es ist zwar nett, wenn man Ökopapier braucht. Entscheidend ist, ob die Bank das Geld der Kunden nachhaltig anlegt und bei der Kreditvergabe konsequent auch Nachhaltigkeitskriterien berücksichtigt.

Zurück zu Ihnen als Top-Managerin: Falls eine bedeutende Bank Sie im Boot haben möchte, wären Sie interessiert?
Wenn das Finanzinstitut tatsächlich den Weg hin zur Nachhaltigkeit gehen möchte, könnte die Aufgabe reizvoll sein. Wichtig ist: Ich will keine Gardinenfrau sein und irgendwo von einem Foto im Geschäftsbericht lächeln. Ein anderer CEO-Posten interessiert mich aber nicht mehr.

Wann ist die Zeit reif für eine Frau an der Spitze einer Grossbank?
Die Zeit wäre schon gestern reif gewesen.


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Ausgewählte Leser-Kommentare

Frauenqoute heißt den angeblichen Makel "Frau sein" durch einen echten Makel "nur durch Quote Posten erhalten" zu ersetzen. – Mike T.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • F. Auna am 30.04.2012 13:04 Report Diesen Beitrag melden

    Frauenquote...

    Degradiert diese Dame gleich, wenn sie sich eine Frauenquote wünscht... Und eine Frage vorher solche Antworten geben "Das liegt einerseits daran, dass Frauen die politischen Spiele nicht mitmachen wollen." Wenn sie nicht wollen, sind sie halt selbst Schuld!

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  • Schwendener B.U. am 01.05.2012 10:36 Report Diesen Beitrag melden

    Selber Firma gründen

    Ich bin seit über 20 Jahren Treuhänder und habe hunderte von Firmen für Kunden gegründet. Zu 99% sind es die Männer die das Risiko auf sich nehmen und eine eigene Firma gründen. Frauen die Quoten fordern, sollen eine eigene Firma gründen und sich beweisen. Aber sich mittels Quote ins gemachte Nest setzen geht gar nicht.

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  • S.R. am 30.04.2012 12:38 Report Diesen Beitrag melden

    No Bonus?

    Konsequenterweise müsste Frau Hunziker auch schweigen!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Judith am 02.05.2012 13:03 Report Diesen Beitrag melden

    Wird sich ändern!

    In ein paar Jahren werden wir keine Probleme mehr haben mit Frauen in Top-Positionen. Die heutigen Frauen sind sehr gut ausgebildet und leistungsorientiert. Sie wissen was sie können und was sie wollen, stellen ihre Forderungen und haben meist schon doppelt so viele Diplome wie ihrer Eltern. Die Kehrseite der Medaille ist allerdings, ob diese Frauen das Erreichte irgendwann fürs Muttersein aufgeben wollen

  • mike am 01.05.2012 14:01 Report Diesen Beitrag melden

    Oh weh

    Das mit Frauen alles besser wird, ist doch ziemlicher Unsinn. War schon mal jemand in eine Grossraumbüro? Die jungs haben es lustig, die Frauen hacken einander die Augen aus. Letztens kam eine Studie raus, dass gutausehnde Frauen nicht eingestellt werden, weil sie schon von den Frauen in der Personalabteilung auf die Seite geschoben werden. Wenn man Frauen zuhört über die arbeit zu sprechen, so wird doch immer nur über andee gelästert ... sorry aber Teamfähigkeit sieht anders aus.

  • Supermario am 01.05.2012 13:21 Report Diesen Beitrag melden

    An alle Neider

    AH hat in ihrem Leben genug geleistet um auch dann und wann politisch etwas polarisieren zu dürfen. Bin persönlich zwar eher gegen jedwelche Quoten; die behindern in der Regel die meisten System eher als sie nützen, ein etwas höherer Frauenanteil im Top-Management würde aber mit Sicherheit nicht schaden. Weiterhin viel Erfolg!

    • Sascha am 01.05.2012 22:46 Report Diesen Beitrag melden

      Neid?

      Das sagten die Könige auch schon, dieser Neid der Sklaven ist ja nicht zum aushalten... :-)

    • Marco Casutt am 02.05.2012 11:59 Report Diesen Beitrag melden

      Ein höherer Frauenanteil

      in der Armee, in Minen und auf Baustellen würde auch kaum schaden. Bloss hört man solche Forderungen äusserst selten. Und interessanterweise niemals von denen, die Frauenquoten im "Top-Management" fordern...

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  • Karl Müller am 01.05.2012 11:14 Report Diesen Beitrag melden

    Quote als Gardine?

    Sie widerspricht sich, indem sie Quoten befürwortet, aber keine Gardinenfrau sein will. Genau das passiert aber mit Quotenfrauen.

    • Supermario am 01.05.2012 19:36 Report Diesen Beitrag melden

      AH und Gardinenfrau?

      AH ist mit Sicherheit keine "Gardinenfrau"; betrachte mal ihr CV, dann wird wohl relativ schnell klar, dass ihre Karriere kaum durch Quoten begünstigt wurde.

    • Rafael am 01.05.2012 21:25 Report Diesen Beitrag melden

      @Supermario

      Und genau deshalb, hätte AH einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den Gardinenfrauen. Eine Quote führt halt nur zu ungleichsein. Das wird doch in jeder Diskussion deutlich, denn es werden nur für Top-Spots Quoten gefordert. Wo bleiben die Quoten für den Strassenbau, die Müllabführ, die Security, etc. pp? Da schreit niemand danach. Genau deshalb ist die Sache ja auch faul. Was gefördert werden muss ist die Gleichstellung. Wo auch immer dies aber politisch machbar ist, ohne die Wirtschaft zu verstaatlichen, sind die Frauen doch kaum benachteiligt worden?

    • Supermario am 01.05.2012 23:14 Report Diesen Beitrag melden

      @Rafael

      Hab an anderer Stelle schon klar gesagt, dass ich keinesfalls Fan von Quoten irgendwelcher Art bin, da kaum systemfördernd. Mit dieser Aussage AH "aufzuhängen" ist genau so einfach, wie auf andere - wohl oder unwohl - erworbene Rechte zu pochen! Gleichstellung in allen Ehren, dann aber bitte beidseitig. Wie stehts denn mit Militärpflicht und Scheidungsrechten???

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  • Karl Müller am 01.05.2012 11:13 Report Diesen Beitrag melden

    Förderung? Gleichberechtigung?

    Der Hammer ist die Aussage, dass es mehr Förderung brauche. Die Grossbanken haben eigens Netzwerke nur für Frauen. Normale Männer bleiben aussen vor....