Schuldenkrise

05. Februar 2011 22:43; Akt: 07.02.2011 17:40 Print

«Wichtig ist, dass Spanien nicht in die Krise läuft»

von Gérard Moinat - Europa hat die Krise hinter sich. Zu diesem Schluss kommt Oliver Adler, Chefökonom der Credit Suisse, in seiner Studie.

storybild

Kundgebung in Irland: Ähnlich dramatische Verwerfungen in Spanien sind unwahrscheinlich. (Bild: Keystone)

Fehler gesehen?

Vor einem Jahr erreichte die Griechenland-Krise ihren ersten Höhepunkt. Die Credit Suisse zieht nun mit einer Studie zum Thema der Staatsverschuldung Bilanz.

Herr Adler, wo stehen wir derzeit in der Eurokrise?
Olivier Adler*: Wir haben die Finanzmarktkrise in Europa weitgehend hinter uns gelassen. Aber es gibt noch viel Arbeit zu erledigen, nicht nur in Europa.

Das heisst?
In vielen Ländern muss die langfristige Defizitproblematik angegangen werden. Vor allem muss die Finanzierung der Sozialwerke und der Altersvorsorge gesichert werden. Es gibt zwar Rezepte der Ökonomen, aber die Wähler und Politiker müssen sich schliesslich auf Lösungen einigen.

Weshalb sind Sie gegenüber Europa jetzt positiver eingestellt?
Weil mit dem Stabilisierungsfonds genügend Mittel zur Verfügung stehen, um kleine Länder wie Griechenland, Portugal und Irland, die in die Schuldenfalle geraten sind, zu unterstützen. Zweitens, weil man sich im Prinzip auf langfristige Reformen der europäischen Finanzarchitektur geeinigt zu haben scheint - was übrigens nicht heisst, dass es nicht zu Abschreibern auf gewissen Staatsanleihen kommen könnte. Das Entscheidende aber ist: Wir glauben, dass Spanien ohne Hilfe auskommt.

Weshalb?
Die Verschuldung in Spanien war zu Beginn der Krise wesentlich geringer als zum Beispiel in Griechenland oder Portugal. Auch hat die Regierung bereits wichtige Massnahmen zur Fiskalsanierung durchgebracht. Hinzu kommt, dass die Bankenproblematik weit weniger dramatisch ist als beispielsweise in Irland.

Worin liegt der Unterschied?
Auch spanische Banken müssen in ihren Bilanzen grosse Verluste verzeichnen. Aber die grossen, führenden Banken stehen relativ gut da. Sie sind am heimischen Immobilienmarkt weniger exponiert und profitieren stark von ihrem Engagement in den Schwellenländern. Allen voran in Lateinamerika, wo sie viel Geld verdienen. Die kleineren inländischen Banken haben zwar nach wie vor sehr grosse Probleme, aber die können finanziert werden und die Sanierung dieser Cajas hat begonnen.

Wieso spielt Spanien in der EU das Zünglein an der Waage?
Weil es so gross ist. Obwohl der europäische Rettungsfonds rein arithmetisch auch Spanien noch helfen könnte, würde mit einem Hilferuf des Landes die Nervosität an den Finanzmärkten rapide steigen. Man würde noch lauter fragen, ob dasselbe nicht mit Belgien oder gar mit Italien geschehen könnte. Deshalb ist es extrem wichtig, dass das grosse Spanien nicht in die Krise läuft.

Ist also auch der Euro über den Berg?
Wir waren immer der Meinung, dass ein Auseinanderbrechen des Euro höchst unwahrscheinlich ist. Davon würde niemand profitieren, die Krise würde nur noch schlimmer. Potenziell war der Euro allerdings bedroht. Aber nachdem nun die schwachen Länder mit ernsthaften Sparmassnahmen begonnen haben und die starken Unterstützung geben, ist das Risiko viel geringer. Wichtig ist auch, dass der Druck auf die Europäische Zentralbank die Banken zu finanzieren abnimmt. So wird die Geldpolitik wieder glaubwürdiger und der Euro kann sich erholen.

Was müsste getan werden, um die ausufernden Schulden künftig in den Griff zu kriegen?
Besonders die strukturellen Ausgabenüberschüsse, die sich beispielsweise durch die staatliche Altersvorsorge ergeben, muss man in den Griff bekommen. Das betrifft viele Länder, nicht nur europäische, und schliesst Anpassungen des effektiven Rentenalters an die Lebenserwartung mit ein.

Und in Europa?
Entscheidend ist vor allem, dass sich die Wettbewerbsposition gewisser Länder nicht nachhaltig verschlechtert, wie dies vor der Krise der Fall war. Vereinfacht gesagt: Die Lohnentwicklung in Ländern muss mit der Produktivitätsentwicklung übereinstimmen. Dann kann auch ein ärmeres Land ein stabiles Mitglied des Euro sein.

Sie sprachen die Einschränkung der Rentenzahlungen an. Heisst das, wir erleben das Anfang vom Ende der europäischen Sozialstaaten?
Nein, sicher nicht! Aber die Sozialausgaben müssen auf eine nachhaltige Basis gestellt werden. Veränderungen sind aber bereits im Gange. Das Gute an jeder Krise ist, dass sie die Diskussion über Reformen in Gang bringt. Eine längere Lebenserwartung ist ja etwas ausserordentlich Gutes; eine starke Gesundheitsversorgung auch. Aber die Finanzierung muss sichergestellt sein. Als Bismarck die Rentenvorsorge einführte, betrug die Lebenserwartung 65 Jahre. So wie die Rentensysteme jetzt kalibriert sind, sind strukturelle Defizite vorprogrammiert.

*Oliver Adler ist Head of Global Economics & Real Estate Research bei der Credit Suisse. Sein Fachgebiet sind globale Konjunkturentwicklungen und Finanzmärkte, insbesondere Themen wie die Schuldenproblematik. Er hat ein Doktorat (Ph.D.) in Volkwirtschaft von der Columbia University, New York.