Junge Erwachsene in Spanien

12. Juni 2011 12:40; Akt: 12.06.2011 15:14 Print

«Wir haben die Nase voll»

von Daniel Woolls, AP - Jung zu sein, ist in Spanien nicht einfach: Die Arbeitslosenquote ist hoch, die Perspektiven sind schlecht. Wer doch einen Job kriegt, wird meist nur befristet angestellt.

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Junge Erwachsene haben in Spanien derzeit wenig zu lachen: Seit Wochen protestieren sie deshalb gegen das politische Establishment. (Bild: Keystone)

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Als Silvia Huelves in Madrid ihr Architekturstudium aufnahm, bekam sie als erstes die Empfehlung, Chinesisch oder Japanisch zu lernen. Denn in Spanien, sagten ihr die Professoren, werde sie so bald nichts bauen. Die Empfehlung war keine Kritik an Huelves' Fähigkeiten, sondern eine Reaktion auf die wirtschaftliche Lage im Land. Dort liegt die Arbeitslosenrate unter 16- bis 24-Jährigen bei 45 Prozent, und der Bausektor liegt nach zweijähriger Rezession am Boden.

Seit Mitte Mai gingen nun vor allem junge Leute in Spanien auf die Strasse und machten mit Protesten auf zentralen Plätzen vieler Städte auf ihre Lage aufmerksam. Schlechte Jobperspektiven und die Tatsache, dass viele aus Finanznot bis ins junge Erwachsenenalter bei den Eltern wohnen müssen, machen ihnen besonders zu schaffen. Die Demonstranten wollten die Proteste am heutigen Sonntag beenden.

Die 19-jährige Architekturstudentin Huelves sagt, ihre Professoren nähmen kein Blatt vor den Mund. «Das erste, was sie sagen ist: 'Sie werden nie Häuser bauen.'» Der Bausektor ist am schwersten von der Wirtschaftskrise in Spanien betroffen, doch haben junge Menschen auch in praktisch allen anderen Bereichen schlechte Aussichten. Gemessen an der Arbeitslosenrate von unter 25-Jährigen erscheint der nationale Durchschnitt von 21,3 Prozent in milderem Licht. Und selbst bei einer erweiterten Spanne bis 29 Jahre liegt die Rate noch bei beachtlichen 35 Prozent. Im EU-Durchschnitt betrug die Arbeitslosenrate der unter 25-Jährigen im März etwa 21 Prozent - weniger als die Hälfte als in Spanien. Und sogar im krisengeschüttelten Griechenland lag sie mit 36 Prozent niedriger.

Ihre Protestlager in den Innenstädten hatten die jungen Spanier über soziale Medien wie Twitter und Facebook organisiert. «Es geht vor allem darum zu zeigen, dass wir die Nase voll haben», sagt Maria Martinez, die sich an dem Protest in Madrid beteiligte. Die 32-Jährige findet, dass sie bislang sogar vergleichsweise Glück hatte: Sie ist erst seit zwei Monaten arbeitslos und hat seit ihrem 18. Lebensjahr gearbeitet, vor allem in Fabriken und Büros - allerdings stets schlecht bezahlt, teilweise ohne Sozialleistungen, und einen Teil ihres Lohns erhielt sie immer unter der Hand.

Arbeitgeber scheuen unbefristete Neueinstellungen

Martinez klagt über konservative Politiker, die dem Entstehen der Immobilienblase zugesehen und sich den Anstieg des Bruttoinlandsprodukts selbst als Verdienst angerechnet hätten, Banken, die von der grosszügigen Vergabe von Krediten profitiert hätten und die gegenwärtige sozialistische Regierung, die beim Platzen der Blase und den desaströsen Folgen 2008 an der Macht war. «Ich gebe gern zu, dass wir spät reagiert und lange geschlafen haben», sagt Martinez.

Ein weiterer arbeitsloser Demonstrant, Pablo Luna, hat einen Abschluss in Geschichte, gerade seinen Master in Journalistik erworben und nach eigener Einschätzung keinerlei Aussicht auf einen Arbeitsplatz. Es komme praktisch nie vor, dass jemand sein Studium beende und anschliessend auf seinem Gebiet direkt einen Job finde, sagt der 27-Jährige. «Von den Leuten, die ich kenne, ist das keinem passiert.»

Die Arbeitsmarktexpertin Gayle Allard von der IE Business School in Madrid sieht einen Teil des Problems in starren, teilweise 30 Jahre alten Arbeitsgesetzen. Es sei teuer, langjährige, ältere oder weniger produktive Mitarbeiter zu entlassen. Arbeitgeber schreckten daher vor unbefristeten Neueinstellungen zurück, sagt Allard. Neue Mitarbeiter erhielten Verträge, die teilweise nur auf wenige Monate befristet seien. In guten Zeiten wurden diese Verträge immer wieder verlängert, seit Beginn der Rezession liessen die Arbeitgeber viele der Verträge einfach auslaufen.

Die Arbeitslosenrate ist daher stark von Konjunkturschwankungen abhängig. Fast ein Drittel aller Arbeitnehmer in Spanien ist mittlerweile befristet eingestellt. Die Arbeitslosenrate hat sich innerhalb von drei Jahren mehr als verdoppelt, und besonders betroffen sind junge Menschen, die oft lediglich 1.000 Euro im Monat verdienen. Im vergangenen Jahr verabschiedete die spanische Regierung Reformen, die Kündigungen erleichterten und die Vergabe von befristeten Verträgen verteuerten. Ziel war, Einstellungen zu fördern und den Arbeitsmarkt zu stabilisieren. Doch Expertin Allard hält die Änderungen für zu zögerlich. Junge Leute, selbst solche mit Sprach- und Computerkenntnissen, seien de facto immer noch vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen.

Kaum Alternativen zum Studium

Dies hat Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft. Spanien hat eine der niedrigsten Geburtsraten in Europa, was zum Teil darauf zurückgeführt wird, dass es so lange dauert, bis junge Leute finanziell auf eigenen Füssen stehen und eine Familie gründen können. «Sie können nicht produktiv werden. Sie können ihre Fähigkeiten nicht anwenden. Sie können nicht sparen. Sie können nicht in ein Haus oder eine Wohnung investieren. Sie können kein Vermögen ansparen, von dem sie in der Zukunft leben können», sagt Allard, eine Amerikanerin, die seit 25 Jahren in Spanien lebt.

Der Wirtschaftswissenschaftler Arcadi Oliveres von der Autonomen Universität in Barcelona weist darauf hin, dass das System der beruflichen Ausbildung als Alternative zum Studium in Spanien im Vergleich zu anderen europäischen Ländern schwach ausgeprägt sei. Dadurch gebe es beispielsweise wenige junge Elektriker, aber Heerscharen akademisch ausgebildeter Wissenschaftler, die dann später in Ausbildungsberufen wie Elektriker arbeiteten, sagt Oliveres. «Anders als die Pyramidenstruktur anderer Länder haben wir hier eine wahre Inflation von Universitätsabsolventen. Als Arbeitsmarktmodell ist das ein bisschen anomal.»

Die 21-jährige Maria Perez steht kurz vor ihrem Abschluss in medizinischer Fussheilkunde an der Madrider Complutense-Universität, aber sie freut sich kaum darüber. Von ihren 20 engsten Freunden und Bekannten hätten nur drei einen Arbeitsplatz, sagt sie. «Es gibt nicht viel Grund zum Feiern, denn du weisst, dass du weiter bei deinen Eltern leben und schliesslich in einem Supermarkt arbeiten wirst.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Heiner Brandenberger, Köniz am 12.06.2011 13:40 Report Diesen Beitrag melden

    Euopäische Revolution, nicht spanische

    Frage, wieso schreibt ihr nur von Spanien, wenn die Jugend in Gesamteuropa auf die Strasse geht, namentlich Spanien, Portugal, Italien, Frankreich, Irland, Island, Tschechien, Ungarn und sogar Deutschland, von Griechenland ganz zu schweigen???

  • schweizer am 12.06.2011 13:48 Report Diesen Beitrag melden

    Das Problem mit den "Gurken"

    Das ist das Problem, wenn man nur auf die "Finanzindustrie" (ein Widerspruch in sich selbst) und auf den Agrasektor mit illegalen Einwanderen aus Nordafrika setzt! So findet keine Wertschöpfung im Lande statt. Übrigens ist das auch die Strategie der SVP in der Schweiz!!!

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  • N.A. am 12.06.2011 15:28 Report Diesen Beitrag melden

    Ratschlag #1

    Steigt aus dem Euro aus, kehrt zurück zum Peseta und lasst diesen abwerten. Ihr könnt hierdurch eine autonome, EU-unabhängige Geldpolitik führen. Ihr werdet zudem konkurrenzfähiger, da euer Peseta durch die Abwertung auf dem internationalen Geldmarkt günstig wird. Hierdurch könnt ihr mehr Waren exportieren und profitiert im Tourismus-Sektor, welche eine Kernkompetenz von Spanien darstellt. Die Abwertung wird auch dafür sorgen, dass die grosse Schuldenlast endlich verschwindet.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Karin am 12.06.2011 23:42 Report Diesen Beitrag melden

    Viva la Revolution!

    Ich frag mich, wie es kommt, dass eine kleine Brücke im Dörfli, die man vor 30 Jahren für 10'000 Fr. hätte bauen können, plötzlich anderthalb Millionen kostet. Da muss man sich echt nicht wundern, wenn alles bachab geht. Auch in der Schweiz wirds noch räbblen. Verlasst euch drauf!

  • Michael am 12.06.2011 18:53 Report Diesen Beitrag melden

    Längere Schul- und Ausbildungs-Zeiten

    einführen, damit die Jugend nicht auf der Strasse steht - Umdenken ist angesagt. Zudem sollte ein obligatorisches Ausland-Jahr in einem Sozial-Hilfswerk absolviert werden.

    • Minni am 13.06.2011 00:23 Report Diesen Beitrag melden

      Schön und gut...

      ...und wer bezahlt das alles?

    • N. A. am 13.06.2011 00:31 Report Diesen Beitrag melden

      Praxis statt Intellektualität

      Hierdurch wird sich der Staat nur noch mehr überschulden und macht die Jugendlichen auch nicht fit für den Arbeitsmarkt. Viel wichtiger ist aus meiner Sicht eine solide Lehrausbildung, wodurch die jungen Menschen auf produktiver Art und Weise einsetzbar sind und auch entsprechend hoch entlöhnt werden.

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  • Gelson am 12.06.2011 16:51 Report Diesen Beitrag melden

    Der Untergang

    Der Untergang Spaniens wurde mit der 1-0 Niederlage gegen die Schweiz eingeläutet!

  • Diego U. am 12.06.2011 16:39 Report Diesen Beitrag melden

    EU - Verursacht

    Betrachtet man mal die Ursache wird vieles Klar. Am Angang der EU war Spanien ein grosser Finanzempfänger. Man bekamm und konnte damit viele Preojekte machen, fast alles Finanzieren. Nun sind diese Quellen versiegt, und man wunder sich. Es ist irgendwie das gleiche wie in Griechenland. Man wacht auf und jammert.

  • N. A. am 12.06.2011 15:45 Report Diesen Beitrag melden

    Ratschlag #4

    Lernt zu sparen! Fördert dies, indem das Vermögen des Mittelstands vor dem Fiskus schützt. Auch der Staatsapparat muss lernen, mit weniger Geld effektiver zu sein. Dazu braucht es jedoch den gemeinsamen Willen, das Übel an der Wurzel anzupacken. Dem masslosen Missbrauch des Staates durch Einzelne muss durch ein absolutes Lobby-Verbot einen Riegel geschoben werden.

    • Monique am 12.06.2011 18:07 Report Diesen Beitrag melden

      @N. A.

      Es ist immer einfacher anderen Ratschläge zu erteilen. Die Spanien brauchen gewiss nicht Ihren Ratschlag. Wie wäre es, wenn wir uns um die eigene Probleme kümmen würden, zumal auch bei uns der Jugend kaum Perspektive mehr hat. Sparen heisst bei uns, sparen stets auf dem Buckel des Mittelstandes, der Rentner, der Invaliden, Sozialhilfeempfänger u. mit Lohndumping, aber nie dort, wo sinnvoll wäre und etwas bringt.

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