Zu wenig innovativ

21. Dezember 2011 22:58; Akt: 22.12.2011 08:32 Print

«Wir haben uns zu lange ausgeruht»

von Désirée Pomper - Tourismusexperte Urs Wagenseil erklärt, warum Österreich die attraktiveren Feriendestinationen hat als die Schweiz, und warum wir uns vor dem osteuropäischen Markt in Acht nehmen müssen.

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Von österreichischen Destinationen geschlagen: Luzern. Tourismusexperte Urs Wagenseil (kleines Bild). (Bild: Fotolia)

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Herr Wagenseil*, warum liegt Luzern bei den erfolgreichsten Destinationen im Alpenraum als erste Schweizer Destination nur auf Platz fünf und Grossarltal in Österreich auf Platz eins?
Urs Wagenseil: In Österreich herrschen die besseren Rahmenbedingungen für den Tourismus: man ist innovativer und kann grössere Investitionen tätigen. In der Schweiz hatten wir hundert Jahre lang bis Mitte 90er Jahren einen florierenden Tourismus. Man hat sich aber zu lange auf den Lorbeeren ausgeruht anstatt die Rahmenbedingungen stetig zu modernisieren. Und: in der Schweiz kämpfen wir mit einem sehr knapp bemessenem Tourismusbudget: national, kantonal und lokal.

Besonders die Schweizer Winterdestinationen schneiden gegenüber den österreichischen Orten schlecht ab. Einzig Zermatt ist unter den Top 15.
Österreich hat bereits anfang der 90er Jahre grosse Investitionen in drei bis vier Sterne Hotels inklusive luxuriöser Wellness- und Sportanlagen getätigt. Viel Geld floss auch in die Bergbahnindustrie, die Beschneiungssicherheit, Erlebnispärke und die Gastronomie. Auch das Après-Ski-Angebot ist beachtlich. Das zahlt sich heute aus und bringt die Schweiz in Bedrängnis.

Wie können sich Schweizer Tourismusgebiete verbessern?
Wir müssen lernen, den Gast zu verstehen und ihm segmentspezifische Produkte anbieten. Das heisst, der indische Gast soll in den Genuss indischen Essens kommen und im Hotelzimmer eines Touristen aus den arabischen Emiraten sollte nicht unbedingt eine Bibel aufliegen. Tourismusgebiete müssen nicht überall top sein, sondern müssen sich thematisch fokussieren und sich so positionieren und einen Brand aufbauen. Etwa so wie Laax, das für eine innovative, junge und moderne Destination steht oder Ischgl, das als Partyort bekannt ist.

Dafür ist die Schweiz eine begehrte Sommerdestination. Luzern liegt auf Platz eins, Engelberg auf Platz vier und Interlaken auf Platz neun. Warum?
Vor allem Städte und stadtnahe Gebiete haben viel investiert für ihre Gäste. Sie sind sehr gut erreichbar und bieten auf kompaktem Raum ein grosses Angebot, wie etwa Luzern. Ausserdem ist der Sommertourismus im Gegensatz zum Wintertourismus internationaler und nicht so abhängig von deutschen Gästen wie Österreich. Wir profitieren unter anderem vom wachsenden asiatischen Markt, der alleine in Luzern im Sommer 2010 rund 44 Prozent der Nachfrage ausmachte.

Welche Herausforderungen erwartet die Schweizer Tourismusdestinationen in den nächsten zwanzig Jahren?
Nicht zu unterschätzen sind osteuropäische Destinationen wie Slowenien, Polen, Tschechien oder die Slowakei, wo zurzeit kräftiger investiert wird. Denn auch dort gibt es schöne Landschaften, aber noch kaum touristische Infrastrukturen. Wenn nur ein Teil der jetzigen Touristen der Schweiz untreu wird und lieber Ferien in Maribor statt in Verbier macht, weht uns ein eisiger Wind entgegen. Noch befinden wir uns im Spitzenfeld. Aber es braucht höchstes Engagement um auf diesem Level weiter zu bestehen.


* Urs Wagenseil lehrt als Professor am Institut für Tourismuswirtschaft ITW in Luzern.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Daniel am 22.12.2011 09:18 Report Diesen Beitrag melden

    Kundenfreundlich ist die Schweiz nicht

    Alle die hier jetzt nach Freundlichem Personal rufen; reklamieren das der Schweizer kein Guter und Angenehmer Gastgeber ist möchte ich doch Fragen ob Ihr in Eurem Job immer Top Kundenfreundlich seit? Nicht nur in der Tourismus Industrie sondern Überall in der Schweiz ist die Bedienung ein Problem. Vom Staatlichen zum Privaten Dienstleister - wenn man irgendwo also Kunde auftritt fängt die leier schon an.

  • Sandra Weiss am 22.12.2011 10:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Siffige Hotels

    Ich war mal in einem Viersterne Wellness Resort in Engelberg. Die Zimmer hatten verrauchte angegraute Möbel aus den 70er Jahren und der Service war grottenschlecht und pure Abzocke. Nie wieder! Ich hätte dem Hotel max einen Stern gegeben! Das Schweizer Sternesystem ist total veraltet (4* weil es einen 40 Jahre alten Fön im Bad hat).

  • Eva Maier am 22.12.2011 07:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Selber schuld

    Zum Teil sind die Orte aber auch überbevölkert, das läd auch nicht unbedingt ein. Zu teuer und manchmal auch unsauber

Die neusten Leser-Kommentare

  • B. S. am 23.12.2011 01:58 Report Diesen Beitrag melden

    Mein Urlaub

    Kärnten ist noch schöner, als die aufgezählten Orte in der Liste, aber halt weiter weg. Trotzdem würd ich nie woanders hin wollen, kanns nur jedem empfehlen.

  • Denise am 22.12.2011 20:50 Report Diesen Beitrag melden

    Dornröschen-Schlaf auf Staatskosten

    Die Turisten-Preis-Struktur ist viel zu teuer - jetzt sollen diese auch ans eingemachte gehen - und nicht nur jammern

  • Christian am 22.12.2011 17:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Billiger und Besser ...

    Andere Schweizer Industrien wissen, wenn man teuerer als die Konkurrenz ist, dann muss man auch viel besser sein. Dummerweise ist Oestereich nicht nur billiger sondern auch in fast allen Belangen besser. Das Resultat wundert mich kein bisschen.

  • jj_cale am 22.12.2011 15:51 Report Diesen Beitrag melden

    Meine Lösung!

    Die Antwort liegt doch auf der Hand wie wir den Tourismus fördern könnten. Wir legalisieren den Konsum von Marihuana. Holland möchte dieses Recht ja eh den Touristen wegnehmen. Wenn wir es jetzt legalisieren wäre Zürich das neue Amsterdam und schon wäre der Tourismus wieder gerettet.

  • René Widmer am 22.12.2011 14:21 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht billiger sondern besser...

    Der Schweiz geht die Gastfreundlichkeit und die Qualität aus. Da wir ein Hochpreisland sind und wohl auch bleiben werden, muss Qualität an erster Stelle sein. Dazu kommt noch Innovation, denn unsere Sehenswürdigkeiten kommen ins Alter. Kreativität ist gefragt! zB Formel 1 in Interlaken, Lift auf den Eiger, ganzjährige Halfpipes etc.