Implenia

11. März 2011 09:00; Akt: 11.03.2011 10:15 Print

«Wir können nur in die Höhe bauen»

von Gérard Moinat - Über den neuen Job des Alt-Bundesrates Leuenberger und über Wolkenkratzer in der Schweiz: Anton Affentranger, Präsident des Bauriesen Implenia, im Interview.

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Anton Affentranger, Verwaltungsratspräsident von Implenia. (Bild: Keystone)

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Der grösste Baukonzern der Schweiz, die Implenia, legt einen Rekordgewinn von 52,5 Millionen Franken vor. Verwaltungsratspräsident Anton Affentranger sprach mit 20 Minuten Online.

Strabag hat schon mehrmals versucht, Implenia zu übernehmen. Mit der Übernahme letzte Woche ist der Konzern noch näher an Sie herangerückt. Fürchten Sie einen erneuten Angriff?
Anton Affentranger*: Nein, überhaupt nicht. Wir finden es gar nicht schlecht, dass Strabag in der Schweiz stärker wird. Für den Markt ist es gut, wenn wir professionelle Konkurrenten haben.

Ist im Kampf um Bauaufträge Ex-Bundesrat Moriz Leuenberger Ihre neue Wunderwaffe, der Anfang April zu Ihnen stösst?
(lacht) Wir brauchen keine Waffen. Und wir brauchen auch keine Wunder. Wenn schon, dann sind unsere 6000 Mitarbeiter unsere Waffe. Herr Leuenberger stärkt lediglich unseren Verwaltungsrat mit Know-how, das er während 15 Jahren als oberster Infrastrukturverantwortlicher der Schweiz gesammelt hat. Er beschäftigte sich dabei mit denselben Themenkreisen, mit denen wir uns beschäftigten.

Was versprechen Sie sich vom Alt-Bundesrat konkret?
Dass er kritisch hinterfragt, was wir machen. Und Inputs liefert. Beispielsweise zu den Themen Infrastruktur und Nachhaltigkeit.

Brauchen Sie also mehr kritische Stimmen in Ihrem Verwaltungsrat?
Wir haben jetzt schon einen sehr kritischen Verwaltungsrat. Aber Herr Leuenberger hat den Erfahrungsschatz eines Verkehrsministers. Den hat niemand von uns.

Kann er Ihnen zu neuen Aufträgen verhelfen?
Es entspricht nicht Herrn Leuenbergers Rolle, Projekte zu akquirieren. Das ist nicht sein Business. Und auch nicht das Business eines Verwaltungsrats. Er wird vor allem in Arbeitsgruppen mitwirken. Aber natürlich werden wir versuchen, sein europäisches Beziehungsnetz anzuzapfen. Wir hoffen, dass er uns konkret sagt: Schaut hier vorbei oder dort.

Verdichtetes Bauen ist für Ihre Branche das Stichwort der Zukunft. Was halten Sie davon?
Schauen Sie, die Situation zeigt sich wie folgt: Wir haben in der Schweiz Bevölkerungswachstum, das heisst einen positiven Migrationssaldo von fast 50 000 Leuten pro Jahr. Das heisst zwar nicht 50 000 neue Wohnungen, aber 50 000 Menschen entsprechen der Grösse einer Stadt wie Lugano. Aber: Es hat keinen Platz — das Land kann man nicht vergrössern. Und wir wollen a priori nicht mehr Zersiedelung. Die einzige mögliche Antwort ist zu verdichten.

Was heisst Verdichtung für Sie?
Es könnte zum Beispiel heissen, näher zusammen zu bauen und Grünflächen aus den Städten auszulagern. Punkto Lebensqualität ist das aber nicht gut. Uns bleibt keine Wahl, ausser in die Höhe zu bauen.

Wo winken neue Projekte?
Wir werden vor allem in Städten und Agglomerationen konkrete Projekte haben, die in die Höhe gehen. Dort, wo bereits gut erschlossen ist. Selbst in der Stadt Zürich gibt es noch zuhauf Potenzial: Während in Genf jeder Einwohner 40 m2 Grundfläche benötigt, sind es in Zürich noch 80 m2. In Luzern sind es 100m2, ausserhalb der Städte 150 bis 200 m2.

Wie viel Urbanität verträgt die Schweiz noch?
Ja, was ist denn die Alternative? Wenn wir nicht verdichten, können wir nicht mehr wachsen. Wir können nicht noch mehr Villas in den Agglomerationen und Verkehrszusammenbruch in den Städten ertragen. Geht man von einem steigenden Bevölkerungswachstum aus, dann müssen wir eine klare Strategie fahren. Es gibt die Strategie ohne Regeln. Und es gibt diejenige, dass man das Wachstum planen muss, verdichten muss. Wir sind überzeugt, dass es noch Orte gibt, wo man verdichten kann, ohne den Urbanitätscharakter zu ändern. Da können wir als Baukonzern eine zentrale Rolle spielen.

Besteht nicht die Gefahr, dass die Schweiz bald zu einer einzigen Betonlandschaft verkommt?
Nein, genau das wollen wir vermeiden. Wir wollen, dass ein möglichst grosser Teil der Schweiz grün bleibt. Das erreichen wir damit, dass wir dort verdichten, wo wir eh schon eine gute Erschliessung mit öffentlichen Verkehrsmitteln haben.

Sie waren lange Zeit Banker. Seit 2006 sind Sie Chef eines Baukonzerns. Haben Sie auch selbst schon einmal Hand angelegt?
Ich selbst auf den Implenia-Baustellen?

Ja.
Nein, das habe ich nicht. Ich war schon unzählige Male vor Ort, aber angepackt habe ich noch nie. Ich habe grossen Respekt vor unseren Mitarbeitenden an der Front, die jeden Tag mit ihrer Arbeitskraft zum Konzernerfolg beitragen.

*Anton Affentranger ist seit März 2006 Präsident und war von April 2009 bis August 2010 als exekutives Mitglied des Verwaltungsrates gleichzeitig CEO. Seit September 2010 nimmt Hanspeter Fässler diese Rolle wahr. Vor seiner Zeit bei Implenia war Affentranger für die UBS in New York, Hongkong und Genf tätig sowie in der Generaldirektion in Zürich. Er war Partner und CEO der Privatbank Lombard Odier & Cie und CFO der Roche Holding AG.