Job ohne Homeoffice

23. März 2020 09:51; Akt: 23.03.2020 09:51 Print

«Wir sind dem Virus ausgeliefert»

Besonders für gefährdete Personen ist es schwierig, noch am Arbeitsplatz zu arbeiten. Allerdings können sie jetzt dazu aufgefordert werden.

Rechtsanwalt Boris Etter von Jobanwalt.ch beurteilt die Anpassungen der Coronavirus-Verordnung. (Video: Boris Etter)
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Am Wochenende hat der Bund die Verordnung über Massnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus angepasst – darunter auch den Artikel zu den Pflichten der Arbeitgeber: Neu können auch besonders gefährdete Personen angehalten werden, weiterhin an den Arbeitsplatz zu kommen.

Voraussetzung ist die Einhaltung von Hygienemassnahmen und Abstand. «Aus Angst zu Hause bleiben, ist arbeitsrechtlich nicht zulässig», erklärt Rechtsanwalt Boris Etter (s. Video oben). Daniel Uebersax, Leiter des arbeitsmedizinischen Diensts von Prevomed, und sein Team geben den Lesern Tipps:

Leandra, Schreinerin: «Ich arbeite in einer Schreinerei, wo es keiner wirklich ernst nimmt. Der Lehrling kommt täglich mit dem ÖV und wir treffen keine Hygienemassnahmen noch halten wir zwei Meter Abstand, weil es auch manchmal nicht möglich ist. Ich möchte nicht noch andere Leute anstecken und finde es einfach gefährlich in meiner Firma.»
Arbeitsmediziner: «Das Benutzen des ÖV ist grundsätzlich nicht verboten. Doch ist das hier wohl das kleinste Problem. Der Arbeitgeber scheint bewusst das Risiko einzugehen, dass die Belegschaft krank wird. Leandra sollte im Betrieb die Initiative ergreifen und ihre Sorge um ihre Gesundheit und die der anderen ansprechen. Vor allem sollte Leandra sicherstellen, dass sie persönlich die Schutzmassnahmen im Betrieb umsetzen kann. Wird dies nicht ermöglicht, würde es Sinn ergeben, den Kantonsarzt auf den fehlbaren Arbeitgeber aufmerksam zu machen.»

N., Sozialpädagogin: «Ich habe Asthma und arbeite in einem Kinderheim. Zwei Meter Distanz sind unmöglich einzuhalten. Die Kinder werden unter der Woche betreut und reisen am Wochenende nach Hause. Das bringt viel Bewegung und erhöht das Risiko. Die Ausgangslage macht mir Angst und ich gehe mit einem mulmigen Gefühl zur Arbeit.»
Arbeitsmediziner: «Der Arbeitgeber müsste der Mitarbeiterin die Möglichkeit einer administrativen Aufgabe ermöglichen oder die Sicherheitsabstände zu den Kindern und Arbeitskollegen sowie Schutzmassnahmen wie eine Maske garantieren. Allenfalls sind etwa Nachtdienste vorzuziehen, da in dieser Arbeitszeit weniger Interaktionen mit den Kindern stattfinden.»

Anyonym, Kioskverkäuferin: «Ich bin 68 und muss am Kiosk fremde Handys anfassen – zum Einlesen des ganzen Lotteriewesens. Dabei heisst es, man soll ab 65 zu Hause bleiben.»
Arbeitsmediziner: «Ist die Mitarbeiterin angestellt, so wäre es am Arbeitgeber, sie nach Hause zu schicken. Ist die Verkäuferin hingegen selbstständig, ist es verständlich, dass sie ihrer existenziellen Sicherung nachgehen muss. Am Kiosk sollte sichergestellt sein, dass zwischen ihr und den Kunden ein Abstand von zwei Meter besteht. Im Fall der Handys sollte die Verkäuferin Schutzhandschuhe tragen, diese aber hin und wieder wechseln und sich nicht ins Gesicht fassen.»

Rolf, Busmechaniker: «Wir haben zwar alle Merkblätter zum Coronavirus in der Werkstatt aufgehängt. Aber die soziale Distanz kann nicht eingehalten werden, denn zwei Hände reichen für diverse Arbeiten nicht. Die enge Zusammenarbeit zwischen Werkstatt-, Büropersonal und Chauffeuren gefährdet alle im Betrieb.»
Arbeitsmediziner: «Wenn Rolf nicht zu einer Risikogruppe gehört, kann ihm seine Arbeit mit gewissen Schutzmassnahmen zugemutet werden. So sollten die Arbeitsschritte von kurzer Dauer sein und bei der engen Zusammenarbeit von allen eine Maske und Handschuhe getragen werden. Zudem muss besonders in solchen Betrieben sichergestellt werden, dass die Pausenräume nicht mehr als fünf Personen zulassen und der Sicherheitsabstand ermöglicht wird.»

Christoph, Taxifahrer: «Im Taxi kann der Sicherheitsabstand nicht eingehalten werden. Wir transportieren täglich Unbekannte oder Kranke – wir sind dem Virus ausgeliefert.»
Arbeitsmediziner: «Idealerweise sollte eine Fahrt, bei der der Abstand nicht eingehalten wird, nicht über 15 Minuten dauern. Es ist sicher nicht verboten, den Kunden freundlich nach seinem Zustand zu befragen. Speziell hustende Kunden sollten im Idealfall eine Maske tragen. Taxifahrer, die über einen trockenen Reizhusten oder Halsschmerzen klagen, sollten bis nach Abklingen der Symptome ebenso nicht ihrer Arbeit nachgehen. Eine regelmässige Scheuer-Wischdesinfektion des Innenbereichs wäre zusätzlich sinnvoll.»

(rkn)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Risikopatient am 22.03.2020 11:04 Report Diesen Beitrag melden

    Gesundheit zweitrangig

    Hauptsach de Rubel rollt -.-

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  • Arbeiter am 22.03.2020 11:06 Report Diesen Beitrag melden

    Ach süss

    Die Theoretiker wieder in ihren gemütlichen Büros wieder. Steht mal auf und geht zu euren Arbeitern,die euren Lohn erarbeiten.Dann seht ihr bald,das es nur geschwetz ist und nicht umsetzbar ist.

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  • Benjamin Kurz am 22.03.2020 11:04 Report Diesen Beitrag melden

    Kanalreiniger

    Ich arbeite als Kanalreiniger. Laut Verband Schweizer Abwasser- und Gewässerschutzfachleute (VSA) ist die Gefahr durch Ansteckung von Fäkalien NICHT bestätigt. Seit Freitag arbeiten wir mit Atemschutz Masken. Man soll keine Ansteckung bekommen von Abwasser aber Atemschutz ist zwingen zu gebrauchen. Wer lügt uns an? Wie gefärdet sind wir im Job? Ich fühl mich wirklich unsicher

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Tobi... am 01.04.2020 06:12 Report Diesen Beitrag melden

    Nun kommen sie....

    Seit Wochen nichts von denen gehört und nun kommen sie aus den Startlöcher und wollen den Bund zwingen dessen laufende Strategie über den Haufen werfen, um schnellstmöglichst zur Normalität zurückzukehren. Es brauche Jahre um den Wirtschaftlichen Schaden Wett zu machen. Das mag stimmen aber Tot ist man nur einmal. Die Blochers, Muratello und Co haben keine Ängste an Coronavirus zu erkranken, nein sie befürchten, dass sie sich in weniger Geld suhlen können. Versteckt euch schön in euren Einzebüros aber denkt daran einmal nicht aufgepasst und der Virus hat auch euch am Fecken. Geld hilft nicht.

  • Anton am 30.03.2020 05:23 Report Diesen Beitrag melden

    Enttäuscht vom Bund.

    Also bei allem Respekt, dass ist sehr schwer Nachvollziehbar, was der Bund nun beschlossen hat, Risikopatienten müssen zurück an die Arbeit. Wenn diese sich Anstecken sind ihre Überlebenschancen gleich NULL. Ein solcher Entscheid ist mehr als Fahrlässig und zeigt mir, dass für den Bund GELD über dem Leben eines Menschen steht.

    • Sepp am 30.03.2020 06:37 Report Diesen Beitrag melden

      Dezimierung von Kranken...

      Ist wohl mit den KK Bossen so abgesprochen, damit wenn sie sich Anstecken das Zeitliche segnen und vom Tropf der KK gestrichen werden können, das wird für Bund und KK ein Gewinn sein. Auf den wenigsten Baustellen, Arbeitsplätzen können die BAG Vorschriften eingehalten werden da arbeitet man eng zusammen aber das können Seselkleber nicht wissen, da die von Körperlicher Arbeit Null Ahnung haben. Dieser Entscheid vom Bund hat mit Schutz des Volks nichts zu tun, das ist nur Dezimierung von Kranken angeschlagenen MENSCHEN.

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  • Tobi am 27.03.2020 17:43 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Einheit in Bern Wischi Waschi Glump...

    Und wieder so Wischi Waschi Entscheidung, jeder Kanton kann Branschen Stillegen wie er will so ein Schmaren. Da ist einfach keine Einheit im Bund entweder man mach 2 Wochen Dicht und schaut, wie sich entwickelt aber so ist ein Durchpröbeln bis geht nicht mehr. Und wenn es den Staat 100 Milliarden oder noch mehr kostet, da muss man Nägel mit Kopf machen, ansonsten brauchen keine Schutzmassnahmen mehr, nur noch Leichensäcke. Seit Wochen wissen die in Bern nicht was sie tun und wenn zumindest ein Haufen Schrott.

  • Max am 26.03.2020 21:01 Report Diesen Beitrag melden

    Ja wo sind sie denn

    Wo sind eigentlich die Parlamentarier, gehören die zu den Höchst Schützenswerten VIP Personen und dürfen zum vollen Lohn die Socken hoch lagern und nach Krise im Bundeshaus Kaviar und Sekt Schlürfen. Kommt sofort auf den Bau und reinigt laufent die verschiessenen Toi Toi.

  • Mutter am 26.03.2020 12:42 Report Diesen Beitrag melden

    In meinen Fussstapfen

    Meine Tochter hat den selben Beruf gewählt wie ich einst. Sie arbeitet mit Leib und Seele in der Pflege. Wochenend, Füh, Spät oder Feiertagsschicht sind für sie kein Thema. Das einzig Negative ist die relativ schlechte Bezahlung trotz hoher Leistung. Jetzt in der Coronakrise lernt der BR hoffentlich endlich das Pflegepersonal verdient zu schätzen und zeigt das auch mal mit Taten. Nicht die Sesselpupser verdienen dauernd überrissene Bonis, sondern eher hart arbeitende Menschen an der "Front". Ich wünsche allem medizinischen Personal und seinen zahlreichen Helfern immer die notwendige Kraft!