Vorsorgesystem

21. Januar 2019 13:33; Akt: 21.01.2019 15:52 Print

«Wir sitzen auf einer finanziellen Zeitbombe»

von S. Spaeth - Die Jüngeren zahlen zu viel für die Älteren: Helvetia-CEO Philipp Gmür warnt vor dem Kollaps des Rentensystems. Ein Gespräch übers Wursteln der Politik, das WEF und Wintersport.

Helvetia-CEO Philipp Gmür im Interview mit 20 Minuten. (Video: sas)
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Reisen Sie diese Woche noch ans WEF?
Ich gehe nicht ans WEF und war auch noch nie dort. Präsent bin ich jeweils am Swiss Economic Forum. Das WEF ist sicher wichtig. Aber die Mächtigen dieser Welt können auch diskutieren, ohne dass ich zuhöre.

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Was muss sich im Schweizer Rentensystem ändern?

Das WEF wäre doch gut, um die eigene Bedeutung zu unterstreichen …
Ich will mich nicht im Glanz anderer sonnen. Man muss als Manager darauf achten, sich nicht darüber zu definieren, an welchen Anlässen man teilnimmt. Helvetia dienen andere Veranstaltungen mehr. Ich war letzte Woche zum Beispiel am World Web Forum in Zürich.

Sie haben eine lange Helvetia-Karriere hinter sich: Eintritt 1993, CEO wurden Sie dann 2016. Für einen Topmanager ist eine solche Unternehmenstreue ungewöhnlich.
Ich hatte nie die Perspektive, so lange zu bleiben. Helvetia hat sich stets gewandelt, so bekam ich immer wieder die Chance, neue Aufgaben zu übernehmen. Dass Manager ihren Arbeitgeber wechseln, liegt auch daran, dass sie gestalten wollen. Ist das nicht mehr möglich, ziehen sie weiter. Im langfristigen Versicherungsgeschäft ist es aber gut, Leute an Bord zu haben, die auch eine längerfristige Perspektive haben und nicht nur Ziele ankündigen, sondern die Resultate auch liefern.

Geht es so weiter, werden in 15 Jahren zwei aktiv Versicherte einen Rentner finanzieren müssen.

Besteht die Gefahr, dass man als intern aufgestiegener CEO vor ganz harten Massnahmen zurückschreckt?
Der erste Schritt ist die Einsicht, dass dieses Risiko besteht. Ich selber musste auch schon harte Personalentscheide treffen und Leute entlassen. Ein interner Chef macht dies wohl mit mehr Augenmass. Am Ende zählt aber nur der Erfolg. Da spielt es keine Rolle, woher man kommt.

Wechseln wir das Thema: Werden die heute 25-Jährigen im Jahr 2060 noch eine AHV und 2. Säule haben, die zum Leben reicht?
Es braucht dringend Anpassungen. Wir sitzen auf einer finanziellen und gesellschaftspolitischen Zeitbombe. Wir leben einerseits auf Pump, andererseits wird der Gesellschaftsvertrag überstrapaziert. Bei Einführung der AHV 1948 hatten wir im System 6,5 Berufstätige, die einem Rentner gegenüberstanden, vor 10 Jahren waren es 3,5 Berufstätige pro Rentner. Geht es so weiter, werden in 15 Jahren zwei aktiv Versicherte einen Rentner finanzieren müssen.

Wie wollen Sie den System-Kollaps aufhalten?
Wir müssen sofort das Rentenalter von Mann und Frau auf 65 Jahre angleichen, die Beiträge erhöhen und die Leistungen für zukünftige Rentner der gestiegenen Lebenserwartung anpassen. Das geht vor allem über eine Reduktion des Umwandlungssatzes im BVG von 6,8 auf 6 Prozent. Zudem braucht es eine Entpolitisierung der Mindestverzinsung der Pensionskassenguthaben.

Sie warnen zwar, lassen aber die Politiker wursteln. Ihre Branche tut zu wenig.
Wir klären auf und schenken den Leuten reinen Wein ein. Wir sind aber nur Ausführende. Bei der letzten Rentenreform-Abstimmung 2017 fanden wir seitens Helvetia die Lösung mit den 70 Franken zusätzlicher AHV-Rente zwar nicht perfekt, setzten uns aber trotzdem für ein Ja ein. Das Volk schickte die Vorlage bachab. Die Politiker, die uns damals eine bessere Lösung versprachen, sind vor allem im BVG keinen Schritt weiter gekommen. Und im Wahljahr ist das auch nicht zu erwarten.

Im Wahljahr ist das auch nicht zu erwarten.

Erschwerend für unser Vorsorgesystem sind die Negativzinsen …
Die Negativzinsen sind ärgerlich, für die Versicherten und für uns als Versicherer. Helvetia zahlt jährlich einen kleinen einstelligen Millionenbetrag. Die Schwierigkeit ist es, trotz dieses tiefen Zinsumfeldes positive Renditen zu erzielen. Das machen wir verstärkt über Immobilienanlagen und Hypotheken.

Sollte SNB-Präsident Thomas Jordan endlich die Negativzinsen zurückfahren?
Ich sähe lieber höhere Zinsen. Ich hüte mich aber davor, Thomas Jordan Tipps zu geben. Unter dem Strich ist die Schweiz mit ihrer Geldpolitik gut gefahren.

Seit Jahren engagiert sich Helvetia gross im Schneesport. Wie lange wollen Sie das noch weitermachen?
Wir sehen das als langfristiges Investment und haben 2016 den Vertrag mit Swiss Ski um weitere fünf Jahre verlängert. Das kostet uns 2,5 bis 3 Millionen Franken jährlich. Dazu sponsern wir einzelne Athleten. Es geht uns aber nicht nur um Spitzensport. Wir engagieren uns auch im Breitensport und im Nachwuchs.

Einer Ihrer Athleten ist Skispringer Simon Ammann. Leiden Sie mit, wenn es ihm nicht läuft?
Ja, ich leide mit. Zu den Athleten, die wir zusätzlich sponsern, haben wir eine besondere Beziehung. Simon Ammann trat auch schon an internen Anlässen auf. Grundsätzlich gilt: Mir ist es wichtig ist, dass ein Schweizer gewinnt. Aber noch mehr freut mich, wenn es ein Helvetia-Athlet ist.

Haben Sie nicht zu lange auf Simon Ammann gesetzt? Leider kommt er wohl nicht mehr an seine Bestweiten heran.
Helvetia lässt einen Athleten, mit dem man grosse Erfolge gefeiert hat, nicht einfach fallen. Man muss auch Krisen aushalten können.

Ihre Frau ist CVP-Nationalrätin Andrea Gmür-Schönenberger. Sie hat kürzlich das Parlamentarier-Skirennen gewonnen. Können Sie mithalten?
Sie ist zwar etwas schneller als ich auf den Ski. Aber sie muss auch nicht sehr lange auf mich warten.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mike am 21.01.2019 13:45 Report Diesen Beitrag melden

    Unsinn...

    Die Jungen bezahlen nicht zu viel für die Alten. Wir alle bezahlen zu viel für Manager, CEO's, Verwaltungsräte, Kapitalgeber etc.

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  • Herr Max Bänzli Live am Kääffele am 21.01.2019 13:42 Report Diesen Beitrag melden

    genau

    Ein Gespräch übers Wursteln und Schulmeistern der Politik bringt nichts, die Politik verursacht die Probleme selber und Jahre Später bringen die ein lumpige Lösung.

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  • Immoralist am 21.01.2019 13:44 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    20 Jahre

    Ich mache mir schon sorgen um meine Zukunft. Schon jetzt steht es nicht gut um die AHV. Schwierig zu sagen, ob ich in 45 Jahren überhaupt noch Geld von meiner Altervorsorge erhalte. Hoffe man findet in nächster Zukunft eine Vernünftige Reform unseres Vorsorgesystems.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Christoph am 21.02.2019 08:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Anpassung an geltende Gesellschaftsnornen

    Die AHV ist gesellschaftlich gesehen, im Jahr 1948 stehen geblieben. Der Mann geht arbeiten, vom Lohn gehen % in die AHV. Im Erlebensfall wird eine begrenzte Ehepaarrente ausbezahlt. Die Gesellschaft hat sich seither total geändert Gleiche Rechte für Mann und Frau, Ausbildung). Die Frauen arbeiten oft mit, die Haushalte zahlen dadurch zusammen beide ihre Beiträge. Dennoch wird die Rente der Ehepaare gekürzt. Dies ist eine Art Unterschlagung und Zweckentfremdung. Weshalb wird dies bewusst ausgeblendet?

  • Rumpelstilzli am 01.02.2019 12:59 Report Diesen Beitrag melden

    Unsere AHV wird verschenkt

    Das Problem ist hausgemacht. Der Zenit des immer Älterwerdens ist längst überschritten, nach den Babyboomern müsste sich die Lage eigentlich entschärfen. Der Bund soll endlich Farbe bekennen und vollumfänglich für seine x-tausend Gäste aufkommen und nicht an den dem vom arbeitenden Volk gefüllten AHV-Topf hängen - inklusive Ergänzungsleistungen und meist mehrfacher Kindergutschriften.

  • mäxu am 28.01.2019 12:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ab Jetzt....

    Auch CEO sind eine Belastung für die Pensionskassen.......! Auf den halben Preis senken.

    • Xeno72 am 29.01.2019 20:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @mäxu

      Nein, ist völlig neutral, der versicherten Lohnhöhe entsprechen ja Beiträge.

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  • Maus am 27.01.2019 20:51 Report Diesen Beitrag melden

    Alter

    Kann ich was an der demographischen Entwicklung dafür?!

  • W.Kern am 24.01.2019 13:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Prämien der AHV übertragen

    Lieber Herr Philippe Gmür. Komisch, dass sie die Zukunft so düster sehen. Hätten sie dies vor Einführung der 2. Säule 1985 gemacht, hätte die Bevölkerung dem Obligarium nicht zugestimmt. Die Versprechen der Versicherungen waren eindeutig. Heute hetzt man junge Versicherte gegen Rentner, als ob wir verantwortlich wären und ein schlechtes Gewissen haben sollten, weil die Versicherungen sich nicht mehr an ihre Versprechen halten möchten. Ich schlage vor, sie überweisen alle erhaltene Prämien an die AHV und überlassen die Renten Berechnung und Auszahlung der AHV.

    • Xeno72 am 27.01.2019 01:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      lach@W.Kern

      Wenn er Prämien an die AHV überweisen würde, wäre das Veruntreuung, auch wenn die AHV das Geld ja natürlich gar nicht annehmen dürfte.

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