Neue Einblicke

09. Januar 2012 19:18; Akt: 10.01.2012 09:32 Print

Über dieses Mail stolperte Hildebrand

von Martin Lüscher - Gleichzeitig mit seinem Rücktritt veröffentlicht Philipp Hildebrand neue Dokumente. Es war eine Flucht nach vorne. Die Schriftstücke hätten den SNB-Präsidenten wohl so oder so gestürzt.

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Zeitgleich mit seinem Rücktritt liess Philipp Hildebrand eine Reihe von Dokumenten rund um die umstrittene Devisen-Transaktion vom 15. August 2011 veröffentlichen. Das heikelste Dokument ist der Bericht von Hildebrands Kundenberater Felix Scheuber. Es war bislang unbekannt. Es bezieht sich auf einen Kontakt vom 15. August 2011 zwischen Scheuber und Philipp Hildebrand, … … während dem der damalige SNB-Präsident gegenüber Scheuber sagt, er solle es in Betracht ziehen, den Vermögensanteil der Hildebrands in US-Dollar zu erhöhen. Er [Hildebrand] überlasse die Entscheidung aber seiner Frau Kashya. Diese hat der Sarasin-Banker später in ihrem Geschäft besucht. Sie sei von der Idee begeistert gewesen, schreibt Scheuber weiter. Sie hätten sich darauf geeinigt, dass Kashya ihm später eine E-Mail mit ihren Wünschen schreiben werde. Dieses E-Mail schickte Kashya Hildebrand am selben Tag um 13.20 Uhr an Scheuber: «Lieber Felix, wie besprochen möchten wir unsere FX-Position von 31 auf 50 Prozent erhöhen.» Die Nachricht wurde bereits von der Sonntagspresse veröffentlicht - und stellt für sich alleine Hildebrand in ein gutes Licht. Nun veröffentlicht Hildebrand den gesamten Mailverkehr. Aber auch seine Antwort wurde bereits letztes Wochenende der Sonntagspresse zugespielt. Am nächsten Morgen, 7.36 Uhr, schreibt Philipp Hildebrand an Scheuber und seine Frau: «Lieber Felix, liebe Kashya, […] Ich bin erstaunt über die Dollar-Transaktion. Wir haben gestern nie irgendwelche Dollar-Käufe diskutiert.» Diese Aussage ist nach der Veröffentlichung der Kundennotizen von Felix Scheuber zumindest fragwürdig. Hildebrand zieht in dem Mail seine Konsequenzen: «Aus Gründen der Compliance (interne Kontrolle) seid ihr künftig nicht mehr berechtigt, Devisentransaktionen auszuführen, es sei denn, der Auftrag kommt von mir oder ich bestätige ihn.» Der SNB-Präsident schickt eine Kopie des Mails an den SNB-Rechtskonsulanten Hans Kuhn. Scheuber bestätigt 24 Minuten später den Erhalt des E-Mails und zeigt sich erstaunt: «Ich erinnere mich an deine gestrige Aussage, dass wenn Kashya den Dollar-Anteil erhöhen wolle, dann sei das für dich in Ordnung.» Der Leiter Recht und Dienste der SNB, Hans Kuhn, hinterlässt eine Aktennotiz: «Mit PMH [Philipp Hildebrand] besprochen; aus meiner Sicht kein Handlungsbedarf, aber sicherstellen, dass keine Wiederholung.» Dabei dürfte sich um die umstrittene Transaktion vom 15. August handeln, von der Kuhn durch die E-Mail von Hildebrand Kenntnis hatte. Am 9. Januar bestätigt Hildebrands Kundenberater Felix Scheuber, dass Kashya Hildebrand ihm den Auftrag zur Transaktion … … «in ihrer Galerie aus eigener Initiative mündlich erteilt wurde.» Von Philipp Hilderbrand und seiner De-Facto-Freigabe zuvor ist in seinem Brief keine Rede. Fazit: _ Hildebrand gibt laut Angaben seines Bankberaters Felix Scheuber am selben Tag, an dem seine Frau den umstrittenen Dollarkauf in Auftrag gab, grünes Licht für allfällige Dollarkäufe. _ Hildebrand rügt Scheuber einen Tag später wegen eben diesen Transaktionen, worauf ihn dieser an seine Aussagen vom Vortag erinnert. _ Trotz des Disputes stellt Scheuber dem SNB-Präsidenten im Januar einen Persilschein aus, der seine Freigabe zu Dollartransaktion verschweigt.

Zum Thema
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«Das erleichtert natürlich die Geschichte nicht», sagte der Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB) mit Blick auf die beiden Schriftstücke, die nach seiner Darstellung nach der Medienkonferenz vom letzten Donnerstag auftauchten. In der Tat: Die Dokumente stellen Hildebrands bisherige Aussagen in Frage.

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Beide Dokumente drehen sich um die zentrale Frage, wer den Auftrag für den Kauf von 504 000 Dollar am vergangenen 15. August gegeben hat. Hildebrand beharrt weiterhin auf seiner Darstellung, wonach es seine Frau Kashya war und er erst tags darauf von dem Geschäft erfuhr. Laut Angaben seines Bankberaters Felix Scheuber hat der damalige SNB-Präsident für Dollartransaktionen jedoch grundsätzlich grünes Licht gegeben. Dies geht aus einer E-Mail und einer Aktennotiz des Sarasin-Kundenberaters hervor.

Mit dem E-Mail reagierte Bankberater Scheuber am 16. August um 08.00 Uhr auf eine E-Mail-Nachricht, die ihn 24 Minuten zuvor von Hildebrand erreicht hatte. Darin zeigt sich der SNB-Präsident überrascht über die Dollartransaktion und wies den Berater an, künftig ohne seine Anweisung oder Bestätigung keine Währungsgeschäfte mehr auszuführen. Hildebrand verwies mit Kopie an den SNB-Chefjuristen und an seine Frau auch auf das SNB-Reglement über Eigengeschäfte. Dieses Mail von Hildebrand wurde denn auch der Sonntagspresse zugespielt, samt einem Mail seiner Frau Kashya, das bestätigt, dass sie die Transaktion in Auftrag gegeben hat.

Die verschwiegene Antwort

Die Antwort Scheubers, die in den Sonntagsmedien nicht auftauchte, lautet wie folgt: «Lieber Philipp, ich habe von dem, was Du unten sagst, gebührend Kenntnis genommen. Ich habe und werde auch die geltenden Handelsregeln der SNB beachten, von denen Du mir früher in diesem Jahr eine Kopie ausgehändigt hast. Was den aktuellen Dollar-Kaufauftrag betrifft: Ja, Kashya gab mir den mündlichen Auftrag, gefolgt von einem späteren E-Mail. Ich erinnere mich auch an Deine Aussage in unserer gestrigen Konversation, dass es für Dich in Ordnung sei, falls Kashya das US-Dollar-Exposure erhöhen will. Beste Grüsse, Felix.»

Die Aktennotiz betrifft das Gespräch, das Hildebrand am 15. August mit seinem Kundenberater geführt hat. Darin hält der Sarasin-Banker unter anderem fest: «Wir haben allgemein über die weltweiten Finanzmärkte sowie über die Aktien- und Devisenmärkte im Besonderen diskutiert.» Unter den Punkten, die Hildebrand ihm in Auftrag gegeben hat, schreibt Scheuber neben den bereits bekannten Aktienkäufen wörtlich: «Erwägen, sein Dollar-Exposure zu erhöhen, aber er wird dies seiner Frau Kashya zum Entscheid überlassen. Später habe ich Kashya in ihrem Büro besucht und sie war sehr interessiert, das zu tun.» Stimmen die Angaben Scheubers, stellt Hildebrand hier einen Freibrief für Dollartransaktionen seiner Frau Kashya aus.

Bankberater Scheuber verschweigt Disput

Beide Dokumente wurden zusammen mit der Rücktrittserklärung heute auf der Webseite der Nationalbank veröffentlicht. Ebenso wie eine briefliche Erklärung des Sarasin-Beraters mit Datum von heute Montag, worin Scheuber dem Hildebrand-Anwalt Peter Nobel versichert, dass ihm der Auftrag für den Dollarkauf von Kashya Hildebrand «aus eigener Initiative mündlich» erteilt worden sei. Scheuber verschweigt darin den Disput zwischen ihm und Hildebrand über die grundsätzliche Freigabe für Dollarkäufe.

Was passiert wäre, wenn diese Dokumente vorzeitig an die Öffentlichkeit gelangt wären, darüber lässt sich nur spekulieren. Hildebrands Situation wäre aber kaum komfortabler geworden. Insofern dürfte der SNB-Präsident die Notbremse gezogen haben, als er am Montag seinen Rücktritt einreichte. «Ich kann es nicht ein für alle Male beweisen, dass es so war, wie ich es erzählt habe», sagte er an der Medienkonferenz.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Rico am 10.01.2012 10:02 Report Diesen Beitrag melden

    Frechheit

    Abgesehen von dieser ganzen Geschichte hat sich jemand schon mal das Folgende gefragt: Wieso nimmt sich der Chef der schweizerischen Notenbank, welcher über 1 Mio. Jahresgehalt (Steuergeld) bezieht, das Recht heraus, während der Arbeitszeit private Finanzgeschäfte mit seinem Anlagenberater zu diskutieren? Ich vielen Geschäften sind private Konversationen, insbesondere private Geschäfte während der Arbeitszeit STRIKTE untersagt. Nur so als Denkanstoss! Und Nein ich komme nicht von rechten Flügel.

  • Was Kommt noch? am 11.01.2012 20:10 Report Diesen Beitrag melden

    Hildebrand und auch seine Frau

    mussten als Fachleute die Brisanz ihrer Spekulation genau kennen, sie als ex. Bankerin und er in seiner Position als Chef der Nationalbank, sonst wäre er die falsche Besetzung für sein Amt gewesen.

  • Andreas Grolimund am 10.01.2012 12:37 Report Diesen Beitrag melden

    Hildebrand musste gehen...

    nicht weil er etwas widerrechtliches getan hat sondern weil er doch spekuliert hat. Hildebrand war offensichtlich von Anfang klar wie brisant diese Transaktion war. Sein widersprüchliches Mail an seinen Kundenberater ist sonst nicht zu erklären. Er hätte die Angelegenheit sauber erledigen können. Am nächsten Tag die Transaktion rückgängig machen, Thema erledigt. Das hätte ich von Hildebrand so integer er sich selber sieht erwartet!!! Er hat aber dann doch lieber zugewartet und Gewinn eingestrichen. Nicht die Transaktion sondern dieses Verhalten mach für mich diesen Mann fragwürdig!!!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Was Kommt noch? am 11.01.2012 20:10 Report Diesen Beitrag melden

    Hildebrand und auch seine Frau

    mussten als Fachleute die Brisanz ihrer Spekulation genau kennen, sie als ex. Bankerin und er in seiner Position als Chef der Nationalbank, sonst wäre er die falsche Besetzung für sein Amt gewesen.

  • Andreas Grolimund am 10.01.2012 12:37 Report Diesen Beitrag melden

    Hildebrand musste gehen...

    nicht weil er etwas widerrechtliches getan hat sondern weil er doch spekuliert hat. Hildebrand war offensichtlich von Anfang klar wie brisant diese Transaktion war. Sein widersprüchliches Mail an seinen Kundenberater ist sonst nicht zu erklären. Er hätte die Angelegenheit sauber erledigen können. Am nächsten Tag die Transaktion rückgängig machen, Thema erledigt. Das hätte ich von Hildebrand so integer er sich selber sieht erwartet!!! Er hat aber dann doch lieber zugewartet und Gewinn eingestrichen. Nicht die Transaktion sondern dieses Verhalten mach für mich diesen Mann fragwürdig!!!

    • Stefan Luob am 11.01.2012 13:10 Report Diesen Beitrag melden

      GENAU !!

      Perfekt analysiert ! Gratulation und Danke.

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  • HANS B. am 10.01.2012 12:31 Report Diesen Beitrag melden

    Warum soll er zurücktreten?

    Was soll das ganze Theater überhaupt?? Ich meine, er hat für paar hunderttausend Franken Dollar Ge- und verkauft. Hat danach den Fehler gesehen (was für mich völlig in Ordnung ist) und hat den Gewinn (75000) an ein Hilfswerk gespendet. Warum sollte dieser Mann zurücktreten. Ohne P.H. wäre die Schweiz jetzt im Export-Chaos. Ihm ist die momentan gute Lage der Schweiz im heutigen Markt zu verdanken. Nur weil blocher die Sommaruga weg haben will will er ihr ganzes Departement zerstören.

  • Fightaa am 10.01.2012 11:51 Report Diesen Beitrag melden

    Zitat Schawinski

    "Wenn wir schon soweit sind, dass man seine Unschuld beweisen muss, und man jemanden nicht die Schuld nachweisen muss, sind wir in einer Bananenrepublik." (Schawinski, o9.01.2012) Dieses Zitat trifft für mich den Nagel auf den Kopf und ist - meiner Meinung nach - im ganzen Fall das Hauptproblem. Ist er nachweisbar schuldig, ist die ganze Sache kein Problem. Aber so hat es einen fahlen Nachgeschmack.

    • Ich bins am 10.01.2012 12:07 Report Diesen Beitrag melden

      Na ja Schawi halt

      Seine Schuld ist bewiesen ich weiss nicht was dein problem ist. Herr Hil. wusste von der transaktion und hat sie nicht verhindert oder rückgängig gemacht. Er und seine Frau wussten auch dass der Deal ein Insiderhandel war. Für Devisenhändler ist dass verboten und es ist auch als Präsident der Nationalbank nicht ok solche Deals zu tätigen. Schawi legt immer alles so aus das es für ihn passt der alte Rechtsverdreher

    • Andreas Grolimund am 10.01.2012 12:49 Report Diesen Beitrag melden

      Keine Zweifel...

      Herr Hildebrand hat Zweifel an seiner Intergität auszuräumen. Zweifel am Präsidenten = Zweifel an der Institution. Die Nationalbank lebt von Vertrauen gibt es nur den geringsten Zweifel muss er beseitigt werden.

    • R. Graf am 10.01.2012 14:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Bravo

      Bravo, Herr Grolimund. Absolut zutreffend.

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  • Möri Peter, Seeland am 10.01.2012 11:09 Report Diesen Beitrag melden

    Hildebrand

    Was soll das Theater. Das Fehlverhalten Hildebrand, Frau oder Mann, wurde aufgedeckt. Jeder ist zu ersetzen. Ein Bravo allen die das Fehlverhalten aufgedeckt haben.