Interview mit Thomas Jordan

22. Mai 2018 11:24; Akt: 22.05.2018 11:49 Print

SNB-Chef erklärt, warum er ein Vollgeld-Konto hat

von Isabel Strassheim - Thomas Jordan lehnt zwar die Vollgeld-Initiative ab. Er selbst besitzt aber ein Vollgeld-Konto. Denn das ist für ihn Vorschrift.

Nationalbank-Chef Thomas Jordan erklärt im Video-Interview, warum er sein Konto bei der SNB führen muss. (Video: 20M)
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Der Präsident der Schweizerischen Nationalbank, Thomas Jordan, hat sich den Fragen der 20-Minuten-Leser gestellt. Dabei kam auch heraus, dass er sein Konto bei der SNB hat und damit praktisch Vollgeld hält. Die Vollgeld-Initianten wollen genau dies für alle, sie werben damit, dass das Konto-Geld so sicherer ist als bei normalen Banken. Jordan erklärt jedoch, dass er sein SNB-Konto nur wegen der Vorschriften hat (Compliance, die Red.), die nach den umstrittenen Währungsgeschäften seines Vorgängers Philipp Hildebrand für die SNB-Spitze gelten. Hören Sie Jordans Antwort im Video oben. Nachstehend folgen weitere Fragen an ihn.

Umfrage
Möchten Sie auch ein Vollgeld-Konto bei der SNB?

In drei Wochen stimmt die Schweiz über die Vollgeld-Initiative ab. Sind Sie nervös?
Überhaupt nicht, die Erfahrung zeigt, dass die Schweizer bei Abstimmungen jeweils sehr klug und weise entscheiden.

Die Nationalbank ist politisch unabhängig, geben Sie deshalb keine offizielle Abstimmungsparole aus?
Wir müssen mehr als «Ja» oder «Nein» dazu sagen, wir müssen erläutern, was die Konsequenzen wären, wenn diese Initiative angenommen würde. Wir geben keine Abstimmungsempfehlung. Aber wir erklären klar, dass und warum wir sie ablehnen.

Wissen die Leute denn überhaupt, worum es bei der Initiative geht – und was die SNB macht?
Ich bin überzeugt, dass viele Bürger wissen, was wir machen. Die SNB ist dafür zuständig, dass unsere Währung stabil bleibt und wir so Preisstabilität haben. Das heisst: Wir müssen dafür sorgen, dass ein Franken seine Kaufkraft behält, egal ob in Form einer Banknote oder eines Guthabens auf einem Bankkonto.

Das will auch die Initiative.
Die Initiative ist aber komplex. Sie verlangt, dass die Banken keine Kontokorrentkonten mehr auf ihrer Bilanz haben dürfen. Das erschwert die Kreditvergabe der Banken. Zudem verlangt sie, dass die SNB neues Geld schuldfrei in Umlauf bringt, das heisst, dass sie Geld verschenkt. Das erschwert die Umsetzung der Geldpolitik und verpolitisiert die SNB.

Wie aber ist die Rolle der Banken?
Banken vermitteln im Prinzip zwischen den Leuten, die sparen, und jenen Leuten, die Geld zum Investieren brauchen. Da die Bank eine Einzahlung auf Lohn- oder Kontokorrentkonten nicht zu 100 Prozent mit Geld der Nationalbank decken muss, kann sie einen Teil des Geldes, das Kunden bei der Bank deponieren, als Kredit weitergeben, und das Geld kann so im Wirtschaftsprozess produktiv eingesetzt werden. In diesem Sinne kann das Geld der Sparer arbeiten. Das wäre nach der Annahme der Initiative nicht mehr möglich.

Zur Kernfrage: Wie läuft die Bankengeldschöpfung, bei der es bei der Abstimmung ja geht?
Ich gebe dazu ein Beispiel: Sie gehen zur Bank und möchten einen Hypothekarkredit für 500'000 Franken, weil Sie eine Wohnung kaufen wollen. Die Bank prüft, ob sie genügend Einkommen und Eigenkapital haben, und überweist den Kreditbetrag. Das Geld geht aber nicht an Sie, sondern an den Verkäufer der Wohnung, der sehr wahrscheinlich Kunde bei einer anderen Bank ist.

Und dabei schöpft sie Geld?
Die Bank, die Ihnen den Kredit gewährt hat, muss deshalb Geld bei der SNB haben, um den Kredit tatsächlich auch auszahlen zu können. Eine Bank kann einer anderen Bank einen Betrag nur mit Geld der SNB überweisen. Zur Geldschöpfung kommt es, weil der Kreditbetrag dem Wohnungsverkäufer auf seinem Bankkonto gutgeschrieben wird. Für ihn stellt diese Gutschrift Geld dar, das er wiederum jederzeit für Zahlungen verwenden kann. Seine Bank kann nun den Zufluss von SNB-Geld allenfalls selber für die Gewährung eines Kredits verwenden. Indem das SNB-Geld so zwischen den Banken zirkuliert, wird im Bankensystem als Ganzes über die Kreditgewährung neues Geld geschaffen, das sogenannte Bankenbuchgeld. Hinter dieser Geldschöpfung im Bankensystem steht also immer eine ökonomische Aktivität wie die Finanzierung eines Hauses.

SNB-Chef Thomas Jordan antwortet auf die Fragen der 20-Minuten-Leser:

Ist es wahr, dass das Geld auf unserem Konto rechtlich nicht uns, sondern der Bank gehört? Franz Büchel, Wald/ZH
Das Geld, das Sie auf Ihrem Konto bei der Bank haben, ist Ihr Guthaben. Es ist eine Schuld der Bank Ihnen gegenüber und Sie können über dieses Geld jederzeit verfügen. Sie können Zahlungen machen oder zur Bank oder zum Bancomaten gehen und Banknoten abheben, wenn Sie das möchten.

Würden bei Annahme der Vollgeld-Initiative laut Ihrer Einschätzung die Hypothekenzinsen in die Höhe schnellen? Felix Mischler, Zweisimmen
Die Hypothekenzinsen würden steigen und der Grund dafür ist, dass das Geld, das die Bevölkerung jetzt auf den Kontokorrentkonten bei den Banken hält, nicht mehr für Kredite eingesetzt werden kann. Es stehen somit weniger Mittel zur Verfügung, die die Bank für Kredite einsetzen kann, und deshalb steigen tendenziell die Zinsen an.

Nachfrage hierzu: Banken könnten sich ja weiterhin Geld anderweitig besorgen, etwa bei der SNB, um Hypothekarkredite zu vergeben?
Die Banken bekommen das Geld bei der SNB aber nicht umsonst. Wenn eine Bank bei der Nationalbank einen Kredit beziehen will, muss sie Wertpapiere als Sicherheit bringen. Unter Vollgeld fehlt für die Kreditvergabe einfach der Teil der Mittel, der heute auf den Kontokorrentkonten vorhanden ist. Das Geld auf diesen Konten kann nicht mehr produktiv eingesetzt werden. Die Banken müssen andere Finanzierungsquellen finden, und die fallen nicht einfach vom Himmel. Und sie sind auch teurer.

Sie sind gegen die Vollgeld-Initiative und wollen beim jetzigen System bleiben. Das heisst, die Banken schaffen virtuelles Geld und investieren dieses. Sollten sich die Banken aber verspekulieren, müsste der Bürger/Steuerzahler dafür büssen. Wie rechtfertigen Sie ein solches System? Siegfried Lenk, Krattigen
Das ist eine verzerrte Darstellung unseres Bankensystems. Die Banken sind primär Vermittler zwischen Leuten, die das Geld im Moment nicht brauchen und solchen, die es mittels Kredit investieren. Wenn sich eine Bank verspekuliert hat und Verluste macht, dann muss sie mit ihrem Eigenkapital dafür geradestehen. Und wir haben seit der Finanzkrise die Eigenkapitalvorschriften deutlich verschärft, sodass, wenn eine Bank Verluste macht, möglichst nicht der Steuerzahler zur Kasse gebeten wird, sondern der Aktionär, das heisst der Eigentümer der Bank.

Die SNB wurde 1907 gegründet, um Banken zu verbieten, eigene Noten herzustellen. Die Banken fanden aber einen Weg, selbst Geld herzustellen. Aber eigentlich ist doch nur die Nationalbank demokratisch dafür legitimiert, oder?
Raffael Wüthrich, Bolligen, vom Vollgeld-Initiativkomitee

Bei der Gründung der SNB und der Einführung des Notenmonopols wollte man verhindern, dass es zu Konfusionen kommt, wenn mit Noten von unterschiedlichsten Banken bezahlt wird. Wenn Sie damals in Schaffhausen eine Note annahmen, die von einer Bank im Emmental oder einer Bank im Tessin herausgegeben wurde, dann hatten Sie keine Gewissheit, ob diese Bank überhaupt solvent war und die Note in Goldmünzen umtauschen konnte. Es gab damals auch noch keine eigentliche Bankenaufsicht. Und deshalb wollte man für den Zahlungsverkehr, der zu jener Zeit zum grössten Teil über Banknoten lief, mit einem Banknoten-Monopol bei der SNB Sicherheit schaffen. Aber auch damals gab es bei den Banken schon Kontokorrentkonten. Es war nie die Absicht, den Banken diese Konten zu verbieten.

Die Vollgeldinitiative macht für mich Sinn und ich würde gern Ja stimmen. Ist die Initiative in der Realität überhaupt umsetzbar? Und wie lange ginge es, dieses Modell umzusetzen? Corinne Schütz, Thalwil
Umsetzbar ist die Initiative sicher. Aber die Frage ist ja, welche Konsequenzen eine Umsetzung für die Bevölkerung und für die Wirtschaft hat. Und davor warnen wir.

Grundsätzlich verstehe ich den Vorschlag der Initianten, dass die Geldherstellung in die Hände der SNB gehört. Das klingt für mich auch irgendwie logisch. Mein Bauch rät mir aber zu einem Nein. Was für Gegenargumente haben Sie zur Initiative? Anja Kurmann, Herzogenbuchsee
Ihr Bauchgefühl ist 100 Prozent richtig. Es ist ja die Aufgabe der Nationalbank, Preisstabilität aufrechtzuerhalten. Es ist wichtig, dass die Bürger stabiles Geld haben. Unabhängig davon, ob in Form einer Banknote oder auf dem Bankkonto. Die Initiative führt dazu, dass es schwieriger wird, unseren Auftrag zu erfüllen.

Da ja schon Bargeld der Idee des Vollgeldes entspricht, warum kann man nicht auch noch das elektronische Geld auf den Konten bei Inlandbanken für Schweizer Bürger als Zentralbankgeld einführen? Roland Frech, Richterswil
Unser System ist so aufgebaut, dass die Nationalbank einerseits die Banknoten zur Verfügung stellt. Andererseits regelt sie den bargeldlosen Zahlungsverkehr zwischen den Banken. Wenn man das ändern würde, gäbe es auch das Risiko, dass das ganze System instabil würde. Deshalb sind wir der Überzeugung, dass unser System, so wie es jetzt ist, gut aufgestellt ist.

Nachfrage: Das heisst, das elektronische Geld, das sich auf unserem Lohnkonto befindet, ist kein SNB-Geld?
SNB-Geld sind nur die Banknoten sowie das Geld, das die Banken bei der SNB für den Zahlungsverkehr untereinander halten. Das Geld auf dem Lohnkonto ist sogenanntes Bankenbuchgeld. Aber die Banken werden von der Finma gut beaufsichtigt und sie müssen ausreichend Eigenkapital halten. Ausserdem gibt es eine Einlagensicherung. Sie ist dazu da, dass bei einem Konkurs jedem Kunden seine Einlagen bis zu einem Maximum von 100'000 Franken rasch ausbezahlt werden, sodass er seine laufenden Zahlungen weiterhin erledigen kann. Beim Konkurs einer Bank müssen dann in erster Linie das Eigenkapital und die nachrangigen Anleihen die Verluste tragen. Weil die Eigenkapitalvorschriften seit der Finanzkrise stark erhöht wurden, sind die Banken auch viel sicherer geworden und die Risiken für die Kontoinhaber haben sich reduziert.

Gibt es Folgen für den Wechselkurs, wenn die Initiative
angenommen wird? Beat Stocker, Pfäffikon SZ

Ja. Die Nationalbank hätte dann weniger Möglichkeiten, auf Störungen aus dem Ausland und auf Schwankungen des Wechselkurses zu reagieren. Wir dürften dann zum Beispiel keine Devisenmarktinterventionen mehr vornehmen.

Nachfrage: Warum?
Der Text der Initiative ist da sehr klar. Er erlaubt der SNB im Fall einer Annahme nur noch, Geld schuldfrei in Umlauf zu bringen oder über befristete Darlehen an die Banken. Das schliesst eine Devisenmarktintervention aus, denn dafür muss die SNB mit neuen Franken fremde Währungen kaufen: Das geht nicht mit einem Kredit an eine Bank oder mit schuldfreier Geldverteilung.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Katja Wohmann am 22.05.2018 11:36 Report Diesen Beitrag melden

    Geld ohne unterlegter Wert wie

    z.B. Gold etc. ist wertlos, da man einfach auf das Vertrauen der Bürger hofft, dass sie gedrucktes Geld für Warenlieferungen etc. akzeptieren. Reiche halten seit dem exesiven Drucken von Geldscheinen, nur noch geringe Barbestände und legen ihr Vermögen in echte Sachwerte an. Ist das Vertrauen der Bürger weg (Venezuela), dann ist das Ersparte nur noch Abfallpapier...

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  • Seiler am 22.05.2018 11:35 Report Diesen Beitrag melden

    Ich zweifle schon wieder

    ist das ein weiterer undeklarierter Bezahlartikel? Weil so ganz ohne Hintergrund und irgendwelcher bürgerlicher Absichten, kann ich mir nicht vorstellen, dass man diesen Artikel in ALLEN Deutschschweizer Medien veröffentlicht! Vollgeld hatten wir schon mal und es war gut, weil wir damals noch keine Bankenskandale erhielten und die Banker auch noch nicht so gierig waren wie heute! Hätte man noch Vertrauen in die Bankenwelt, könnte man so weiterfahren wie bisher.

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  • MadChengi am 22.05.2018 11:34 Report Diesen Beitrag melden

    Danke für Nichts

    Der Goldstandard wurde einst durch den "Fiat" Geldstandart abgelöst! Man druckt einfach auf der Endlos-Klo-Rolle so viele Dollars wie man eben braucht um die Schulden zu bezahlen. Diesem Beispiel sind sie alle gefolgt und die Bonds/Schuldscheine/Verluste sollen gemäss Vollgeld-Initiative nun an das Volk verteilt werden!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • A.Surrer am 25.05.2018 16:21 Report Diesen Beitrag melden

    Inflation zu kontrollieren soll

    schwieriger werden? Wohl kaum, es wird eben einfacher (da die SNB ja die direkte totale Kontrolle über das Geld hätte, nicht nur indirekt über einen Teil), daher würde die SNB zwangsmässig auch "politischer" werden. Respektive die Parteien würden mehr Einfluss wollen. Und das System an sich würde sich ja nichts ändern, noch immer wäre ein Grossteil des Geldes "ungedeckt", nur dann alleine durch die SNB. Jeder der sich ernsthaft einmal mit einem "anderen Geldsystem" auseinandersetzten will, dem empfehle ich den "Plan B" zu studieren.

    • Xeno72 am 27.05.2018 23:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @A.Surrer

      Die Auslieferung einer Nationalbani an die Politik ist eine von gar nicht so vielen Möglichkeiten der nachhaltigen Zerstörung einer Volkswirtschaft. Aktuelles Beispiel: Erdowahns Türkei.

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  • alec gagneux am 24.05.2018 07:39 Report Diesen Beitrag melden

    vollgeld-konto NUR für jordan

    jordan hat eins - wir sollen keins haben. so sieht jordans gerechtigkeitsempfinden aus.

    • Xeno72 am 24.05.2018 19:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @alec gagneux

      Lesen Sie doch den Artikel, bevor Sie plärren.

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  • Stefan am 23.05.2018 12:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Strategische Schachzug

    Hi, nein Sagen gegen Vollgeld Initiative kann man immer Herr Jordan, aber ein Vollgeld-Konto haben ist das andere!

  • GT am 23.05.2018 10:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gehts noch?

     Zitat: Die Initiative führt dazu, dass es schwieriger wird, unseren Auftrag zu erfüllen. Oh nein, dann müssten Sie ja mal wieder den Kopf einschalten...

    • Xeno72 am 28.05.2018 06:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @GT

      Die SNB könnte ja auch auf den Kommentierermob hier hören. Dann könnten wir Erdowahn und Maduro einholen.

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  • Peter am 23.05.2018 09:55 Report Diesen Beitrag melden

    Bitcoins?

    Sind bitcoins mit gold hinterlegt? Sind chf mit gold hinterlegt?

    • Inka am 23.05.2018 10:01 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Peter, wozu

      Was man nicht essen kann, ist nichts wert. Und Gold kann man nicht essen.

    • Walter Meinen am 24.05.2018 21:53 Report Diesen Beitrag melden

      Wozu viel Aufwand

      Bitcoins muss man wenigstens noch teuer rechnen, die Bank braucht für CHF-Druck.... nichts, ein Rechner um den Betrag einzutippen.

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