Euro-Franken-Bindung

17. Januar 2015 22:01; Akt: 18.01.2015 10:36 Print

Ökonomen loben Entscheid von Thomas Jordan

Die Börse taumelt und Exportwirtschaften verharren in Schockstarre. Ökonomen hingegen taxieren den Entscheid der Nationalbank als «Befreiungsschlag».

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Umstrittener Entscheid: Thomas Jordan, Präsident des Direktoriums der Schweizerischen Nationalbank, kommuniziert am Donnerstag das Ende des Euro-Mindestkurses von 1.20 Franken. (Bild: Keystone/Walter Bieri)

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«Brandgefährlich für die Exportwirtschaft» sei die Aufhebung der Kursuntergrenze, twitterte Finanzpolitikerin Susanne-Leutenegger-Oberholzer von der SP. Und der Chefökonom des Gewerkschaftsbundes, Daniel Lampart, schrieb, der SNB-Entscheid gefährde die Löhne und Arbeitsplätze in der Exportwirtschaft «massiv».

Mehr Verständnis für den Entscheid von Thomas Jordan zeigen Ökonomen. Allen voran der Ex-CEO der UBS, Oswald Grübel. Nie ein Freund der Kursuntergrenze («eine Schnapsidee»), findet er jetzt lobende Worte für den Entscheid. «Es war eine Anpassung an die Realität, und der Nationalbank ist dafür zu gratulieren», sagte Grübel dem Wirtschaftsportal Cash.ch.

Auch der ehemalige EZB-Chefökonom Jürgen Stark hält die Aufhebung des Euro-Mindestkurses von Fr. 1.20 für «mutig und gerechtfertigt», wie er in einem Interview mit der NZZ bekräftigt.

Als «Befreiungsschlag» gar kommentiert der Unternehmensberater und ehemalige UBS-Chefökonom Klaus Wellershoff die Aufhebung der Franken-Mindestgrenze. Die Schweizerische Nationalbank habe sich endlich dafür entschieden, ihr Schicksal wieder in die eigenen Hände zu nehmen.

Eine konsequente Entscheidung

Sein Partner Felix Brill führt aus: «Die Nationalbank ist offensichtlich zu dem Schluss gekommen, dass es von nun an keinen Sinn mehr mache, die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank weiterhin nachvollziehen zu müssen.» Von daher sei die Entscheidung nur konsequent gewesen.

Die Börsen reagierten mit historischen Tiefstständen. Dauert die Talfahrt an? «Kurzfristig kann man nicht ausschliessen, dass der Franken noch stärker werden wird», kommentiert Brill. Die Verunsicherung könne durchaus noch einige Tage andauern. «Bereits jetzt ist aber eine erhebliche Überbewertung des Frankens gegenüber dem Euro zu beobachten.» Das spreche dafür, dass der Franken im Lauf des Jahres auch wieder etwas an Wert verlieren werde.

Situation ist «verkraftbar»

Auswirkungen auf die Schweizer Wirtschaft wird die Aufhebung des Mindestkurses aber auf jeden Fall haben. Dabei gibt es aber nicht nur Verlierer, sondern auch Gewinner. Die Konsumenten etwa werden über fallende Importpreise an Kaufkraft gewinnen, so Brill. Das sollte helfen, die Konjunkturverlangsamung abzufedern. Der Ökonom glaubt zudem, dass es in der Schweiz «sehr viele fitte und robuste Unternehmen gibt». Trotz aller Skepsis werde die Aufhebung des Euro-Mindestkurses die Schweiz stärken. Die Ausgangslage sei eine ganz andere als vor der Einführung des Mindestkurses. «Damals war die Schuldenkrise in Europa kurz vor ihrem Höhepunkt», so Brill. Heute bewege man sich in einem Umfeld, in dem die Weltwirtschaft viel schneller wachse. Der Ökonom ist sich sicher: «Die Schweiz kann das verkraften.»

Ungerechtfertige Häme

Der Richtungsentscheid von Thomas Jordan hat – im Netz – zu hämischen Kommentaren geführt. «Die SNB hat viele Jahre einen sehr guten Job gemacht», sagt Felix Brill. Sie habe einen Entscheid auf der Basis einer Kosten-Nutzen-Rechnung getroffen. Dafür gerügt zu werden, so Brill, sei «nicht nachvollziehbar».

Dass der Entscheid nicht vorab kommuniziert wurde, wie es etwa Jürgen Stark forderte, ist gerade für die Schweizer Notenbank enorm wichtig, um Insidergeschäften vorzubeugen. Kurz bevor die SNB vor rund dreieinhalb Jahren den Mindestkurs einführte, wechselte die Ehefrau des damaligen Präsidenten Philipp Hildebrand 400'000 Franken in Dollar. Hildebrand musste deswegen zurücktreten, Thomas Jordan wurde sein Nachfolger.

(cls)