Grundeinkommen

16. März 2011 12:05; Akt: 17.03.2011 22:41 Print

2500 Franken Monatslohn – ohne zu arbeiten

von Balz Bruppacher - Krisenzeiten machen es möglich: Scheinbar weltfremde Visionen werden ernst genommen. Das gilt auch fürs bedingungslose Grundeinkommen.

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Grundeikommen: Utopische Idee oder Modell der Zukunft. Am Samstag 19. März wird das Thema an einem Kongress in Zürich diskutiert. (Bild: Keystone)

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Geld verdienen ohne zu arbeiten, diese Idee klingt ebenso verlockend wie utopisch. In diese Richtung geht die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen. Jeder Mensch soll lebenslang ein existenzsicherndes Einkommen erhalten, unabhängig von seiner persönlichen Situation und ohne Bedingungen.

Umfrage
Bei einem Kongress in Zürich diskutieren Experten das Thema Grundeinkommen. Die Idee: Jede Mensch soll lebenslang ein existenzsicherndes Grundeinkommen erhalten, ohne dafür arbeiten zu müssen. Finden Sie dies eine gute Sache?
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Insgesamt 3951 Teilnehmer

Die Rede ist im Kreis der Initianten von monatlich rund 2500 Franken für Erwachsene und 1000 Franken für Kinder. Diese Geldzahlung würde bestehende Sozialleistungen wie Arbeitslosengeld, Sozialhilfe, IV und AHV ersetzen. «Das Grundeinkommen senkt das Rentenalter auf null», sagt Mitinitiant Christian Müller von der «Agentur mit Grundeinkommen».

Per Volksinitiative zum Grundeinkommen

Am kommenden Samstag wird die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens an einem Kongress in Zürich propagiert und diskutiert. Die 600 Plätze im Kongresshaus waren im Nu ausgebucht. Auftreten werden so unterschiedliche Persönlichkeiten wie Buchautorin Judith Giovanelli-Blocher, die Schwester des SVP-Tribuns Christoph Blocher, der Ex-Bundesratssprecher Oswald Sigg, der frühere UBS-Ökonom Klaus Wellershoff und «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel.

Das macht auch deutlich, dass das bedingungslose Grundeinkommen nicht die Forderung aus einer politischen Ecke ist. Den Organisatoren geht es vielmehr um einen Kulturimpuls. Ihre mehrjährige Vorarbeit und Bewusstseinsbildung soll in einem Jahr in der Lancierung einer Volksinitiative münden. «Wenn es das Grundeinkommen dann gibt, wird es so selbstverständlich sein wie heute das Frauenstimmrecht», sagt der Basler Kulturunternehmer Daniel Häni, einer der Initianten.

Gerechtigkeits- und Sinnfrage

Fragt man die Initiatoren nach der Finanzierbarkeit des bedingungslosen Grundeinkommens, erinnern sie daran, dass kein gesellschaftlicher Fortschritt mit einem Kostenplan begonnen habe. Dennoch haben sie Berechnungen angestellt. Wichtig ist dabei das Prinzip, dass das Grundeinkommen in die bestehenden Erwerbseinkommen einbezogen wird. Eine Lehrerin, die heute 8000 Franken pro Monat verdient, würde also nach der Einführung des Grundeinkommens von 2500 Franken noch 5500 Franken durch ihre Erwerbsarbeit verdienen und hätte insgesamt nach wie vor 8000 Franken zur Verfügung.

Bei den Tieflöhnen würde die Position der Angestellten insofern gestärkt, als der Arbeitgeber wohl mehr zahlen müsste als die Differenz zwischen Gesamteinkommen und Grundeinkommen. Verdient eine Gastronomieangestellte monatlich 3300 Franken, würde das Erwerbseinkommen nach Abzug des Grundeinkommens auf 800 Franken sinken. Damit könne man auch Nein sagen zu einem Angebot, sagt Häni, und weiter: «Die Gerechtigkeitsfrage wird durch das Grundeinkommen mit der Sinnfrage verbunden; das gefällt mir an der Idee.»

Kosten von 200 Milliarden pro Jahr

Auf Grund einer groben Rechnung kommen die Initianten zum Schluss, dass das Grundeinkommen jährlich rund 200 Milliarden Franken kosten würde. Davon wären 170 Milliarden Franken ersetzend für bestehende Transferleistungen und Einkommen. Der Rest von 30 Milliarden Franken oder rund fünf Prozent des Bruttoinlandprodukts müsste finanziert werden. Dabei denken die Initianten vorab an eine Konsumsteuer. Für Häni geht es aber nicht um eine Bezahlbarkeitsfrage, sondern um eine Investitionsfrage. Nämlich um die Frage, ob der Teil des Einkommens, der ein menschenwürdiges Leben ermöglicht, bedingungslos werden soll.

Die Idee des Grundeinkommens geht auf Utopien in früheren Jahrhunderten zurück und fand in Form der negativen Einkommenssteuer mit Milton Friedmann im letzten Jahrhundert auch einen prominenten Verfechter im neoliberalen Lager. Ökonomen und Behörden stehen der Idee bisher vorwiegend skeptisch gegenüber. Ein oft gehörter Einwand ist neben der Finanzierungsfrage, dass das bedingungslose Grundeinkommen die Erwerbstätigkeit stark reduzieren würde. Die Befürworter erwarten demgegenüber einen grundlegenden Wandel, der zu einer höheren Identifikation mit der Arbeit und einer Erhöhung der Lebensqualität führen würde.

«Ein gerechtes System»
Der Schweizer Ökonomieprofessor Thomas Straubhaar* ist einer der liberalen Befürworter der Idee eines Grundeinkommens.

Herr Straubhaar, warum sind Sie für ein bedingungsloses Grundeinkommen?
Thomas Straubhaar: Es würde ein effizientes, transparentes und gerechtes Sozialsystem geschaffen. Bürger müssten sich nicht mehr vor dem Staat entblössen, sondern jeder würde einen gleich hohen Betrag erhalten, mit dem er seine Existenz sichern kann.

Warum sollte man dann überhaupt noch arbeiten gehen?
Ab einer gewissen Höhe des Grundeinkommens ist mit negativen Anreizwirkungen zu rechnen, so dass die Motivation zur Arbeit schwindet. Deshalb darf das Grundeinkommen nicht zu üppig sein. Aber neben dem monetären Anreiz gibt es auch andere Gründe wie soziale Kontakte, Anerkennung oder Selbstverwirklichung.

Wer soll das Ganze bezahlen?
Die laufende Finanzierung könnte primär aus der Einkommenssteuer gespeist werden. In meinem Modell wäre es eine Flat Tax: Jeder Franken wird genau gleich besteuert, egal ob es Lohn-, Kapitaleinkommen, Pachteinkommen oder sonst ein Einkommen ist.

*Der Schweizer Thomas Straubhaar ist Professor an der Universität Hamburg und Leiter des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Béatrice Bollinger am 30.04.2012 20:00 Report Diesen Beitrag melden

    Mehr solcher Idéen sind gefragt

    ich denke es wäre eine prima Idée, damit mal die Arbeit der Hausfrau/Mutter aufgewertet wird oder die des Hausmann`s. Auch Job sharing wäre für Familien sicher machbar,da ja beide 2500 & Kindergeld bekommen würden. Auch glaube ich dass mancher an einem andern Arbeitsplatz seine Fähigkeiten und Möglichkeiten besser einbringen könnte wenn nicht das Salär ausschlaggebend wäre. Wer will schon einen Beruf erlernen der schlecht bezahlt wird in der heutigen Zeit? Die Finanzierung müsste allerdings nochmals überdacht werden . Ich könnte mir mehr AHV abzüge von Arbeitgeber &-Nehmer vorstellen..

  • Ruben am 11.04.2012 22:03 Report Diesen Beitrag melden

    Nur noch sinnvolle Arbeit!

    Habt Ihr euch noch nie gefragt, weshalb wir heute alle mehr arbeiten als jemals zuvor. Trotz technischer Revolution der letzten 100 Jahre. Trotzdem bleibt das Ziel der Politiker: Arbeitsplätze schaffen für alle. Das ist doch ein Wiederspruch. Mit dem BGE wird dies endlich gelöst. Das Ziel ist dann neu: Der Ertrag des technischen Fortschritts wird gleichmässig verteilt und es soll nur noch sinnvolle Arbeit geleistet werden, unabhängig von der wirtschaftlichkeit. Damit wird auch die Arbeit der Hausfrau und belohnt. Eine längst überfällige Reform. Super Idee!

  • Peter am 15.04.2012 12:42 Report Diesen Beitrag melden

    Das Grundeinkommen fördert die Tätigkeit

    mann braucht das Einkommen um tätig zu werden.....

Die neusten Leser-Kommentare

  • john am 06.01.2014 11:20 Report Diesen Beitrag melden

    super

    okay tip top

  • Béatrice Bollinger am 30.04.2012 20:00 Report Diesen Beitrag melden

    Mehr solcher Idéen sind gefragt

    ich denke es wäre eine prima Idée, damit mal die Arbeit der Hausfrau/Mutter aufgewertet wird oder die des Hausmann`s. Auch Job sharing wäre für Familien sicher machbar,da ja beide 2500 & Kindergeld bekommen würden. Auch glaube ich dass mancher an einem andern Arbeitsplatz seine Fähigkeiten und Möglichkeiten besser einbringen könnte wenn nicht das Salär ausschlaggebend wäre. Wer will schon einen Beruf erlernen der schlecht bezahlt wird in der heutigen Zeit? Die Finanzierung müsste allerdings nochmals überdacht werden . Ich könnte mir mehr AHV abzüge von Arbeitgeber &-Nehmer vorstellen..

  • Peter am 15.04.2012 12:42 Report Diesen Beitrag melden

    Das Grundeinkommen fördert die Tätigkeit

    mann braucht das Einkommen um tätig zu werden.....

  • Steuerzahler am 12.04.2012 10:22 Report Diesen Beitrag melden

    keine anderen Sorgen

    Irgendwie frage ich mich ob man in Bern noch nicht bemerkt hat, dass die Schweiz vor wichtigeren Problemen steht als eine "wie mache ich mich als Politiker wieder mal wichtig" Diskussion. Nun zum Vorschlag: Grundeinkommen ohne zu Arbeiten - tönt sicher nicht schlecht. 20% Mehrwertsteuer - trifft sicher die ärmeren der Gesellschaft hart. Besser als solche Furzideen zu produzieren wäre, das Sozialsystem so umzubauen, dass wen man in Not ist, der Staat einem Hilft wieder auf die Beine zu kommen. Zusätzlich wären wohl eher Dumpinglöhne in der Wirtschaft zu bekäpfen als Steuergelder zu verpulvern

  • Ruben am 11.04.2012 22:03 Report Diesen Beitrag melden

    Nur noch sinnvolle Arbeit!

    Habt Ihr euch noch nie gefragt, weshalb wir heute alle mehr arbeiten als jemals zuvor. Trotz technischer Revolution der letzten 100 Jahre. Trotzdem bleibt das Ziel der Politiker: Arbeitsplätze schaffen für alle. Das ist doch ein Wiederspruch. Mit dem BGE wird dies endlich gelöst. Das Ziel ist dann neu: Der Ertrag des technischen Fortschritts wird gleichmässig verteilt und es soll nur noch sinnvolle Arbeit geleistet werden, unabhängig von der wirtschaftlichkeit. Damit wird auch die Arbeit der Hausfrau und belohnt. Eine längst überfällige Reform. Super Idee!