Kehrseite des Jobwunders

22. Dezember 2011 12:47; Akt: 22.12.2011 13:15 Print

40 000 Stellen sind bald wieder weg

von Balz Bruppacher - Nur Norwegen und Österreich haben in Europa weniger Erwerbslose als die Schweiz. 2011 wurden hierzulande 40 000 Jobs geschaffen. Mindestens so viele dürften 2012 verschwinden.

storybild

Die gemäss internationalem Standard errechnete Erwerbslosenquote sank innert Jahresfrist von 4,6 auf 4,2 Prozent. (Bild: Keystone)

Zum Thema
Fehler gesehen?

«Die Schweiz befindet sich im internationalen Vergleich in einer beneidenswerten Ausgangslage», sagte Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann am Mittwoch im Nationalrat und wies darauf hin, dass im laufenden Jahr 40 000 Arbeitsplätze geschaffen worden seien.

Erfreuliches ist auf den ersten Blick auch der vom Bundesamt für Statistik (BFS) veröffentlichten Arbeitskräfteerhebung für das 3. Quartal dieses Jahres zu entnehmen. Die Zahl der Erwerbstätigen stieg im Vorjahresvergleich um 103 000 oder 2,2 Prozent auf 4,732 Millionen Personen. In der EU ging die Zahl der Erwerbstätigen gleichzeitig um 0,1 Prozent zurück.

Bei mehr als der Hälfte der neuen Erwerbstätigen handelt es sich um Ausländer; ihre Zahl stieg im Vorjahresvergleich um 5,0 Prozent. Die einheimische Erwerbsbevölkerung wuchs nur um 1,2 Prozent. Vergleicht man die Angaben mit dem Vorquartal, nahm die Zahl der schweizerischen Erwerbstätigen sogar leicht ab, um 0,3 Prozent. Die ausländische Erwerbsbevölkerung stieg gegenüber dem Vorquartal hingegen um weitere 1,9 Prozent. Innerhalb der ausländischen Erwerbsbevölkerung wiesen die Kategorien der Kurzaufenthalter und der übrigen Ausländer die höchsten Zuwachsraten auf.

Bei der Erwerbslosigkeit steht die Schweiz im internationalen Vergleich nach wie vor sehr gut da. Die gemäss internationalem Standard errechnete Erwerbslosenquote sank innert Jahresfrist von 4,6 auf 4,2 Prozent. In der EU ist die Erwerbslosigkeit mehr als doppelt so hoch, nämlich 9,5 Prozent. In der Eurozone sind es sogar 9,9 Prozent. Unter den EU- und EFTA-Staaten verzeichneten einzig Norwegen mit 3,3 Prozent und Österreich mit 3,7 Prozent eine bessere Arbeitsmarktsituation als die Schweiz.

28 000 mehr Erwerbslose als Mitte Jahr

Dass sich die Arbeitsmarktsituation in der Schweiz in den letzten Monaten verschlechtert hat, macht der Vergleich mit dem 2. Quartal dieses Jahres deutlich. Die Zahl der Erwerbslosen nahm demnach um 28 000 Betroffene oder 17 Prozent auf 191 000 zu. Besonders stark war die Zunahme bei den Frauen und in der Alterskategorie der 15- bis 24-Jährigen. Letzteres dürfte auf saisonale Effekte zurückzuführen sein.

Erwerbslosenquote der Ausländer doppelt so hoch

Die Zahl der erwerbslosen Ausländer sank innert Jahresfrist um 11,1 Prozent auf 74 000, war aber 3,0 Prozent höher als im zweiten Quartal. Die Erwerbslosenquote der Ausländer war mit 6,8 Prozent genau doppelt so hoch wie jene der Schweizer. Innerhalb der ausländischen Erwerbsbevölkerung gibt es zudem einen grossen Unterschied zwischen Angehörigen der EU- und der EFTA-Länder sowie Erwerbstätigen aus Drittstaaten. Bei Letzteren betrug die Erwerbslosenquote 11,6 Prozent, bei den EU- und EFTA-Staatsangehörigen bloss 4,3 Prozent.

«Was kommt, weiss niemand»

Bei den Zahlen handelt es sich um eine Bestandesaufnahme von Ende September. Inzwischen hat sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt auch in der Schweiz verschlechtert, und die Konjunkturaussichten sind düster. In den Worten von Schneider-Ammann heisst das: «Die Situation ist kritisch. Was kommt, weiss niemand, zum Teil wissen wir nicht einmal genau, was wirklich im Moment ist.» Die Ökonomen des Wirtschaftsministers befürchten innert Jahresfrist einen Anstieg der Arbeitslosen um rund 40 000. Dies allerdings unter der Voraussetzung, dass sich die Lage in der Eurozone nicht weiter zuspitzt. Für den Krisenfall stellte Schneider-Ammann ein Konjunkturstützungspaket im kommenden Frühling in Aussicht.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • E. Pieper am 22.12.2011 14:48 Report Diesen Beitrag melden

    Das Ende des ewigen Wachstums

    Ist doch irgendwie klar, dass das Wachstum der letzten Jahre, welches einen 6-fachen Konsum hervorgebracht hat, sich irgendwann tot läuft. Anstatt Wachstum sind jetzt Nachhaltigkeit und Bescheidenheit am Start. Nach der Globalisierung kommt die Lokalisierung. Also nicht noch mehr Produktivität, sondern mehr Qualität. Die Zitrone ist hinlänglich ausgequetscht und ohne Jobs muss eh keiner bis 70 arbeiten. Wo auch? Wo doch alle nur 30jährige mit 50 Jahre Erfahrung und 100 Diplomen wollen?

  • louis am 22.12.2011 14:00 Report Diesen Beitrag melden

    Deutschen Nachbarn?

    was ist mit Deutschland?

    einklappen einklappen
  • René Widmer am 22.12.2011 14:27 Report Diesen Beitrag melden

    Immer mehr geht nicht

    Es kann doch nicht sein, dass unsere gesamten Leistungen in den vergangenen 100 Jahren es immer noch notwendig machen, dass 100% der Angestellten bis 65 oder länger arbeiten müssen. Wozu denn der Fortschritt?? Das Schneeballsystem des Wirtschaftswachstums kommt langsam an seine Grenze!

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Peschä am 23.12.2011 05:51 Report Diesen Beitrag melden

    40'000 Stellen weg...

    ... und die eingewanderten Neu-Arbeitslosen werden bleiben. Ein paar Unternehmer profitieren, der Mittelstand zahlt.

  • Para Dox am 23.12.2011 02:36 Report Diesen Beitrag melden

    Dereinst hatte man mal

    in schwierigen Zeiten das Doppelverdienen verboten. Mit dem Resultat, dass mehr Bürger in den Arbeitsprozess eingebunden wurden und dadurch Sozialkosten gespart. Heute sehe ich viele Arbeitslose und denen gegenüber ein Heer von 120 - 250%-Verdienenden, pro Haushalt. Selber Schuld: wer Jobs hamstert, arbeitet am Schluss für andere.

  • hansm am 22.12.2011 17:45 Report Diesen Beitrag melden

    Personenfreizügigkeit

    Arbeitslosigkeit kann jeden treffen... Ich bin grundsätzlich für die Personenfreizügigkeit und eine weltoffene Schweiz. Die Schweiz braucht Fachspezialisten aus dem Ausland in gewissen Bereich zB. Gesundheit, Gastgewerbe etc. Aber ich finde auch, dass gerade im kaufmännischen Sektor ein Hype stattfindet betr. Fachspezialisten. Es kann doch nicht sein, dass man in der Schweiz, wo so viele Leute ein KV oder ein Wirtschaftsstudium besitzen, keine geeigneten Leute findet....man sollte generell die Berufsausbildung aufwerten. Was ist ein KV im Vergleich zum Ausland? Für mich ein Studium...

    • So Nicht am 22.12.2011 19:29 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Firmenmaxime auf unsere Kosten

      Nett dass sie die Fachausbildungen in der CH aus anderen Branchen als KV als minderwertig abschrieben. Ist halt was anderes wenn man im eigenen Beruf unter Druck gerät. Dann wirft man gerne mal die Prinzipien über den Haufen. Ich bin für Freizügigkeit wenn Löhne nicht unter Druck geraten. Um den Standort CH attraktiv zu halten, sollten Importgüter nach Landeslohnklassen verzollt werden. D.h. ein Produkt aus China müsste höhere Abgaben berappen als ein Produkt aus Deutschland. Mit diesem Geld dann Standortförderung betreiben.

    einklappen einklappen
  • Gerhard Gerber am 22.12.2011 17:42 Report Diesen Beitrag melden

    Personenfreizügigkeit

    Wetten, dass keiner dieser Arbeitslosen wieder in sein Heimatland zurück geht! Die Einwanderung in die Sozialwerke funktioniert.

  • Wilhelm tell am 22.12.2011 17:38 Report Diesen Beitrag melden

    tja.

    na und, so viel ich weiss gibt es sowieso mehr jobs als schweizer.