Wegen Brexit

07. Februar 2019 18:02; Akt: 07.02.2019 21:50 Print

Alarmstufe Rot in der britischen Autoindustrie

Grossbritannien ist die viertgrösste Autoproduktionsstätte in Europa. Entsprechend panisch reagiert die Branche auf das Brexit-Szenario.

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Die britische Autoindustrie zittert vor dem Brexit. Im Januar gab Jaguar Land Rover bekannt, dass man aufgrund der schlechten Zahlen 2018 und der unsicheren Aussichten in diesem Jahr 4500 Beschäftigte entlassen muss. Diese Woche teilte Nissan mit, dass man den X-Trail nicht wie geplant in Sunderland, sondern in Japan produzieren lässt. Ein Grund: die Brexit-Unsicherheit. Dabei hatten die Japaner noch im Oktober 2016 ein Incentive über 80 Millionen Pfund von der britischen Regierung zugesichert erhalten. Grossbritannien ist die viertgrösste Autoproduktionsstätte in Europa. Bereits jetzt sind die Auswirkungen der Brexit-Unsicherheiten zu spüren. Doch das dicke Ende steht möglicherweise erst noch bevor. Acht von zehn Fahrzeugen werden exportiert. 53 Prozent werden in der EU verkauft, 16 Prozent in Ländern, mit denen die EU ein Handelsabkommen hat. Bei einem harten Brexit würde der Zugang zu über zwei Dritteln des Exportmarktes verloren gehen. Wird bis zum 29. März keine politische Einigung erzielt, kommen laut dem Chef des britischen Automobilherstellerverbands SMMT die WTO-Handelsregeln zum Tragen. Das heisst: Zölle, Vorschriften, Grenzkontrollen. Aktuell kommen jeden Tag über 1000 LKWs mit Autoteilen über den Ärmelkanal nach England, wo die Teile verarbeitet werden. Die 850'000 Menschen, die in der britischen Autoindustrie arbeiten, sind darauf angewiesen, dass diese Parts rechtzeitig eintreffen – und dass sie sich nicht verteuern. «Alarmstufe Rot» herrsche in der Branche, sagte Herstellerverbands-Boss Mike Hawes. Doch: «Das alles ist noch gar nichts im Vergleich zu dem, was bei einem ungeordneten Brexit auf uns zukommt.»

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Schlechte Nachrichten ist man sich im Zusammenhang mit dem Brexit gewohnt. Dennoch: Die Panik in der Autoindustrie hat diese Woche einen neuen Höchststand erreicht. Denn der Entscheid, dass der asiatische Hersteller Nissan seinen X-Trail nicht wie geplant in England, sondern in Japan produzieren lässt, ist ein weiteres klares Indiz für blankliegende Nerven.

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Besorgniserregend ist vor allem, dass die englische Regierung die Japaner vor zwei Jahren mit Incentives überzeugen wollte, ihre Produktionen in England ungeachtet der Brexit-Entwicklung weiterzuführen. Tatsächlich beeilte sich die May-Regierung kurz nach der Nissan-Ankündigung am Montag, einen ursprünglich geheimen Brief von Wirtschaftsminister Greg Clark vom Oktober 2016 zu präsentieren. Darin wird Nissan bis zu 80 Millionen Pfund (105 Millionen Franken) als Unterstützung für ihre Produktionsstätte in Sunderland versprochen.

Nicht nur England

Freilich bemühten sich die Japaner, die Bedeutung des Entscheids herunterzuspielen. «For business reasons», also aus wirtschaftlichen Gründen, habe man sich entschieden, den X-Trail in Kyushu statt Sunderland zu produzieren. Doch dass die Politik, namentlich der drohende Brexit, bei den Überlegungen eine zentrale Rolle gespielt hat, daraus machte man auch kein Geheimnis: «Die anhaltenden Unsicherheiten bezüglich der künftigen Beziehungen von Grossbritannien mit der EU sind für Firmen wie unsere nicht hilfreich, die Zukunft zu planen», so das offizielle Statement von Nissan.

Dass solche Meldungen Salz in der Wunde nicht nur der britischen Autohersteller sind, versteht sich von selbst. Denn die Brexit-Unsicherheiten tangieren England und den ganzen Kontinent. Grossbritannien ist der viertgrösste europäische Auto-Produktionsplatz. Acht von zehn Fahrzeugen werden exportiert. 53 Prozent werden in der EU verkauft, 16 Prozent in Ländern, mit denen die EU ein Handelsabkommen hat. Bei einem harten Brexit würde der Zugang zu über zwei Dritteln des Exportmarktes verloren gehen.

Wird bis zum 29. März keine politische Einigung erzielt, kommen laut dem Chef des britischen Autoherstellerverbands SMMT die WTO-Handelsregeln zum Tragen. Das heisst: Zölle, Vorschriften, Grenzkontrollen. Kurzum: Verzögerungen und Verteuerungen. Aktuell kommen jeden Tag über 1000 LKWs mit Autoteilen über den Ärmelkanal nach England, wo die Teile verarbeitet werden. Die 850'000 Menschen, die in der britischen Autoindustrie arbeiten, sind darauf angewiesen, dass diese Parts rechtzeitig eintreffen – und dass sie sich nicht verteuern. Denn sonst drohen weitere Szenarien wie im Fall von Nissans X-Trail.

Serie von Hiobsbotschaften

Das alles trifft die britische Auto-Industrie zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt. Denn der Diesel-Skandal und die Probleme im China-Geschäft (abflauendes Wachstum, drohender Handelskrieg) haben den Herstellern bereits zugesetzt.

Erst im Januar musste Jaguar Land Rover bekannt geben, dass man 4500 Stellen abbaut, die meisten davon in der Heimat. Dies, nachdem man in England bereits im vergangenen Jahr einen rekordverdächtigen Produktionsrückgang von neun Prozent und einen Einbruch der Investitionen um 46,5 Prozent hinnehmen musste. «Alarmstufe Rot» herrsche in der Branche, sagte denn auch SMMT-Boss Mike Hawes gegenüber der BBC. Doch: «Das alles ist noch gar nichts im Vergleich zu dem, was bei einem ungeordneten Brexit auf uns zukommt.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Marc am 07.02.2019 18:19 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zuerst handeln, dann überlegen

    Klar gibt es Zölle usw. liebe Briten, aber das wurde euch von den Politikern verschwiegen. Ihr müsst jetzt halt neue Verträge machen oder kauft doch eure Autos selber, zrinkt euer Bier, seid echte Briten, auf niemand angewiesen, völlig vogelfrei.

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  • Fred am 07.02.2019 18:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Keine Panik!

    Die Zulieferer in D, F, PL, .... die jeden Tag 1000 LKW's mit Autoteilen über der Kanal schicken, sind von einem Chaos ja genauso betroffen, wie UK. Zu meinen nur UK sei dann der Verlierer ist naiv. Genau aus diesem Grund wird im letzten Moment eine Lösung gefunden.

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  • Resi am 07.02.2019 18:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Früher schon

    Es hat ohne eu auch funktioniert in England

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Wörni am 10.03.2019 08:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Moderne Diktatur

    Dass die EU Länder so wenig Interesse zeigen, das auch ein Austritt durch Volksentscheid nich respektiert wird. Das Interesse müsste sein, dass es trotzdem fair weitergeht. Die EU ist eine moderne Diktatur, erinnert mit an die Sowjet- Union, nur etwas moderater oder moderner. Da ist viel Feigheit im Spiel. Dass alle EU Staaten so mitjoggeln bedaure ich sehr.

  • M.G. am 12.02.2019 04:02 Report Diesen Beitrag melden

    Immopreise in Frankfurt explodieren

    Es hat bis heute mehr als 10000 Anfragen nach teuren Mietobjekten in der City, Loft mit Sicht auf den Main, 100 qm für 2000 - 2500 EURO Nettomiete. Da wollen die Expats aus London hin deren Arbeitsplätze in die Mainmetropole verlegt werden oder schon dort sind. Makler, Unternehmensberater und Vertreter der Stadt Frankfurt machen wöchentlich roadshows in London wo sie aktiv die Banken und ihre MA anwerben. Auf den digitalen Werbeanzeigen in London laufen Spots über die Vorzüge Frankfurts,

  • contra Asyl am 10.02.2019 10:58 Report Diesen Beitrag melden

    Sie können dann die Flüchtlinge

    der EU-überlassen und sparen viel

  • Jupi am 09.02.2019 12:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gegenseitige Intressen

    Die die Teile liefern habengenau so ein Intresse das es weiter geht, nicht vergessen!

  • Dieog am 09.02.2019 11:30 Report Diesen Beitrag melden

    Klar! Solange sich die

    EU wie ein Gutsherr aufführt und die ganze Finanzindustrie in deren Auftrag geg3n England wetten, wird es hart. Aber die EU hat in ihrer Lebensdauert noch nicht viel zu Ende gedacht, das wird denen an Ende auf die Füsse fallen! Ein richtiger Faschoclub eben!

    • Löli am 09.02.2019 11:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Dieog, was denn nun?

      Linke Diktatur oder Faschoclub? Ihr EU-Hater müsst da euch schon mal auf eine Version festlegen.

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