Mehrwertsteuer-Regelung

04. Dezember 2018 08:45; Akt: 04.12.2018 16:15 Print

Amazon.com sperrt Schweizer Kunden aus

von Sandro Spaeth - Der Online-Gigant Amazon.com liefert ab dem 26. Dezember nicht mehr in die Schweiz. 100'000 Kunden sind betroffen. Für die hiesigen Händler ist das ein Etappensieg.

Bildstrecke im Grossformat »
Ab dem 26.Dezember 2018 gibt es keine Amazon-Pakete aus den USA mehr in die Schweiz. Der US-Internetgigant stoppt die Lieferungen. So informiert Amazon die Schweizer Kunden, die auf Amazon.com bestellen wollen. «Eines der wertvollsten Unternehmen der Welt resigniert vorerst vor der Schweiz. Das ist ein Etappensieg für den Schweizer Handel», sagt E-Commerce-Experte und Meineinkauf-CEO Jan Bomholt zu 20 Minuten. Amazon hat weltweit über 300 Millionen Artikel im Sortiment. Beim Grossteil davon ist der US-Konzern aber lediglich die Verkaufsplattform und nicht der eigentliche Verkäufer. Im Bild: Amazon-Chef Jeff Bezos. Im Mai 2018 kündigte Amazon eine Zusammenarbeit mit der Schweizer Post an: Die sollte die Verzollung der Pakete aus den USA übernehmen. Auch ein 24-Stunden-Lieferdienst übernahm die Post für Amazon. Die Post baue für Amazon keine spezielle Logistik-Infrastruktur auf, es handle sich um eine «normale» Kundenbeziehung und nicht um ein Kooperationsabkommen, hiess es im Frühsommer. Die Zusammenarbeit sei nicht exklusiv. Laut Schätzungen kommen derzeit täglich 3500 verzollte Amazon-Pakete in die Schweiz, hinzu kommen 15'000 bis 20'000 unverzollte Kleinsendungen. Im letzten Jahr dürfte Amazon in der Schweiz gegen 500 Millionen Franken Umsatz erzielt haben. Im Gegensatz zu Amazon kümmert sich Digitec Galaxus selbst um die Verzollung. Dazu habe das Unternehmen eine eigene Logistik- und Zollsoftware entwickelt, schreibt Digitec Galaxus. Wie schneiden Onlinehändler bei den 14- bis 25-Jährigen ab? Der Markt- und Meinungsforscher Marketagent liefert die Top Ten. Alibaba Brack Anibis Microspot Tutti Exlibris Digitec Ricardo Amazon Zalando

Zum Thema
Fehler gesehen?

Amazon ist das Schreckgespenst für die Schweizer Online- und Versandhändler. Noch im Frühling dieses Jahres sah es danach aus, als würde der Start von Amazon.ch kurz bevorstehen. Nun ist Amazon fürs Erste verscheucht, zurückgedrängt von Schweizer Gesetzen: Am Montagabend hat Amazon.com die rund 100'000 Schweizer Kunden darüber informiert, dass nach dem 26. Dezember 2018 von der US-Website nicht mehr in die Schweiz geliefert werden kann.

Umfrage
Bestellen Sie bei Amazon?

Den Schweizer Kunden rät Amazon.com, bei europäischen Ablegern wie Amazon.de oder Amazon.it zu bestellen. Im Vergleich zum 300 Millionen Artikel starken Amazon US-Sortiment ist die Auswahl bei den europäischen Ländershops massiv kleiner, aber stark wachsend. Bei Amazon.de werden von Händlern täglich 160'000 neue Produkte gelistet, wie auf einer Branchenkonferenz zu hören war.

Gleich lange Spiesse für alle Shops

Hintergrund des Lieferstopps in die Schweiz ist eine neue Regel bei der Mehrwertsteuer, die ab 2019 in Kraft tritt. Neu werden ausländische Versandhändler, die mit Kleinsendungen weltweit über 100'000 Franken Umsatz pro Jahr erzielen, steuerpflichtig. Das gilt auch für Amazon. Bis anhin konnten beim US-Giganten bestellte Kleinsendungen mit einem Wert bis 65 Franken abgabenfrei in die Schweiz eingeführt werden. Dies, weil die geschuldete Mehrwertsteuer von 5 Franken oder weniger von den Zollbehörden nicht erhoben wird. Die Gesetzesänderung angestossen hat der Verband Schweizer Versandhändler (VSV), der stets gleich lange Spiesse für inländische und ausländische Händler gefordert hatte. Für den Bund bedeutet die neue Regelung zusätzliche Mehrwertsteuereinnahmen von geschätzten 20 Millionen Franken.

Trotz des Vorlaufs von einem Jahr scheint Amazon nicht in der Lage gewesen zu sein, die neue Schweizer Regelung umzusetzen: «Eines der wertvollsten Unternehmen der Welt resigniert vorerst vor der Schweiz. Das ist ein Etappensieg für den Schweizer Handel», sagt E-Commerce-Experte und Meineinkauf-CEO Jan Bomholt zu 20 Minuten. Für ihn ist klar, dass dass es in absehbarer Zeit kein Amazon.ch mit Preisen in Schweizer Franken geben wird.

Viel Aufwand für wenig Umsatz

Für Amazon scheint die Schweiz einfach nicht wichtig genug zu sein, die Umsätze sind zu klein. Berichten zufolge nach belaufen sich die Amazon.com-Umsätze in der Schweiz auf rund 65 Millionen Franken, was aber auch daran liegt, dass schon heute nur eine kleiner Teil des gigantischen Amazon-Sortiments in die Schweiz geliefert wird.

Amazon schreibt, man fokussiere international auf Webseiten für Länder wie etwa Australien, Brasilien, Kanada oder Deutschland. Laut Experte Bomholt ist es für Amazon eine Kosten-Nutzen-Frage: «Wenn man für Millionen von Artikeln Angaben für die Schweizer Zollbehörden sowie den Mehrwertsteuersatz in einer Datenbank hinterlegen muss, sich der Artikel aber fast nie in die Schweiz verirrt, ist der Entscheid nachvollziehbar.» Bomholts Firma Meineinkauf verdient Geld damit, Schweizer Kunden Einkäufe bei ausländischen Versandhändlern zu ermöglichen.

«Vielleicht überschätzen wir Amazon»

Beim Verband des Schweizer Versandhandels (VSV) will Geschäftsführer Patrick Kessler nicht jubeln und sagt, er könne nicht ganz nachvollziehen, warum Amazon so reagiert habe. «Es muss irgendwelche prozessualen Abwicklungsprobleme mit den Schweizer Zoll- und Mehrwertsteuerangaben geben», vermutet Kessler. Im digitalen Zeitalter sei es gerade für Amazon keine Kunst, die Schweizer Gesetze umzusetzen. In den USA sei das Steuerrecht viel komplizierter. «Aber vielleicht schätzen wir die Fähigkeiten von Amazon manchmal auch ganz einfach falsch ein», sagt Kessler.

Zudem merkt der VSV-Geschäftsführer an: «Die Schweiz macht es dem internationalen Handel mit den Schweiz-eigenen Deklarationspflichten und fast einmaligen Gewichtsverzollung sehr schwer, Ware in unser Land zu verschicken», erklärt Kessler. Vielleicht sollte sich der Gesetzgeber die Beweggründe von Amazon.com mal genauer anschauen.

Amazon.com als erstes Opfer

Wie geht es nun für andere ausländische Onlinehändler und Marktplätze weiter, etwa den Amazon-Rivalen Wish aus China? Für diese Plattformen gilt die gleiche Regelung. Erreicht ein einzelner Händler 100’000 Franken Umsatz, wird er steuerpflichtig. Das Problem ist jedoch, dass Schweizer Behörden nicht unbedingt identifizieren können, wann ein Händler diese Summe erreicht. Denn einige Versender wechseln ständig die Identität und täglich kommen bis zu 70’000 China-Sendungen in der Schweiz. Für E-Commerce-Experte Bomholt ist klar: «Amazon.com ist nur das erste Opfer.»

sentifi.com

20min_ch_app Sentifi Börseneinblicke aus den sozialen Medien

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Geldkuh am 04.12.2018 09:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    typisch

    Schön die ganze Welt darf bei Amazon bestellen nur die Schweiz nicht..In solchen Momenten fühle ich mich wie eine Geldkuh die nur gemolken wird. Bestell ich halt wieder meine Pakete nach DE.

    einklappen einklappen
  • Uwe1981 am 04.12.2018 09:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schade

    Schade, denn viele Produkte gibts in der Schweiz einfach nicht. Also wieder über die packstation... Abschottung hat noch keinem geholfen.

    einklappen einklappen
  • Mrs Moneypenny am 04.12.2018 09:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es reicht mit den Restriktionen

    Kaufe alles im Ausland und lass es mir auch dort hin schicken.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Danny am 05.12.2018 10:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    rin Witz

    Gut habe ich in Konstanz ein Postfach....so kann ich weiterhin bedzellen und spare erdt noch den Zoll .....

  • Shopaffe am 05.12.2018 09:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Googlet mal Kobraeffekt

    Es gibt Regeln welche genau das Gegenteil auslösen. Das wäre dann der Cobraeffect, gabs auch schon in Vietnam mit Ratten und Griechenland mit Abgasen/zuviel Personenverkehr. Viel Spass damit!

  • MBR am 05.12.2018 09:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hochpreisinsel Schweiz

    Aufatmen für die Onlinekunden in der Region Basel. In Weil am Rhein gibt es jede Menge Anbieter für Lieferadressen in DE. Das U-Abo der BVB ist gültig bis Weil am Rhein. Also mit dem Tram direkt vor Ihre Lieferadresse in DE fahren.

  • Dr. Brko am 05.12.2018 09:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Paketservice Lieferadresse

    Wo ist das Problem? Gibt genügend Paketservice Stellen an der Grenze.

  • Beat Lay am 05.12.2018 08:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ist mir Egal.

    Ich lass meine- bei Amazon bestellten Waren- ob es sich um Körperpflegeprodukte etc. handelt- sowieso zum Packetshop in Deutschland, nahe der Grenze schicken, von dem ich sie dann selber abhole.