Analyse

05. Januar 2018 14:07; Akt: 05.01.2018 14:20 Print

Trotz Aufschwung arbeiten wir 20 Stunden mehr

Angestellte mussten 2016 im Vergleich zu 2013 fast 20 Stunden mehr pro Jahr arbeiten. Dies sei aufgrund des erwarteten Booms nicht mehr haltbar, sagen Gewerkschafter.

SGB-Präsident Paul Rechsteiner erklärt, warum tiefere Arbeitszeiten nötig sind.
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Im Vergleich zu 2013 arbeiteten Schweizer Angestellte im Jahr 2016 im Schnitt 19,5 Stunden mehr – das ist fast eine halbe Woche. Dies zeigt eine Analyse des Gewerkschaftsbundes, der die Jahresarbeitszeiten in verschiedenen Branchen untersucht hat. Die Unterschiede sind gross: Während Angestellte der öffentlichen Verwaltung kaum mehr arbeiten mussten, stieg die Arbeitszeit etwa bei Banken um mehr als 28 Stunden pro Jahr (siehe Box).

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Hansjörg Schmid vom Verband Angestellte Schweiz führt die gestiegene Arbeitszeit unter anderem darauf zurück, dass beispielsweise in der Industrie der sogenannte «Krisenartikel» angewandt wurde. Diese Klausel in den Gesamtarbeitsverträgen erlaubt es Industrieunternehmen, die Arbeitszeit befristet heraufzusetzen. So arbeiteten Angestellte der Firma Bühler 45 statt 40 Stunden. Die Unternehmen konnten sich bis September 2017 auf den Krisenartikel berufen.

«Dieselbe Arbeit auf weniger Köpfe verteilt»

In der Branche Kredit- und Versicherungsgewerbe mussten die Angestellten seit 2013 über 28 Stunden pro Jahr mehr arbeiten. Hier hegt Schmid einen Verdacht: «Dieselbe Arbeit könnte einfach auf weniger Köpfe verteilt worden sein, weshalb die Arbeitszeit in die Höhe schnellte.» Allein im Jahr 2016 gingen laut der Bankiervereinigung im Bankensektor 1660 Stellen verloren.

Für Lampart sind die Anpassungen der Arbeitszeiten infolge des Frankenschocks nur eine Erklärung: «Dass die Firmen flächendeckend mehr arbeiten lassen, zeigt, dass es nicht allein daran liegen kann.» 2015, als die Schweizer Nationalbank den Mindestkurs zum Euro von 1.20 Franken aufgab, wurden Schweizer Produkte auf einen Schlag deutlich teurer. Das verschlechterte die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz.

Brückentage weg, Ladenöffnungszeiten verlängert

«Wir stellen fest, dass die Firmen immer mehr aus den Angestellten herauspressen wollen», sagt Lampart. Einige Firmen hätten den gefühlten Krisenmodus dazu genutzt, um schleichend die Präsenz der Angestellten am Arbeitsplatz zu erhöhen: «Brückentage zwischen Feiertagen wurden gestrichen, die Ladenöffnungszeiten im Detailhandel wurden ausgedehnt, oder Kündigungen wurden dazu genutzt, die Arbeitszeiten in den Verträgen anzupassen.»

Der Schweizerische Gewerkschaftsbund fordert angesichts dieser Entwicklung eine Umkehr: «In den letzten Monaten erlebte die Schweizer Wirtschaft einen Aufschwung. Davon müssen auch die Angestellten profitieren, indem die Arbeitszeit verkürzt wird.» Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) korrigierte jüngst seine Wachstumsprognose für 2018 von 2 auf 2,3 Prozent. Lampart hält fest: «Längere Arbeitszeiten sind heute nicht mehr zeitgemäss: Sie verhindern, dass etwa die Väter sich stärker zu Hause engagieren können.»

«Zahl der Arbeitsstunden ist nicht das Problem»

Daniela Schneeberger, FDP-Nationalrätin und Vorstandsmitglied des Gewerbeverbandes, kann die Forderung nach einer Verkürzung der Arbeitszeit nicht gutheissen. «Gerade wenn die Wirtschaft wieder wächst, brauchen die Firmen ihre Mitarbeiter, da die Auftragsbücher voll sind.» Zum Argument, kürzere Arbeitszeiten seien für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wichtig, sagt sie: «Die Flexibilität ist viel wichtiger als die Zahl der Stunden.» Der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sei mehr gedient, wenn die Angestellten einmal eine gewisse Zeit deutlich mehr oder auch im Homeoffice arbeiten dürften und diese Stunden dann kompensieren könnten.

(pam)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Andreas am 05.01.2018 14:16 Report Diesen Beitrag melden

    Geile Argumentation

    Mehr Aufträge, länger arbeiten. Weniger Aufträge, länger arbeiten. Besser hätte ich die Ausbeutung auch nicht beschreiben können.

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  • Josef der Zimmermann am 05.01.2018 14:14 Report Diesen Beitrag melden

    Sklaven der Moderne

    Sklaven sind zum arbeiten da. Wie ein Werkzeug. Wenn defekt wegwerfen und neues nehmen. Wen interessieren da schon Stunden.

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  • Clife am 05.01.2018 14:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Statt Überstunden neue MA einstellen?

    Warum bitteschön werden statt Überstunden nicht neue MA eingestellt? Antwort: Weil das Management dann ihre Boni hergeben müssten. Da wäre ein sehr starker Ansatz, meine Damen und Herren...Interessierte gibts zur Genüge. Stattdessen werden aber Leute gefeuert.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Skla verei am 09.01.2018 17:59 Report Diesen Beitrag melden

    Moderne

    Jedes Jahr wächst die Wirtschaft, auch zb wegen der Technologie. Noch nie hat deshalb jemand weniger arbeiten müssen.

  • Erich am 09.01.2018 12:39 Report Diesen Beitrag melden

    Gottseidank dürfen wir

    Ohne Aufschwung müssten wir nicht 20 Std mehr arbeiten.

  • Selbst denken am 08.01.2018 11:44 Report Diesen Beitrag melden

    Countdown läuft

    Der Währungscountdown von A. Popp. Da versteht man wirklich wie Arbeit und Geld zusammenhängt. Hat mi die Augen geöffnet. Vermögensschere etc. Immer mehr Arbeit auf weniger Menschen, sehe ich tagtäglich, selbst in der Verwaltung. Das Beamtendasein hat nur noch für das oberste Kader Gültigkeit. Jedes Jahr für die Bosse mehr Lohn. Aber ich als Sekretär (80%) erhalte Netto 3360.-, mache eine Weiterbildung damit ich da rauskomme.

    • O.Wotter am 08.01.2018 12:54 Report Diesen Beitrag melden

      Auch das war mal...damals

      schon interessant wie viele noch immer den Glauben an (wesentlich) mehr Salär durch Weiterbildung im Angestelltenverhältnis nicht verloren haben....

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  • renato am 08.01.2018 10:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Anders rum

    Dank Mehrarbeit haben wir Aufschwung sollte der Titel lauten! Aber die Arbeiter sollten auch einen dementsprechenden Lohnaufschung erfahren dürfen..

    • Rolf am 08.01.2018 12:08 Report Diesen Beitrag melden

      Wunsch denken

      Leider nur ein Wunsch. Den Chefs passt das nicht. Sonst kriegen Sie ja nicht mehr.

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  • FkYU am 06.01.2018 22:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tatsache

    Nur dass der Chef bei seiner Villa noch einen Pool bauen kann .Moderne Sklaverei Chefs sind alles Egoisten.