Deutlich mehr Absenzen

23. April 2018 10:47; Akt: 23.04.2018 13:02 Print

Der Job macht viele Schweizer psychisch krank

von V. Blank - Leistungsdruck und Überstunden: Angestellte fehlen vermehrt wegen psychischer Erkrankungen bei der Arbeit. Das liesse sich verhindern, meinen Experten.

Bildstrecke im Grossformat »

Zum Thema
Fehler gesehen?

Innert der letzten fünf Jahre haben die krankheitsbedingten Absenzen von Schweizer Angestellten um 20 Prozent zugenommen. Besonders stark angestiegen sind die Ausfälle wegen psychischer Erkrankungen: In diesem Bereich beträgt das Plus 35 Prozent.

Umfrage
Haben Sie schon einmal wegen einer psychischen Erkrankung bei der Arbeit gefehlt?

Das berichtet die «NZZ am Sonntag» unter Berufung auf Zahlen der Krankenversicherung Swica. Für Adrian Wüthrich, Präsident des Gewerkschaftsdachverbands Travailsuisse, sind die Gründe klar: «Viele Angestellte kommen mit dem steigenden Arbeitsdruck nicht mehr klar.»

«Permanente Top-Leistung gefordert»

Auch Pierre Vallon, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, ist der Meinung, dass sich der Stress am Arbeitsplatz ständig erhöht. «Die Angestellten sind immer stärker unter Druck, müssen permanent Top-Leistungen erbringen und Überstunden leisten», sagt er zu 20 Minuten.

Dass es darum zu mehr Krankschreibungen kommt, liege aber nicht nur an der erhöhten Belastung. «Heute spricht man offener über psychische Erkrankungen und identifiziert sie dadurch einfacher.» Ein Arbeitsunfähigkeitszeugnis ist aber nicht immer die beste Lösung bei psychischen Problemen, findet Vallon. «Das kann die Situation in gewissen Fällen noch schlimmer machen.»

«Chefs sollten früh reagieren»

Stattdessen sollten Ärzte, Arbeitgeber und Patient eine gemeinsame Lösung suchen und schauen, wie die Lage verbessert werden kann, damit es gar nicht zu einer Krankschreibung kommt. Dieser Meinung ist auch Niklas Baer von der Psychiatrie Baselland (siehe Interview): «Eine psychische Erkrankung heisst nicht immer, dass der Betroffene nicht arbeiten kann.»

Roger Ritler, Direktionsmitglied bei der Swica, sieht die direkten Vorgesetzten in der Pflicht. Konkret: Die Chefs sollten achtsam sein und reagieren, bevor es zu spät ist. «Schon bei kleinen Anzeichen einer psychischen Überbelastung wäre es ratsam, das Thema dem Mitarbeiter gegenüber anzusprechen», sagt er zu 20 Minuten.

Weniger Wochenendarbeit und Überstunden

Daneben gebe es konkrete Rahmenbedinungen, die Firmen schaffen können, um die Stressbelastung zu reduzieren, so Ritler: Etwa, dass die Mitarbeiter in der Regel nicht am Wochenende arbeiten oder nicht zu viele Überstunden leisten müssen.

Als Allererstes müsse aber die Firmenkultur stimmen. «Wenn der Job Spass macht, führt es auch nicht automatisch zur Überbelastung, wenn ein Mitarbeiter mal an einem Wochenende etwas fürs Geschäft erledigt.»

Der neue 17-Stunden-Tag

Gewerkschafter Wüthrich dagegen blickt besorgt auf die geplante Flexibilisierung der Arbeitszeiten in der Schweiz. «Damit wird die Belastung der Arbeitnehmer und die Zahl der gratis geleisteten Überstunden weiter zunehmen.» Bisher durfte der Zeitraum, innerhalb dessen Arbeit erbracht wird, die Dauer von 14 Stunden nicht überschreiten. Jetzt wird auf politischer Ebene diskutiert, diesen Zeitraum auf 17 Stunden ausweiten. Zudem soll auch Sonntagsarbeit im Home-Office erlaubt werden.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Basler am 22.04.2018 11:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ganz klar...

    Dafür benötigt man doch keine Erhebung... Alles wird teurer, die Löhne bleiben gleich und es wird immer mehr Leistung gefragt, aber die Oberen scheffeln sich die Taschen voll. Das Ungleichgewicht nimmt immer mehr zu, die Angestellten werden unzufriedener, sollte man mal drüber nachdenken!?

    einklappen einklappen
  • ich am 22.04.2018 11:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    arbeiten schadet der gesundheit

    kein wunder, heute muss ein arbeiter gleich viel machen wie vorher drei machten. dauernd überstunden und geforderte flexibilität sind nicht gesund

    einklappen einklappen
  • Daisydream am 22.04.2018 11:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    War ja klar

    Dass Herr Kaiser vom Arbeitgeberverband denkt, psychische Leiden wie Burnout oder Depressionen kämen nicht vom stetig steigenden Druck auf den Arbeitnehmer, immer mehr in kürzerer Zeit zu leisten, versteht sich von selbst. Wer gibt schon gern zu, Verursacher eines Burnouts zu sein. Es wäre noch interessant zu erfahren, wieviele Arbeitgeber von Schweizer Firmen ein Burnout oder Depressionen haben.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • nobody am 23.04.2018 18:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ja die lieben alleswissenden Arbeitger

    Herr Kaiser vergisst dass permanent erhöhter Druck und längere Präsenzzeit am Arbeitsplatz zu erhöhter psychischer Belastung und in der Folge Problemen in den Familien führt, weil diese sich vernachlässigt fühlt, der Arbeitnehmer sein Probleme mit nach Hause nimmt und sich in seinem Zwang seine Pflicht beim Arbeitgeber zu Erfüllen zuhause unverstanden fühlt. Burnout ein gesellschaftliches Phänomen? Ja, der Ursprung ist aber meistens die Arbeit und nicht die Familie. Es haben leider nicht alle die Gabe einer ausgezeichneten Psychohygiene.

  • Wolge am 23.04.2018 18:03 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht Stress sondern Sinnlosigkeit

    Meines Erachtens ist nicht der Stress an sich ein Problem sondern der ganze negative Stress. Sinnlose Aufgaben, Ziele und Termine. Hierarchische Pyramiden Organisationen mit Command & Control Management statt flache Netzwerke mit Mitspracherecht etc.

  • Thomas am 23.04.2018 17:43 Report Diesen Beitrag melden

    Hauptproblem

    Ist klar die maximale gesetzliche Wochenarbeitszeit muss runter sowie die unflexiblen Öffnungszeiten. Ich sage nicht Überzeit soll es nicht geben. Aber sie muss korrekt entschädigt werden und es darf klar nicht zur Tagesnorm werden!

  • Markus Wegmann am 23.04.2018 17:30 Report Diesen Beitrag melden

    Wer isch jetzt wundert

    hat die letzen 10 Jahre geschlafen. Ich sage das schon lange und jedem, aber ignorieren und weiterwursteln ist da einfacher. Wenn man die Probleme vertuscht und nicht löst, muss man sich nicht wundern.

  • EinfachIrgendjemand am 23.04.2018 17:07 Report Diesen Beitrag melden

    Einfach Krank...

    Als Ingenieur arbeite ich Tag für Tag daran, Prozesse zu automatisieren, um den Menschen Arbeit anzunehmen. Die Produktivität von jedem einzelnen ist unterdessen so hoch, davon konnte man vor Jahren nur träumen. Aber anstatt endlich einen nutzen aus unseren Errungenschaften zu ziehen, in dem Arbeitszeiten reduziert werden, steigt die Belastung nur immer weiter an. Ich frage mich, wozu ich das alles überhaupt noch mache...