Schöner Anreiz

19. Juli 2018 05:51; Akt: 19.07.2018 08:57 Print

Nur 4 Tage arbeiten bei Lohn für 5 Tage

von Isabel Strassheim - In einer Firma in Neuseeland machen Mitarbeiter den gleichen Job in vier statt fünf Tagen – bei vollem Lohn. Schweizer Arbeitgeber lässt das aufhorchen.

Bildstrecke im Grossformat »
Tellerwäscher in einem Schweizer Hotel: Wie viel schneller können wir wirklich arbeiten? Oder anders gefragt: Wie viel Luft steckt noch in unseren Arbeitsabläufen? In Neuseeland stellt ein Unternehmen von der 5- auf die 4-Tage-Woche um. Das Resultat: Kein Rückgang bei der Produktivität, aber mehr Zufriedenheit bei den Mitarbeitern. In den letzten fünf Jahren ging in der Schweiz die tatsächliche wöchentliche Arbeitszeit bei Arbeitnehmern mit Vollzeitstellen durchschnittlich um 15 Minuten auf 41 Stunden und 7 Minuten zurück. Die Resultate der Studie beruhen auf einer repräsentativen Stichprobenerhebung von rund 120'000 Personen pro Jahr, die über einen Zeitraum von 18 Monaten befragt wurden. Dafür wurden von den gemeldeten Arbeitsstunden Absenzen und Ferientage abgezogen und allfällige Überstunden hinzugerechnet. Bei den 20-Minuten-Lesern sorgte diese Meldung für emotionale Kommentare. Viele bemängeln, dass ihre Arbeitsstunden nicht abgenommen hätten oder höher als der Durchschnittswert seien. Am längsten gearbeitet wird in Branchen wie der Land- ... ... und Forstwirtschaft. Hier beträgt die tatsächliche wöchentliche Arbeitszeit 45 Stunden und 35 Minuten. Der Ländervergleich des Bundesamts für Statistik zeigt: Am höchsten ist die Arbeitszeit bei Vollzeitarbeitnehmenden in Island (42 Stunden und 54 Minuten). Die Schweiz liegt auf dem 2. Platz mit 42 Stunden und 36 Minuten. Danach ... ... folgt das Vereinigte Königreich mit 40 Stunden und 42 Minuten, dann ... ... Rumänien mit 40 Stunden und 36 Minuten. Auf dem zweitletzten Platz liegt ... ... Finnland mit 37 Stunden und 48 Minuten. Die geringste Arbeitszeit ... ... verzeichnet Frankreich mit 37 Stunden und 36 Minuten.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Ein Vermögensverwalter in Neuseeland lässt all seine Angestellten in vier Tagen die Arbeit von fünf Tagen erledigen – ohne Extrastunden. Die Firma Perpetual Guardian zahlt dafür den vollen Lohn. «Bekomme den Lohn für fünf, arbeite für vier Tage», sagt CEO Andrew Barnes.

Umfrage
Könnten Sie schneller arbeiten?

Während der zweimonatigen Testphase hätten die über 200 Mitarbeiter dieselbe Leistung erbracht. Sie sei sogar leicht gestiegen, sagt Firmenchef Barnes. Die Angestellten wurden dazu aufgerufen, ihre Arbeit besser zu organisieren und Abläufe effizienter zu gestalten. Der Firmenchef ging zudem davon aus, dass an einem Arbeitstag ohnehin nur wenige Stunden richtig gearbeitet wird.

Verpuffender Effekt

«Die enorme Leistungssteigerung dürfte nur von kurzer Dauer sein», sagt Arbeitspsychologe Felix Frei von der AOC Unternehmensberatung. Er geht davon aus, dass der Effekt nach einiger Zeit verpuffen wird. «Das normale Arbeitsleben sieht so nicht aus. Und eine Rückkehr zu fünf Tagen würde auf grossen Widerstand stossen.»

Den Schweizer Arbeitgeberverband lässt die 4-Tage-Woche bei der Firma aus Neuseeland aufhorchen: «Das wirft die Frage auf, weshalb diese Mitarbeitenden nicht auch ohne die verkürzten Arbeitszeiten dieselbe Produktivität an den Tag legten», sagt Sprecherin Daniela Baumann zu 20 Minuten. Die Arbeitgeber müssten davon ausgehen können, dass sich die Mitarbeitenden am Arbeitsplatz vollumfänglich der Arbeit widmen. «Dies sollte unabhängig von der Anzahl Arbeitstage der Fall sein.»

Wer verdient an der Effizienz?

Einen ganz anderen Schluss aus dem Modell in Neuseeland zieht dagegen die Gewerkschaft Unia: «Es überrascht nicht, dass erholte und zufriedene Mitarbeitende produktiver sind – es zeigt, dass gute Arbeitsbedingungen den Angestellten, aber auch den Betrieben nützen», sagt Sprecherin Leena Schmitter.

Auch die Firmen haben nichts gegen eine Erhöhung der Produktivität der einzelnen Mitarbeitenden. «Auch Unternehmen in der Schweiz testen immer wieder neue Konzepte, um die Arbeitsproduktivität und Mitarbeiterzufriedenheit zu steigern», sagt Baumann vom Arbeitgeberverband. Das könne auch durch Digitalisierung und Automatisierung sein.

Automatisierungen führen bei Firmen aber meist zu Entlassungen, weil Maschinen die Arbeit von Angestellten übernehmen. Hier sieht Arbeitspsychologe und Unternehmensberater Frei eine kürzere Arbeitswoche als faire Alternative: «Diese Rationalisierungsgewinne sollten wenigstens zum Teil an die Angestellten weitergegeben werden», sagt Frei. Eine 4-Tage-Woche mit einem Lohn, der über dem eines Teilzeitpensums liegt, wäre also auch auf diese Weise denkbar.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Catboot am 19.07.2018 06:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sparmassnahme

    In der Schweiz wird es so aussehen: Firma geht auf 4 Tage. Wer schon angestellt ist, der hat gleichen Lohn. Alle Neuzugänge erhalten 80% des eigentlichen Lohnes, denken, dass das 100% ist und weil in der CH niemand über seinen Lohn redet kommt der Arbeitgeber damit durch.

    einklappen einklappen
  • mirko am 19.07.2018 06:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    träumen darf man

    Bei allen Bürojobs ist das möglich: Versicherung, Bank, Post, Reisebüro. Die sitzen sowieso den Freitag nur ab. Bei allen handwerklichen Berufen ist es nicht möglich da zum Teil Wetter eine Rolle spielt. Ich denke nicht dass ein Chirurg einen Blindarm schneller entfernen kann. Übrigens 2/3 der Bevölkerung ist schon jetzt am Limit was Leistung betrifft

    einklappen einklappen
  • St.St am 19.07.2018 06:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Arbeitgeber = Maffia

    Wir Schweizer arbeiten uns zu Tode! Viel zu viel Stress darum haben viele Burnout und sind IV Bezüger. Der Arbeitgeber Verband in der Schweiz schaut das alle Arbeitgeber reich werden aber die Arbeitnehmer werden verheizt ausgebeutet und ausgenutzt!

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Innovativ am 20.07.2018 22:19 Report Diesen Beitrag melden

    Formen der versteckten Ausbeutung

    heutige "Praktikums", wo 100% Stellen für 10% Löhne "vergeben" werden.... Oder ist die nächste Modeerscheinung so genannte "Stundenlohn" Einstellung. So sehen moderne Formen einer versteckten Ausbeutung in Europa,

  • Martial2 am 20.07.2018 17:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mehr Freizeit = mehr Produktivität!

    New Zeeland geht mit dem besten Beispiel voran! Das sollte gesamt schweizerisch so sein, denn: Je mehr geniesst der Mensch Freizeit, Erholung und Ferien, desto mehr wird die Produktivität erhöht. Die Arbeitsklaverei ist längstens vorbei, das war noch im 18. Jahrhundert in den US-Südstaaten den Fall mit ausgewanderten Afrikaner!

  • Lulu75 am 20.07.2018 10:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mehr vom Leben

    Bei einem 100% Pensum fallen bei 5-tägiger Arbeitswoche nur 2 freie Tage. Eigentlich eine unverhältnismässige Aufteilung. Deshalb würde ein Tag mehr Freizeit zu besserem Wohlbefinden und vermutlich auch zu besserer Produktivität bei der Arbeit führen.

  • Glugzzi am 20.07.2018 07:58 Report Diesen Beitrag melden

    Fragwürdig

    Also, wenn auf 1x jemand gleiche Leistung in 4 Tagen erledigen werden kann, frage ich mich, was bis zu diesem Zeitpunkt alles falsch gelaufen ist. Geht nicht ganz auf. In meinem Umfeld kann das niemand

    • Martial2 am 20.07.2018 17:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Glugzzi

      Ganz einfach bessere Organisation und andere Arbeitseinteilung... Das funktioniert, habe ich als VL/VR auch auf diese Art gemacht!

    einklappen einklappen
  • HR Chef a.D. am 20.07.2018 07:54 Report Diesen Beitrag melden

    Bumerang

    Da werden einige Arbeitgeber schon zittern vor lauter Aufregung über die Möglichkeit, noch mehr Höchstleistungen aus ihren Sklaven herauszupressen. Noch mehr Kokain etc., um das alles auszuhalten. Burnouts und andere psychische und körperliche Krankheiten werden ja von der Allgemeinheit getragen. Dazu kommt, dass wir an Wochenenden während drei Tagen noch viel mehr Verkehr auf den Strassen hätten. Einfach nur noch krank ist das alles.