Bei Primark Innsbruck

24. Oktober 2013 09:11; Akt: 24.10.2013 12:50 Print

Auf der Jagd nach den Billig-Kleidern

von T. Bircher - 14'000 Facebook-Fans fordern, dass die Kleiderkette Primark in die Schweiz kommt. Was macht den Reiz der Wegwerfmode aus? 20 Minuten mischte sich unter die Schnäppchenjäger.

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Mit grossen Vorbehalten ist 20 Minuten-Reporterin Tanja Bircher in den Primark gegangen. Zurück kam sie mit einer vollen Tasche. Kostenpunkt: Nur 135 Franken. Die Billig-Kleider passen. Wie lange sie halten werden, ist jedoch offen. Die «erjagten» Schnäppchen: Eine Jeans, ein Pulli, eine Wollmütze, eine Tasche, Haarklammern, Lipgloss, Haargummis, ein Eyeliner, zwei Paar Highheels, fünf paar Socken, zwei Paar Ohrringe, einen BH und ein Slip. Im Primark in Innsbruck (Ö) traf 20 Minuten auf junge und ältere Schnäppchenjäger, darunter auch extra aus Zürich angereiste Schweizer. Verlockungen auf dem Weg zur Kasse: Überall liegen Abschminkmittel, Puderdosen oder Lippenstifte. Kaum einer greift hier nicht noch schnell zu. Primark gehört zu den beliebtesten Shoppingketten von Teenagern. Der Billigkleiderdiscounter mit Hauptsitz in Dublin soll nun auch eine Filiale in der Schweiz eröffnen. Das wollen Schweizer Studenten. Einer davon ist Nathan Yao. Die Facebook-Seite des Studenten namens Primark-Schweiz hat bereits fast 14'000 Anhänger. Hier die anderen drei von links: Yuri Steinmann, Soner Aydin und Raphael Clemencio. Nicht nur die Schweizer stehen auf Primark. So sah es bei einer Ladeneröffnung von Primark in Deutschland aus. Gekauft wird so ziemlich alles, was einem in die Hände fällt. Wenn es nicht passt, landet es im Abfalleimer - hat ja kaum was gekostet. Doch was die Jungen nicht zu wissen oder was sie nicht interessieren scheint: Die Kleider von Primark werden in Fabriken in Bangladesh hergestellt, wie eine Reportage des Fernsehsenders ZDF zeigt. Die Arbeiterinnen verdienen im Durchschnitt 30 Euro Monat.

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Wer im 1. Stock des Einkaufszentrum Sillpark in Innsbruck, Österreich, um die Ecke biegt, kommt nicht umhin, das Kleidergeschäft Primark zu bemerken: Das hellblaue Neonschild ist schon von Weitem zu sehen. Drinnen wird geboten, woran sich die Geister scheiden: Ultragünstige Mode, hergestellt von Näherinnen in Bangladesch – laut Kritikern zu Dumpinglöhnen.

Beim Betreten des Geschäfts fallen als erstes die gigantischen Einkaufstaschen auf, die am Eingang stehen. Zwei Frauen schnappen sich je zwei und marschieren zielstrebig auf ein Regal zu mit der Aufschrift «10 Euro». Das Zweite, was stutzig macht, ist der Geruch: Es riecht nach Chemie, die Kleider stinken. Doch ausser mir, scheint das niemand zu stören.

«Das ist so billig, das ist so geil»

Jede shoppingfreudige Schnäppchenjägerin wähnt sich hier im Paradies: Denn es gibt alles, wirklich alles, und es kostet sozusagen nichts. Schminkpinsel, Nagellack, Lipgloss, Haargummis, Christbaumschmuck, Kissen, Kuscheldecken, Damen-, Herren- und Kindermode, Schuhe, Schmuck, Lingerie, grosse Koffer, kleine Koffer, Taschen, künstliche Fingernägel und Augenwimpern, sogar Fusselroller. Nichts kostet mehr als 35 Euro.

Das ist auch das Hauptgesprächsthema unter den Einkäufern an diesem Dienstagmittag. «Schau, diese Jeans kostet nur neun Euro», sagt eine aufgeregte junge Frau zu ihrer Freundin. «Das ist unglaublich!», antwortet diese und ihre Stimme überschlägt sich fast. In jedem Gang hört man erstaunte, euphorische, exaltierte Ausrufe in den unterschiedlichsten Sprachen – Deutsch, Spanisch, Holländisch, Englisch und auch Schweizerdeutsch – alle sagen dasselbe: «Das ist so billig, das ist so geil.»

«So was findet man in der Schweiz nicht»

Im zweiten Stock neben einem endlos langen Schmuckregal steht ein Schweizer Pärchen. Erika Knobel hält eine Art Teppich mit Taschen dran in der Hand: «Lueg Reto, der kostet nur 16 Euro, da kann ich meinen ganzen Schmuck hineintun, den kauf ich.» Reto Stettler nickt. Die zwei kommen drei Mal im Jahr nach Innsbruck in den Primark, um einen Grosseinkauf zu tätigen.

«Letztes Jahr bin ich mit meiner 25-jährigen Tochter extra hergefahren – von Zürich, also über vier Stunden – weil sie Babykleider shoppen wollte», sagt Erika Knobel. Das habe sich gelohnt, die Preise seien fantastisch. «Ich habe eine Jeansjacke für 20 Euro gekauft», sagt Reto Stettler und deutet in seine Einkaufstasche, «so was findet man in der Schweiz nicht.» Braucht es seiner Meinung nach in der Schweiz auch einen Primark? «Ja unbedingt – aber nur, wenn die Preise auch so sind wie hier.»

«Wow, das ist ja krass»

Ein paar Meter weiter streiten sich zwei Teenager um ein paar blaue High Heels. «Wir haben beide dieselbe Schuhgrösse, aber es gibt diese Schuhe nur noch einmal.» Die zwei sind 14 und 15, wohnen ganz in der Nähe des Einkaufszentrums. «Wir kommen mindestens zwei Mal die Woche hierher.» Es sei «der Hammer», was man hier alles kaufen könne und wie wenig Geld man dafür ausgeben müsse.

Zu ihren Füssen stehen je zwei bereits überquellende Einkaufstaschen. «Das kostet nicht mehr als 150 Euro», sagt die eine. Auf die Frage, ob sie denn wissen, wo und wie diese Kleider hergestellt werden, antworten beide: «Keine Ahnung.» Ich kläre sie auf: In Fabriken in Bangladesch, Näherinnen arbeiten dort sechs Tage die Woche 11 Stunden lang und verdienen nur einen Euro pro Tag. «Wow, das ist ja krass.» Nach einer kurzen Pause sagt eine der beiden: «Also wir teilen uns die Schuhe und dann wechseln wir jede Woche ab, ok?» Sie nehmen ihre vollgestopften Taschen und gehen Richtung Kasse.

Shopping-Glück für 135 Franken

Auch ich stopfe eine Tasche voll, weil ich wissen will, wie viel ich hier für mein Geld kriege. Der Gang zur Kasse ist gesäumt mit kleinen Körbchen gefüllt mit Abschminkmittel, Puderdosen und Lippenstift. Die Schlange bewegt sich langsam, die Frauen bleiben stehen, stöbern in den Kosmetika. Praktisch jede nimmt sich hier noch ein paar Dinge. «Schau mal, vier Lipgloss für zwei Euro», sagt die Frau vor mir zu ihrem Freund.

Ich kaufte eine Boyfriend-Jeans, einen weissen Pulli mit Pailletten, ein kurzes graues Sweatshirt, eine weisse Wollmütze, eine grosse rote Tasche, Haarklammern, Lipgloss, Haargummis, einen Eyeliner, zwei paar High Heels, fünf paar Socken, zwei paar Ohrringe, einen Spitzen-BH und einen Slip. Kosten: 110 Euro, umgerechnet 135 Franken. Was mir wirklich passt, werde ich erst zu Hause sehen. Sonst werfe ichs halt in die Kleidersammlung, ist bei den Preisen ja nicht so schlimm. Das haben mir zumindest die beiden Mädchen versichert.

Billigkette oder Edelboutique – wo kaufen Sie ein?

Achten Sie beim Kleiderkauf nur auf den Preis oder vor allem auf die Qualität? Was halten Sie von Billigketten wie Primark? Würden Sie es begrüssen, wenn es einen solchen Laden auch in der Schweiz geben würde? Verraten Sie uns Ihre Meinung in der Umfrage >>>

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Theirry am 24.10.2013 09:22 Report Diesen Beitrag melden

    Pervers

    Es geht hier nicht darum, dass andere auch billig produzieren lassen und uns mehr abzocken. Andere Kleiderketten könnten locker die selben Preise anbieten, da im Textilbereich Margen von 300% und mehr völlig normal sind. Die Frage ist, wollen wir das Londumping im Verkauf weiter vorantreiben (Bei diesen Preisen können die nur schlechte Löhne bezahlen). Dazu gibt es einen Wertezerfall und die Kids werden schon früh in die Wegwerf Gesellschaft erzogen (Kostet ja nix, weg damit). Wollen wir auch das? NEIN! Für Faire Löhne (Auch in den Produktionsländern) und faire Preise für beide Seiten!

  • x.icht am 24.10.2013 09:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    shame

    und ihr fördert das noch...

  • maja naef am 24.10.2013 09:20 Report Diesen Beitrag melden

    teure Marken

    Auch teurere Marken werden in Bangladesch hergestellt.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Sam M. am 24.10.2013 15:59 Report Diesen Beitrag melden

    Haha, und aus diesem grunde...

    wird es nie einen primemark in der schweiz geben (beziehe mich auf die anderen kommentare hier). stimmt zum teil schon, allerdings werden viele andere top marken in den gleichen fabriken hergestellt, unter den gleichen bedingungen. was man da dazu bezahlt sind hauptsächlich marketing kosten. hört also bitte mit der heuchelei auf.

  • Abwasser chemisch belastet am 24.10.2013 13:28 Report Diesen Beitrag melden

    Die problematischen Chemierück-

    stände landen beim Waschen in unseren ARAs ! Das verteuert wiederum den Zyklus. Der Staat sollte eingreifen. Das ist Umweltverschmutzung pur ! Die Kosten bezahlen dann alle mit Wasseranschluss.

  • Dr. Chem. am 24.10.2013 13:18 Report Diesen Beitrag melden

    (...) Stinkt nach Chemie ! Achtung !

    Durch Das Tragen und Schwitzen können Giftstoffe über die Epidermis aufgenommen werden. Das kann auch Krebs und andere Krankheiten auslösen. Händeweg von Kleidern und Schuhen die nach Chemie stinken.

  • Berner Bär am 24.10.2013 10:13 Report Diesen Beitrag melden

    Wasser predigen, Wein trinken

    Es wäre interessant zu wissen, wer sich über die unmenschlichen Zustände in den entsprechenden Herstellerfabriken aufregt, aber dann solche Billigstkleider kauft.

  • Baptista Lurdes am 24.10.2013 10:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Primark lade

    Habe gleich erlebt im Portugal.... Shopping Center Colombo/Lissabon ....... Zuerst habe gedacht Herbst ausverkauft, jetzt weis um was geht's, neu lade Kette, tausend von Leute waren im lade hinein gerannt...... Sehr sehr billiger Kleid......