Feintool, Rieter und Co.

11. Dezember 2008 15:54; Akt: 11.12.2008 16:04 Print

Autozulieferer: 35 000 Schweizer Jobs in Gefahr

von Dajan Roman - Die Lage für die Schweizer Autozulieferer wird immer ungemütlicher; praktisch in der ganzen Branche wird Kurzarbeit eingeführt. Fast 35 000 Stellen stehen auf dem Spiel. Es wird zur Marktbereinigung kommen.

Fehler gesehen?

Die Gründe für die Einführung der Kurzarbeit gleichen sich. Was der Komponentenhersteller Feintool aus Lyss BE am Donnerstag mitteilte, gilt für sämtliche Branchenplayer: Alle haben mit einem «ungewöhnlich schnellen und signifikanten Einbruch der Nachfrage von den Kunden der Automobilindustrie» zu kämpfen. Die meisten haben auch bereits die Überzeit- und Feriensaldi sowie temporäre Arbeitskräfte abgebaut. Mit der Massnahme der Kurzarbeit – bei Feintool sind 40 Prozent aller Werke betroffen – wird überall versucht, die Stammbelegschaft zu halten.

Fast 35 000 Stellen stehen auf dem Spiel

Laut einer Studie der ETH Zürich arbeiten bei den Schweizer Autozulieferern 34 000 Mitarbeiter. Der Umsatz der 310 Unternehmen - 53 davon arbeiten ausschliesslich für die Autobranche - beträgt 16 Milliarden Franken. Viele davon sind speziell auf die gesättigten und grossen Märkte der USA und Westeuropa ausgerichtet. Am härtesten trifft es die Firmen mit dem grössten Umsatzanteil im Automotive-Bereich.

Patrick Laager, Analyst der Bank Vontobel, kennt die genauen Zahlen: «Feintool erzielt 85 Prozent des Gruppenumsatzes im Automotive-Segment, Rieter 60 Prozent, Komax 55 Prozent, EMS 52 Prozent und Georg Fischer 49 Prozent.» Doch damit nicht genug: «Hinzu kommt, dass zum Beispiel Rieter auch im Textil-Bereich tätig ist, wo ebenfalls eine Krise herrscht», so der Analyst.

Noch mehr Kündigungen sind denkbar

Die bisher getätigten Massnahmen, wie der Abbau von temporären Angestellten, Frühpensionierungen sowie die Einführung von Kurzarbeit sind je nachdem nur der erste Schritt. Laager prophezeit: «Je nach Schärfe der Krise – und diese ist scharf – wird es zu grösseren Entlassungswellen kommen, das heisst 10 bis 20 Prozent weniger Personal. Kurzarbeit kann lediglich über ein Jahr eine Option sein.»

Praktisch alle sind betroffen

Neben Feintool ist Kurzarbeit inzwischen bei vielen anderen Firmen Realität: Bei Tornos sind 90 Prozent der Mitarbeiter betroffen, bei Dätwyler 170 der 450 Beschäftigten, bei Sia Abrasives der Standort Frauenfeld. Komax führt in der Kabelverarbeitung am Standort Dierikon Kurzarbeit ein. Der Rieter-Konzern aus Winterthur will mindestens 2300 seiner 15 000 Stellen weltweit abbauen – in Winterthur 50 bis 60 Stellen, und für die Mehrheit der 900 Beschäftigten wird Kurzarbeit eingeführt.

«In der Autoindustrie wird ein Strukturwandel stattfinden»

Patrick Laager geht davon aus, dass im In- und Ausland eine Konsolidierung stattfinden wird. «Einzelne Firmen wie etwa Rieter werden ihr Geschäft umstrukturieren. Andere sind zu klein, um allein zu bestehen, und werden Fusionen eingehen.» Laagers Resümee: «Die Krise wird den überfälligen Konsolidierungsprozess beschleunigen. In der Autoindustrie wird ein Strukturwandel stattfinden.»

Die Margen in der Branchen sinken tendenziell von Jahr zu Jahr. Analyst Laager stellt klar: «Die initiierten Massnahmen sind lediglich ein Mittel gegen die momentane Krise. Doch weitere Massnahmen müssen getroffen werden, um langfristig überhaupt überleben zu können.» Der Fokus müsse auf eine Positionierung in Nischenmärkten mit hoher Innovationskraft und damit starker Preiskraft gelegt werden.