Fleischkartell

15. Juli 2014 15:16; Akt: 15.07.2014 18:14 Print

Bell-Aktie stürzt ab

Die angedrohte Kartellbusse über 120 Millionen Franken aus Deutschland lässt den Aktienkurs der Coop-Tochter Bell einbrechen. Der Titel stand teilweise fast 6,5 Prozent im Minus.

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Das deutsche Bundeskartellamt hat Wursthersteller am 15. Juli 2014 zu Bussgeldern von insgesamt rund 338 Mio. Euro verdonnert. Die deutsche Gesellschaft des Schweizer Fleischverarbeiters Bell soll allein rund 100 Millionen Euro (rund 121 Millionen Franken) zahlen. Bell will dagegen nun vorgehen. Am selben Tag eröffnete die Weko ein Verfahren. Sie verdächtigt zahlreiche Finanzdienstleister grosser Autohersteller der Preisabsprache und hat eine Untersuchung eingeleitet. Laut der Weko bestehen Anzeichen für einen regelmässigen Austausch von Informationen insbesondere betreffend Leasingraten. Zementhersteller Holcim wurde gemeinsam mit fünf weiteren Herstellern in Brasilien Anfang 2014 wegen unerlaubter Preisabsprachen zu insgesamt rund einer Milliarde Dollar an Strafen verurteilt. Die Weko verknurrt den deutschen Autobauer BMW zu einer Busse von 156 Millionen Franken wegen Behinderung von Direkt- und Parallelimporten in der Schweiz. Es wäre die bisher höchste Kartellbusse der Schweiz gewesen. Wegen überhöhter Terminierungsgebühren im Mobilfunk hätte der Telecom-Riese 333 Millionen Franken bezahlen müssen. Doch das Bundesgericht hob das Urteil auf. Gleich zweimal innert zwei Wochen wurde der Pharmariese Roche verurteilt. Einmal ging es um die Beteiligung an einem Kartell für Vitaminpräparate. Hier verhängte die EU-Kommission eine Geldstrafe von 462 Millionen Euro. Die zweite Klage betraf ein Zitronensäure-Kartell. Kostenpunkt: 63,5 Millionen Euro. Ob auch der Liftbauer Schindler bald zu den Spitzenreitern unter den Kartellsündern zählt, ist noch unklar. Derzeit ist seine Klage gegen eine Kartellbusse von 225 Millionen Franken beim Europäischen Gerichtshof hängig. Die EU-Kommission hat die beiden Schweizer Logistikkonzerne Kühne + Nagel sowie Panalpina der Teilnahme an mehreren Speditions-Kartellen bezichtigt. Sie wurden zu 53,7 und 46,5 Millionen Franken Busse verurteilt. Beide Unternehmen fechten die Klage an. Auch Nestlé steht im Fokus der Behördern. Die französische Wettbewerbsbehörde verurteilte den Schweizer Nahrungsmittelmulti gemeinsam mit zwei weiteren Firmen, die Hunde- und Katzenfutter herstellen, zu einer Busse von 23 Millionen Franken. Den drei Unternehmen wird vorgeworfen, den Grossisten Weitergabepreise diktiert zu haben. Der Industriekonzern ABB ist seit den Achtzigerjahren in mehreren Kartell-Fällen gebüsst worden. Spektakulär war zuletzt die Busse der EU-Kommission über 33,75 Millionen Euro im Zusammenhang mit der Aufteilung der Märkte für Leistungstransformatoren. Die Weko hat die Elmex-Herstellerin Gaba mit 4,8 Millionen Franken gebüsst. Dies, nachdem sich der Discounter Denner für günstigere Zahnpastapreise starkgemacht hatte, aber Gaba ihm Parallelimporte aus dem österreichischen Markt verweigerte.

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Wegen mutmasslicher Preisabsprachen mit Mitbewerbern hat die Coop-Tochter Bell eine grosse Busse am Hals. Die Firma um CEO Lorenz Wyss steht im Verdacht, gemeinsam mit 21 Fleischherstellern in Deutschland die Preise abgesprochen zu haben, um sie gegenüber dem Detailhandel durchzusetzen. Die deutsche Ablegerin des Schweizer Fleischverarbeiters soll allein rund 100 Millionen Euro (rund 121 Millionen Franken) Bussgeld zahlen. Die Anleger reagierten mit Verkäufen auf die schlechte Nachricht: Der Titel verlor bis Börsenschluss 5,54 Prozent.

Mehrheitsaktionärin der börsenkotierten Firma ist die Basler Coop-Gruppe. Sie besitzt einen Anteil von rund 66 Prozent. Ein weiterer grösserer Aktionär ist der Sarasin-Investmentfonds, der laut dem Bell-Geschäftsbericht einen Anteil von knapp 4 Prozent besitzt. Die Firma beschäftigt 6500 Angestellte, rund 3100 davon ausserhalb der Schweiz.

Bell: «Unverhältnismässige Busse»

In einer Stellungnahme schreibt Bell, der ergangene Bussgeldbescheid von umgerechnet rund 120 Millionen Franken sei sachlich falsch und rechtlich verfehlt. Zudem hält die Firma die Bussgeldhöhe in einer laut eigener Aussage margenschwachen Industrie für gänzlich unverhältnismässig. Die Bell-Gruppe gehört zu den grössten Fleischverarbeitern in Europa und erzielte im letzten Jahr einen Nettoerlös von 2,6 Milliarden Franken. Der Gewinn lag bei 76,6 Millionen Franken.

Bell kündigte an, sich umfassend zu verteidigen und den Bussgeldbescheid vor Gericht angreifen zu wollen. Bis zu einer endgültigen gerichtlichen Klärung dürften aber mehrere Jahre vergehen. Die Ermittlungen sind laut Kartellamt nach einem anonymen Hinweis ins Rollen gekommen. Im Januar 2009 hatten Ermittler 19 Unternehmen durchsucht. Seitdem waren dem Kartellamt zufolge noch einige Firmen hinzugekommen.

Zahnpasta, Rolltreppen, Tierfutter – sehen Sie oben in der Bildstrecke, welche Schweizer Firmen in den vergangenen Jahren noch mit Kartellvorwürfen zu kämpfen hatten.

(sas)