Bewerbungen

15. August 2019 04:44; Akt: 15.08.2019 13:16 Print

Studenten schämen sich für ihre Nebenjobs

Sollte man branchenfremde Nebenjobs im Lebenslauf angeben? Manche Bewerber tun es nicht, weil sie sich schämen.

Zum Thema
Fehler gesehen?

In der Stellenausschreibung wird Berufserfahrung gewünscht – die fehlt vielen Studien- und sogar Lehrabgängern aber erst mal noch. Und wenn man in der Schule oder während des Studiums als Velokurier, im Callcenter oder an der Bar jobbte, gibt man das bei der Bewerbung als Ingenieur oft lieber nicht an.

Umfrage
Hatten Sie während der Ausbildung einen Nebenjob?

Leser Stefan etwa hatte vor seinem Studienabschluss auf einem Bauernhof gearbeitet. Da die Stelle wenig mit dem Bürojob zu tun hatte, für den er sich später bewarb, zögerte er beim Lebenslauf: «Ich hatte Angst, dass ich als verzweifelt wahrgenommen werde, und liess es am Schluss einfach weg.» Auch Leserin Coco sagt, sie gebe Nebenjobs nur an, wenn sie etwas mit dem künftigen Beruf zu tun hätten.

Studienabgänger schämen sich

«Manche Studienabgänger schämen sich für ihre Nebenjobs oder sind sich schlicht nicht bewusst, dass auch diese Art von Engagement auf dem Lebenslauf positiv wirken kann», sagt Personalexperte Michel Ganouchi von Recruma zu 20 Minuten. Selbst branchenfremde Jobs würden die Persönlichkeit des Bewerbers darstellen.

Auch Ruth Widl Studer vom HR-Netzwerk HR4HR sagt zu 20 Minuten, Studienabgänger würden sich teils schämen, wenn sie statt des gewünschten Praktikums lediglich einen branchenfremden Nebenjob angeben können. Doch das sei eine «falsche Scham», und gerade ein spezieller Nebenjob könne auf wertvolle Kompetenzen hinweisen.

«Viele Studienabgänger sind extrem stolz auf ihre akademische Laufbahn und Abschlussarbeiten – dadurch werten sie andere Tätigkeiten etwas ab», sagt HR-Experte René Mast von BDO Schweiz zu 20 Minuten. Zudem würden sie unterschätzen, wie viel Wert Arbeitgeber auf geleistete Arbeit legen.

Lebenserfahrung wird geschätzt

Dass es sich lohnt, Nebenjobs im Lebenslauf anzugeben, bestätigen auch die Arbeitgeber: «Wir schätzen Bewerber, die nicht nur Fachwissen mitbringen, sondern auch Lebenserfahrung», sagt Thomas Merz. Als Prorektor der Pädagogischen Hochschule Thurgau stellt er Dozenten ein.

Bekommt er einen Lebenslauf, in dem auch Nebenjobs aufgeführt sind, schliesst er auf ein breites Interesse des Kandidaten. «Auch nicht direkte Qualifikationen können von Vorteil sein, denn man sieht, dass sich jemand engagiert oder sich auch nicht zu schade für einfache Jobs ist.»

Soziale Kompetenzen

Studenten, Lehrabgängern wie auch Lehrstellenbewerbern empfiehlt der Kaufmännische Verband, Arbeitserfahrungen im Lebenslauf immer zu erwähnen, auch ehrenamtliche Tätigkeiten wie ein Captain-Posten im Sportverein. Das hebe soziale Kompetenzen hervor, sagt Verbandssprecherin Emily Unser.

Je näher ein Nebenjob beim Studium respektive beim später ausgeübten Beruf liege, desto besser, sagt Christian Maduz vom Arbeitgeberverband. Doch seien Berufserfahrungen generell gern gesehen: «Denn erst im Erwerbsleben zeigt es sich, ob und wie gut ein Bewerber sich in einem Betriebsablauf zurechtfindet. Dies wird in Form eines Arbeitszeugnisses festgehalten, das zudem auch über die Arbeitsweise eines Bewerbers informiert.»

Besser als gar nichts

Wenn erste Erfahrungen im Berufsfeld eine absolute Voraussetzung sind, stehen die Chancen natürlich schlechter für Bewerber, die bisher lediglich in anderen Branchen gearbeitet haben. Laut Ganouchi macht sich ein Studentenjob auf dem Lebenslauf aber immer noch besser als gar nichts.

Praktikumserfahrung im konkreten Berufsfeld wird in der Schweiz immer häufiger vorausgesetzt, sagt der Personalexperte. Das habe unter anderem damit zu tun, dass die Zahl der angebotenen Praktika in der Schweiz im Verlauf der vergangenen zehn Jahre stark gestiegen sei. Das könne bei Bewerbern den falschen Eindruck wecken, dass branchenfremdes Engagement weniger geschätzt werde.

(ish/rkn)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Papa Bär am 15.08.2019 05:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Arbeit schändet nicht!

    Niemals, im Gegenteil. Es beweist dass man sich auch mal die Finger schmutzig machen kann. Einige CEO's können dies auch heute noch.

    einklappen einklappen
  • KlarteXter am 15.08.2019 05:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unbedingt angeben - ein Plus!

    Ich stelle in leitender Funktion immer wieder Mitarbeiter ein. Für mich sind solche Nebenjobs - gerade um die Ausbildung zu finanzieren - in mehrfacher Hinsicht ein Plus. Nachtwächter? Croupier? Service? Nachhilfeunterricht? All das gibt Lebens- und Berufswelterfahrung!

    einklappen einklappen
  • Anerom am 15.08.2019 05:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ein Plus

    Ich finde es ein Plus wenn die Nebenjobs erwähnt werden. Das zeigt Ehrgeiz und dass man sich nicht zu schade ist.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Andi am 16.08.2019 10:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wer nicht Narurwissenschaften

    Oder Mathematik studiert, ist eine Schande für die Welt.

    • Expat am 16.08.2019 11:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Andi

      Hoffe ich interpretiere richtig dass das deine Art von schwarzem Humor ist

    einklappen einklappen
  • Stef am 16.08.2019 10:05 Report Diesen Beitrag melden

    zu viele Studenten

    Schämen? Es gibt Personen die solche arbeiten ein Lebenlang ausführen. Habt ihr Studis das Gefühl dass ihr mehr wert seit? Bis 30 keine Steuern zahlen und auf easy life machen ist eher zum schämen.

  • Marsipulami am 16.08.2019 08:40 Report Diesen Beitrag melden

    Wieviele davon gibt es wirklich?

    Sind die Studenten nicht fürs Arbeiten gemacht? Also erwähnt doch ruhig eure fleissigen Arbeiten, auch wenn es Nebenjobs sind, in euren vollkommenen Lebenslauf :)

  • Grisu am 16.08.2019 08:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kann ich nachvollziehen!!!

    Ich finde es fast eine Zumutung, dass sich die Studenten in die Niederungen der Arbeiterkaste hinunterbegeben müssen!!! "Sarkasmusoff"

  • Grumple am 16.08.2019 07:46 Report Diesen Beitrag melden

    Arbeit adelt .. (meist nicht reziprok )

    Niemand soll sich seiner Arbeit schämen wenn er sie gut, professionell und fleissig macht. Ich respektiere jeden Menschen der seine Sache gut macht. Auch der Müllmann der sich müht oder die Prostituierte an der Ecke welche ihren Job beherrscht wertvolle Beiträge in der Gesellschaft. Was ich nicht respektiere sind Menschen die nichts tun, nichts können und sich darauf auch noch etwas einbilden (Influencer, gesisse Promis, It-Girls .. etc)..