Transparenz-Initative

04. April 2016 05:34; Akt: 04.04.2016 05:34 Print

Bezahlte Reisen für Ärzte werden ab Juni öffentlich

von Isabel Strassheim - Von welchen Pharmafirmen lässt sich ein Arzt Flug, Hotel und Kongresskosten bezahlen? Das soll für alle nachlesbar werden. Aber nicht alle Ärzte machen mit.

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Welche Geschenke die Pharmaindustrie Ärzten und Apothekern in der Schweiz machen darf, ist streng geregelt: Schlüsselanhänger oder Stifte mit Firmenlogo, die an Veranstaltungen aufliegen, sind seit 2015 verboten. Auch die Teilnahme an Kongressen und die Spesen hierfür müssen Ärzte und Apotheker mindestens zu je einem Drittel selbst bezahlen. Ab dem 20. Juni wird nun von den Firmen auch die genaue Summe veröffentlicht, die sie an einzelne Ärzte hierzu gezahlt haben. «Patienten können dann im Internet nachschauen, wie viel Geld Ärzte, Apotheker oder Spitäler von einer Pharmafirma bekommen haben», sagt Jürg Granwehr zu 20 Minuten. Er ist beim Verband Scienceindustries für die Umsetzung der Transparenz-Initiative zuständig.

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Das Projekt hat allerdings einen Haken: Die betroffenen Ärzte und Apotheker müssen der Veröffentlichung zustimmen, sonst gilt ihr Datenschutz. «Niemand kann zur Zustimmung gezwungen werden», sagt Granwehr. Die Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte FMH ist allerdings klar für die Offenlegung: «Wir erhoffen uns mehr Transparenz und Unabhängigkeit», sagt FMH-Präsident Jürg Schlup zu 20 Minuten.

Nur wenig Ärzte haben Angst vor der Durchleuchtung

Ärzte-Verbände geben zudem die Empfehlung ab, dass Firmen in Zukunft nicht mehr mit Ärzten oder Apothekern zusammenarbeiten, wenn diese eine Veröffentlichung der empfangenen Zahlungen ablehnen. Aufgeschlüsselt wird bei einer Offenlegung auch, ob das Geld für Dienstleistungen und Beratungen im Rahmen der Forschung oder für die Teilnahme an Kongressen gezahlt wurde.

«Die Zustimmungsrate für die Offenlegung ist bislang im Vergleich zu verschiedenen Nachbarländern in der Schweiz ermutigend», sagt Granwehr. Die Initiative gilt nämlich für ganz Europa. In der Schweiz sollen rund zwei Drittel der betroffenen Ärzte zugestimmt haben.

Ändert die Offenlegung die Verschreibungspraxis?

Was die neue Transparenz tatsächlich bringt, ist ungewiss. Die Offenlegung soll dem Verdacht entgegentreten, Ärzte würden bestimmte Medikamente wegen empfangener Zahlungen verschreiben. Es gibt allerdings Ärzte, die befürchten, dass im Gegenteil die Vorurteile dadurch nur bestätigt werden.

Gegen eine bezahlte Zusammenarbeit von Ärzten und Pharmaindustrie ist laut Novartis nicht unbedingt etwas einzuwenden: «Sie ist für die Erforschung und Entwicklung neuer Behandlungen und Therapien unerlässlich», stellt der Pharmariese klar. Gerade deswegen setzt sich der Konzern auch für die neue Initiative ein.

Vorbild für die Transparenz-Initiative ist der Payment Sunshine Act in den USA, der seit 2013 gilt. In Europa will die Industrie mit ihrer Selbstverpflichtung allerdings einer Transparenzpflicht per Gesetz zuvorkommen. Eine Studie in den USA, zeigt jedoch , dass sich die Verschreibungspraxis die gleiche geblieben ist: Bei Medikamenten wie bestimmten Blutdrucksenkern oder Antidepressiva, bei denen das Marketing eine grosse Rolle spielt, weil es viele Anbieter für denselben Wirkstoff gibt, hat sich mit dem US-Gesetz nichts geändert.

Bestechungsklagen gegen Novartis in den USA

Auf die Zeit noch vor dem Sunshine Act bezieht sich eine aktuelle US-Klage gegen den Schweizer Pharmariesen Novartis. Der Vorwurf: Zwischen 2002 und 2011 sollen Ärzte von Novartis zu 80'000 Anlässen in Luxus-Restaurants oder Bars eingeladen worden sein. Die Ärzte sollten auf diese Weise dazu gebracht werden, Herzkreislauf-Medikamente von Novartis zu
verschreiben.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Querdenker am 04.04.2016 07:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Transparenz

    Alle schreien nach Transparenz. Woher weiss ich denn, dass es für mich eine bessere, andere Tablette als die verschriebene auch gegeben hätte?? Und warum gibt es immer noch keine Transparenz bei der Finanzierung der politischen Parteien/Politiker/Interessenvertretungen?

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  • Thomas am 04.04.2016 06:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das ist ja wohl ein Witz!

    "Die betroffenen Ärzte und Apotheker müssen der Veröffentlichung zustimmen" somit ist die Liste ein Witz. Wer der Ärzte/Apotheker stellt sich schon freiwillig an den Pranger!

  • Lukas Birchler am 04.04.2016 07:10 Report Diesen Beitrag melden

    Was anderes

    Habe mal gehört, dass Ärzte bei der gleichen Leistung beim Privatversicherten mehr bekommen... ist das wahr? & wenn ja warum? Sie machen ja beides mal das exakt genau gleiche?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Sehnsucht 67 am 04.04.2016 10:26 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Abzocke

    Hey was soll diese Aufregung? Wir bezahlen das ja alles mit unserer Krankenkasse. Glaubt ihr wirklich das sich die Pharmaindustrie und Ärzteschaft sich davon beeindrucken lassen? Es wird sich sicher etwas finden wie man dieser sogenannten Transparenz entfliehen kann. In der Schweiz sagt man dem im allgemeinen " sau häfeli sau deckeli ".

  • Peter M am 04.04.2016 09:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Panama

    Ja natürlich! Die Ärzte sind die wahren Abzocker der Gesellschaft und die grössten Steuersünder dazu! Schaut ihr doch in die Panama Papers! Dort sind doch vor allem Ärzte erwähnt

    • terri am 04.04.2016 10:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Peter M

      Haben Sie gestern Anne Wille geschaut und heute die SZ gelesen? Wohl kaum.Wohl kaum, ansonsten würden Sie wohl kaum einen solchen Unsinn von sich geben.

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  • Lisa am 04.04.2016 08:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hetzerei

    Entweder vertraue ich mein Arzt und freue mich wenn er sich weiterbildet, oder suche ein anderer.

  • Toyboy am 04.04.2016 08:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Viele Ärzte haben keine Klasse

    ist doch völlig egal ob die Ärzte bestochen werden, wenn sie sich so bestechen lassen, dann haben sie keine Klasse. Wichtig ist vorallem dass diese Medikamente auch wirklich nützlich sind, nur aber genau da wird viel verschleiert. Die meisten Medikamente sind einfach nur teuer aber haben praktisch keinen Nutzen.

    • Supermario am 04.04.2016 09:55 Report Diesen Beitrag melden

      Vollkommen richtig

      "Bestechung" oder "Verkaufsförderung" ist eben manchmal nicht ganz so leicht abzugrenzen!

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  • Klaus Berner am 04.04.2016 08:11 Report Diesen Beitrag melden

    Alles korrupt

    Die korrupteste Branche der Welt, dagegen ist die FIFA ein Klosterorden, was dort gemauschelt und bestochen wird ist so gut wie nicht publik, für mich sind jegliche Art von "Geschenken" ein Akt der Korruption, frage mich weshalb das nicht strafrechtlich verfolgt wird ist etwa unsere Justiz auch mit "Greschenken" involviert.

    • Bruno am 04.04.2016 08:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Klaus Berner

      Es ist zwar etwas beschämend aber in der Schweiz ist Korruption nicht wirklich verboten zumindest nicht wenn man Geschenke erhält um an Aufträge oder ähnliches zu kommen. wurde in den 90er Jahren extra eingeführt um die Schweizer Wirtschaft zu stärken- schützen usw.

    • Bankkundin am 04.04.2016 08:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Bruno

      Meine Bank lädt mich immer wieder zu irgendwelchen Anlässen..,

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