Schweizer Blockchain-Banker

20. Juni 2019 04:42; Akt: 20.06.2019 04:42 Print

«Jeder wird sich eigenes Geld ausstellen können»

von Isabel Strassheim - Das neue Geld von Facebook sei erst der Anfang, sagt der Schweizer Banker Richard Olsen. Er arbeitet daran, dass jeder eigenes Geld herausgeben können soll.

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Facebooks Libra zeige, dass es dank Blockchain ganz neue Zahlungsmittel geben könne, sagt Richard Olsen. Der Schweizer Richard Olsen (65) ist Gastprofessor am Zentrum für rechnergestützte Finanzmärkte der britischen Universität Essex. Und er ist Gründer und CEO des Start-ups Lykke (auch das Medienhaus Tamedia, zu dem 20 Minuten gehört, hat darin investiert). Lykke ging diesen Frühling frisch an den Start und ermöglicht den Austausch von elektronischem Geld, den sogenannten Token. Digitales Geld (Token) kann jeder herausgegeben, es hat mit Franken oder Dollar nichts mehr zu tun. Schon heute zahlen wir auch mit «Coop- oder Migros-Geld»: Die Superpunkte ... ... und die Cumulus-Punkte sind nichts anderes als ein von den Detailhändlern herausgegebenes Einlöseversprechen. Sie funktionieren wie Geld. Den Wert von Token sollen laut Richard Olsen private Autos, Grundstücke oder andere Güter garantieren. Die neue Währung von Facebook ist mit Dollar, Euro und anderen klassischen Währungen hinterlegt. Die digitale Währung wird Libra heissen und im nächsten Jahr lanciert werden. Zu Facebook gehören auch die Plattformen Whatsapp und Instagram. Der Schweizer David Marcus ist für das Projekt verantwortlich. Der 46-Jährige wurde in Frankreich geboren und wuchs in Genf auf. Marcus zog 2008 ins Silicon Valley und wechselte 2014 zu Facebook, wo er unter anderem für die Messaging-Produkte verantwortlich war. Facebook-CEO Mark Zuckerberg will mit Libra die Finanzwelt umkrempeln. Libra wird ein sogenannter Stable Coin. Das heisst, ein Libra entspricht dann zum Beispiel immer einem Franken, erklärt Alexander Denzler, Blockchain-Experte der Hochschule Luzern. Darum ist Libra keinen Kursschwankungen ausgesetzt wie zum Beispiel die Kryptowährung Bitcoin. Mit Libra sollen Nutzer in Facebook-Diensten wie Whatsapp oder Instagram anderen Geld überweisen können. Auch bei anderen Online-Händlern soll man mit Libra bezahlen können.

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Herr Olsen, Facebook hat Pläne für die eigene Währung Libra vorgestellt. Wird sie die Banken überflüssig machen?
Das Facebook-Geld Libra ist wie ein Riss im Damm der Finanzindustrie. Bislang hat die Blockchain-Technologie bei ihr noch nichts verändert. Nun aber kommt Facebook und bringt Schwung in die Sache. Denn wir haben längst die Technologie für ein neues Geldsystem ohne Banken.

Werden die Banken mit Libra gerade rechts überholt?
Als das Smartphone kam, konnte sich am Anfang niemand vorstellen, dass man damit mehr kann als nur telefonieren. Es hat eine Weile gedauert, bis klar wurde, welche Revolution das ist. Ähnlich ist es mit der Blockchain.

Was meinen Sie damit genau?
Der Libra zeigt, dass es dank Blockchain ganz neue Zahlungsmittel geben kann. Das hat nichts mit Kryptowährungen wie Bitcoin zu tun. Im Prinzip geht es um digitale Münzen, sogenannte Token. Es ist nicht mehr nötig, dass Notenbanken fälschungssichere Banknoten drucken und wir mühsam mit Münzen und Banknoten bezahlen.

Wie funktionieren diese Token?
Das geht noch über Facebooks Libra hinaus. Der Libra ist mit herkömmlichen Währungen hinterlegt. Aber Token haben private Sachwerte zur Grundlage. Das heisst: Jeder kann einen Kredit aufnehmen, indem er etwa den Verkaufswert seines Autos als Pfand angibt und sich eigenes Geld ausstellt. Auch Unternehmen wie Migros, Coop oder Amazon können ihr eigenes Geld herausgeben. Es wird den Migros- und Coop-Franken und den Amazon-Dollar geben. Das ist noch revolutionärer als der Libra.

Wieso sollen denn Detailhändler Geld herausgeben?
Detailhändler geben schon jetzt Geld heraus: die Cumulus- oder Superpunkte sind schon heute ein spezielles Zahlungsmittel. Dank Blockchain-Technologie können Firmen ihre Gutscheine als digitaler Token herausgeben und so können wir diese Token zum Bezahlen einsetzen. Mit solchen Coop-, Migros-
oder Amazon-Token können auch Mitarbeiter bezahlt werden.

Dann gäbe es unzählige Parallelwährungen?
Die Token-Economy wird eine Welt mit Tausenden von Parallelwährungen werden. Das täuscht aber, denn es wird eine Reihe von Leitwährungen geben mit einem sehr grossen Marktanteil. Aber nicht so gross wie der heutige Dollar und Euro. Ich erwarte, dass Städte eine grössere Bedeutung erlangen werden und ihre Tokens, zum Beispiel der Zürich Token, eine
lokale Leitwährung sein wird. So wird es auch einige Unternehmens-Token als Leitwährungen geben.

Wie aber soll ich etwa mit einem Amazon-Gutschein bei anderen Firmen bezahlen?
Reisen wir im Ausland, können wir mit unseren Kreditkarten auch in anderen Währungen wie Dollar, Pfund oder auch Rubel
bezahlen; in gleicher Weise geht das mit den Token im Smartphone: Vom Nutzer unbemerkt wird der Amazon-Gutschein in den Token gewechselt, die der Empfänger erhalten möchte. Die Verkaufs- und Kauftransaktion der verschiedenen Token wird im Hintergrund abgewickelt.

Was soll der Vorteil gegenüber der jetzigen allgemeinen Währung sein?
Es wird ähnlich wie beim traditionellen Tauschwarenhandel: Die Token-Economy wird es auch Privatleuten viel einfacher machen, eigene Token zu lancieren und so ihre Projekte effizient zu finanzieren.

Die Notenbanken haben die Funktion, die Wirtschaft zu steuern und die Werthaltigkeit des Geldes zu garantieren.
Notenbanken wird es weiterhin geben, aber ihre Bedeutung wird abnehmen, da der Marktanteil der traditionellen Währungen sinkt. Es ist heute ein grosser Nachteil, dass die
Notenbanken und ihre traditionellen Währungen keine Konkurrenz haben. Die Parallelwährungen werden das Wirtschaftssystem stärken.

Haben Blockchain-Firmen wie Ihre das Recht, neues Geld herauszubringen?
Wir haben die Lizenz als Wertschriftenhändler bei der Finanzmarktaufsicht (Finma) beantragt. Dafür haben wir zwei Jahre lang alle möglichen Nachweise zusammengestellt. Die Lizenz ist ein wichtiger Schritt, um unsere Produkte auf den Markt zu bringen. Die Schweiz ist mit 700 bis 1000 Firmen einer der weltweiten Hotspots für die Entwicklung der dafür nötigen Blockchain.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mike am 20.06.2019 05:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wert des Geldes

    Jeder kann sein eigenes Geld ausstellen, doch wenn es die Leute nicht nutzen, dann ist das Geld nichts wert. Egal wie viel man davon hat.

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  • Expat am 20.06.2019 05:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Da verweigere ich mich

    Ich werde da ganz bestimmt nicht mitziehen und meine Ware wie gewohnt hier in Südostasien beim Händler auf dem Markt bar bezahlen. Diese ganzen Token und Block chain sind dazu da, einige wenige reich zu machen und die alle anderen noch stärker zu kontrollieren als es jetzt schon der Fall ist. Selber schuld, wer in diese Falle tappt und sich ausliefert. Es wird immer Alternativen geben.

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  • User79 am 20.06.2019 05:45 Report Diesen Beitrag melden

    Wert einer Währung

    Es ist ja schön und gut das jeder seine eigne Währung herausgeben kann. Nur wird dabei ein kleiner aber dennoch nicht ganz unwichtiger Punkt vergessen. Die Währung ist nichts Wert, wenn sie nicht akzeptiert wird. Bei mir gibt es nichts für Comulus oder Superpunkte. :) Genauso wenig für Bitcoins.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Daisydream am 21.06.2019 14:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wie bitte

    .....jeder kann dann z.B. se8n Auto als Pfand geben. Scheint mir eine neue Art Schuldenfalle zu sein. Also, nein danke.

  • Didi Weidmann am 21.06.2019 13:59 Report Diesen Beitrag melden

    Espero-Geld gibt's heut schon!

    Es kann heute schon jeder sein eigenes Geld ausstellen. Parzival' zeigt allen, die interessiert sind, in seinem Esperanto-Pavillon in der Robert-Walser-Skulptur auf dem Bahnhofplatz in Biel noch bis am 8. September 2019 wie man sein eigenes Espero-Geld produziert! Und im Gegensatz zu den unzähligen virtuellen und staatlichen Währungen hat das Espero-Geld von Parzival' einen echten Gegenwert: Für einen Espero bekommt man als Gegenleistung eine Esperanto-Lektion bei Parzival' oder eben die Leistung, die der Aussteller dafür verspricht!

  • commandershran am 21.06.2019 10:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    berichte

    Werdet ihr uns jetzt mit Libra Berichten vollbomben bis wir es unter genug Druck akzeptieren oder warum macht ihr fast jeden Tag einen Bericht darüber? Vor allem Berichte, die absolut nicht kritisch wirken und es schon fast als was gutes darstellt....

  • Silberdistel am 21.06.2019 10:19 Report Diesen Beitrag melden

    Eigenes Geld

    Jeder sein eigenes Geld ? Ich bin halt noch altmodisch und traue dieser ganzen Geschichte nicht. Da werden einige reich und der Rest wird verlumpen.

  • Tony am 21.06.2019 10:17 Report Diesen Beitrag melden

    Bitte nicht.

    Oh, nein! Ich habe meinen Facebook-Account schon lange gelöscht. Komme ich nun wieder rein? Schwachsinning.