Luftfahrt

12. Oktober 2019 05:36; Akt: 13.10.2019 13:01 Print

Boeing-Chef muss seinen Stuhl räumen

Das amerikanische Unternehmen steckt nach zwei Flugzeugabstürzen in der Krise. Nun kommt es zu einem Wechsel des Verwaltungsratsvorsitzes.

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Der US-Luftfahrtriese Boeing ordnet seine Führungsetage im Zuge der Krise um den nach zwei Abstürzen mit Startverboten belegten Flugzeugtyp 737 Max neu. Dennis Muilenburg wird den Verwaltungsratsvorsitz abgeben, wie der Konzern am Freitagabend in Chicago mitteilte. Er soll sich stattdessen als Vorstandschef in Vollzeit um die angestrebte Wiederzulassung der 737 Max, die Bedürfnisse der Kunden und die Verschärfung von Boeings Fokus auf Produkt- und Service-Sicherheit kümmern können.

Den Verwaltungsrat des Flugzeugbauers soll künftig David L. Calhoun leiten - als nicht geschäftsführender Vorsitzender. Calhoun sprach Muilenburg im Namen des Gremiums Rückendeckung aus: «Der Rat hat volles Vertrauen in Dennis als Vorstandschef.»

Muilenburg erklärte in der Mitteilung des Unternehmens, dass er die Entscheidung des Verwaltungsrats voll unterstütze. Das gesamte Team sei darauf fokussiert, die 737 Max wieder sicher in den Betrieb zu bringen. Anleger reagierten auf die Nachricht zunächst gelassen, Boeings Aktien drehten nach Börsenschluss lediglich leicht ins Minus.

Aus der Schusslinie

Mit dem Personalwechsel auf oberster Ebene setzt der Konzern ein klares Zeichen in Sachen Krisenmanagement. Der Schritt dürfte aber auch dazu dienen, Muilenburg etwas aus der Schusslinie zu bringen. Der 55-Jährige steht durch das 737-Max-Debakel nach zwei Abstürzen mit Hunderten Toten auch selbst stark in der Kritik und war bereits mit Rücktrittsforderungen konfrontiert. Mit Calhoun steht dem Verwaltungsrat - der als oberstes Gremium dem Vorstand übergeordnet ist - künftig ein Private-Equity-Mann vor, der im Boeing-Direktorium bislang nicht sonderlich auffiel.

Die 737-Max-Abstürze in Indonesien und Äthiopien, bei denen im Oktober und März insgesamt 346 Menschen starben, haben Boeing in eine tiefe Krise schlittern lassen. Der Konzern steht im Verdacht, die Unglücksflieger im scharfen Wettbewerb mit dem europäischen Erzrivalen Airbus überstürzt auf dem Markt gebracht und dabei die Sicherheit vernachlässigt zu haben. Boeing weist dies zwar zurück, hat aber verschiedene Fehler und Pannen eingeräumt. Es droht grosser rechtlicher Ärger - das Unternehmen steht zahlreichen Klagen etwa von Angehörigen der Absturzopfer, Piloten und Investoren gegenüber.

Brenzliger Fall

Für Boeing ist der Fall besonders brenzlig, weil eine Fehlfunktion bei einer eigens für die 737-Max-Maschinen entwickelten Steuerungssoftware nach ersten Untersuchungen als entscheidende Ursache der Abstürze gehandelt wird. Bei einem Herstellerfehler wäre Boeing mit grossen Haftungsrisiken konfrontiert. US-Behörden ermitteln, ob bei der Zulassung der 737 Max alles mit rechten Dingen zuging. Sollte Boeing der US-Luftfahrtaufsicht sicherheitsrelevante Informationen verschwiegen haben, würde die Sache noch wesentlich brisanter.

Auch geschäftlich sind die Probleme mit der 737 Max für Boeing eine immense Belastung. Seit dem zweiten Absturz im März sind die Krisenjets mit Startverboten belegt. Wann sie wieder abheben dürfen, ist bislang unklar. Da Boeing seinen bis zu den Unglücken bestverkauften Flugzeugtyp auch nicht mehr ausliefern kann, musste die Produktion bereits deutlich gedrosselt werden. Je länger sich die erhoffte Wiederzulassung hinzieht, desto prekärer und teurer wird es. Boeing steht unter Druck, die Software-Fehler zu beheben, die als Absturzursache gelten, kommt bisher aber nicht wie erhofft voran.

Zwangspause führt zu Rekordverlust

Die Probleme bewirken massive Kosten: Allein im zweiten Quartal brockte die 737-Max-Zwangspause dem Airbus-Rivalen einen Rekordverlust von 2,9 Milliarden Dollar ein. Der Umsatz fiel um 35 Prozent auf 15,8 Milliarden Dollar.

Boeings gesamte Schadensbilanz seit den im März verhängten Flugverboten belief sich laut dem Finanzdienst Bloomberg bereits Ende Juni auf 8,3 Milliarden Dollar. Entlastung gab es seitdem nicht, im Gegenteil: Es kamen weitere Klagen, Konflikte und Schwierigkeiten hinzu, die eine Wiederzulassung der 737 Max eher noch weiter verzögern könnten.

(roy/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Theo am 12.10.2019 08:04 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Pfusch am Gewerk

    Tja, da wurde in USA mal wieder ganz gross gepfuscht. Aber America First geht über alles. Da drückt man bei der Zertifizierung schon mal die Augen zu. Hauptsache das Ding geht in die Luft. Wen die MAX bis Ende 2019 nicht wieder fliegt wird das Boing wohl ruinieren. Dan ist America byebye, zumindest in der Luftfahrt. Auch die FAA hat schwer Schäden genommen. Kaum mehr vertrauen in den Laden.

    einklappen einklappen
  • Cavi33 am 12.10.2019 06:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Rücktritt von Unfähigen

    Anstelle von Krisenmanagement für unfähige Leute würde Boeing besser Risikomanagement für Flugzeuge und deren Passagiere vorantreiben, nicht dass bei jedem Flug bezüglich Sicherheit gebetet werden muss.

    einklappen einklappen
  • Typhoeus am 12.10.2019 08:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Monopolkapitalismus

    mit steigender Unfähigkeit, der Anfang vom Ende.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Martial2 am 13.10.2019 16:24 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das war ein Mal in Seattle...

    Egal wer danach kommt als VR, CEO, Boeing hat kaum noch Chancen um über den Berg zu kommen. Zuviel annullierten Bestellungen, die bestehenden Maschinen bleiben immer noch auf dem Boden, danach noch die vielen Entschädigungen in Millionen wenn nicht Milliarden $. Das freut um so mehr die Konkurrenz von Airbus!

  • rbuechlo19 am 13.10.2019 16:08 Report Diesen Beitrag melden

    Operation 737 Max

    kommt wie in der Schweiz bei Operationen Beim einsteigen muss unterschrieben werden wer mitfliegt, darf nicht klagen. Boeing hat immer Recht.

  • Khun Hans am 13.10.2019 14:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das eigentliche Problem ist,

    dass die 737 Max ein aerodynamischer Murks ist, der mit untauglicher Software und mangelhafter Sensorik hätte kompensiert werden sollen. Alles auf Kosten der Sicherheit der Passagiere und des Flugpersonals.

  • Rüdiger am 13.10.2019 11:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    kein Wunder

    Seinen Stuhl räumen. Igitt! Wie kann sowas passieren? Wundert mich nicht, dass die Putzfrau das nicht machen will.

  • Franz K. am 13.10.2019 10:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Es war sein Wunsch

    Der muss rein gar nichts! Er wollte aus der Schusslinie und tauscht darum, dazu noch mit Verdienstaufbesserung. Ihre Recherchen sind sowas von schlampig.